Glauben Fondsmanager an ESG?

Nach Grünfärberei-Skandalen und einer Phase relativ schwächerer Performance ist der Blick vieler Anleger auf „nachhaltige“ Anlagestrategien etwas nüchterner geworden. Zwar hat sich weitgehend die Erkenntnis durchgesetzt, dass man mit ESG-konformen Anlagen nicht zwingend Renditeeinbussen in Kauf nehmen muss. Umgekehrt nimmt aber auch die Evidenz dafür zu, dass „grün“ nicht automatisch Outperformance bringt. US-Fondsmanager scheinen dies ebenso zu sehen.

 

Mit eigenem Geld lieber kein ESG

Glauben Fondsmanager an ESG? Noch vor nicht allzu langer Zeit wurde das Akronym in einem Atemzug mit „Outperformance“ und/oder „weniger Risiko“ genannt – in jedem Fall mit einer besseren „risikoadjustierten Rendite“ gegenüber traditionellen Anlagestrategien. Inzwischen wird die grüne Anlagewelt nicht mehr bedingungslos durch die rosarote Brille betrachtet. Dennoch wäre es interessant zu erfahren wie es diejenigen sehen, die täglich mit Millionenbeträgen hantieren und für die Anlageentscheide in den Portfolios von institutionellen oder vermögenden Privatkunden letztlich verantwortlich sind. Eine im Februar veröffentliche Studie der Universität St. Gallen1 geht genau dieser Frage am Beispiel von 1‘273 aktiv gemanagten, breit diversifizierten Fonds in den USA nach.

Konkret wurde untersucht, ob Fondsmanager, die auch ihr eigenes Geld in ihre Strategie bzw. in das von ihnen verwaltete Produkt anlegen, mehr oder weniger auf Aktien mit guten Nachhaltigkeitskennzahlen setzen. Dem Studiendesign liegt die Erkenntnis zu Grunde, dass Manager mit „skin in the game“ gemäss ihrer eigenen Nutzenfunktion investieren und ihre wahren Glaubenssätze offenbaren – so also auch im Verhältnis zum nachhaltigen Anlegen. Ähnlich strukturierte Studien haben in der Vergangenheit bereits gezeigt, dass Portfoliomanager, bei denen eigenes Geld auf dem Spiel steht, seltener auf lottoähnliche (hochspekulative) Aktien setzen, weniger Risiken eingehen und im Vergleich zu anderen Managern eine tendenziell bessere risikoadjustierte Performance erzielen. Das Ergebnis der neuesten Untersuchung mag erstaunen: Die Portfolios von Fondsmanagern, die selbst mitinvestieren, weisen schlechtere ESG-Scores auf – je höher die Beträge des eingesetzten Eigenkapitals, desto schlechter wird die ESG-Performance. Stockte ein Manager seine Eigenposition auf, dann reduzierte er die Position an ESG-orientierten Unternehmen nochmals zusätzlich. Co-investierende Manager tendierten zudem zu einem Übergewicht von unter ESG-Aspekten problematischen Titel, während skandal- bzw. risikofreie Aktien untergewichtet wurden.

 

Nachfrage (und höhere Gebühren) schafft das Angebot

Der negative Zusammenhang zwischen dem Engagement mit eigenem Geld in der Anlagestrategie und den Nachhaltigkeitsqualitäten der selektierten Aktien lässt vermuten, dass amerikanische Fondsmanager nicht auf einen performancesteigernden Effekt von ESG glauben. Warum erfreuen sich Nachhaltigkeitsfonds dann stetiger Kapitalzuflüsse bzw. kommen immer neue Produkte auf den Markt? Der Trend scheint von zwei Seiten getrieben zu sein: Einerseits zeigen Anleger seit Jahren ein stetig steigendes Interesse am Thema Nachhaltigkeit. Viele möchten mit ihrem Anlagekapital einen Beitrag zu einer nachhaltigeren Zukunft leisten. Dass dieses Bedürfnis von einigen schwarzen Schafen der Fondsindustrie ausgenutzt wird, um Anlegern das Grüne vom Himmel zu versprechen, ist ein negativer Nebeneffekt des Megatrends ESG – in jedem Fall ist die hohe Anlegernachfrage ein wesentlicher Grund für das steigende (Produkt-)Angebot. Auf der anderen Seite sind als nachhaltig verpackte Anlageprodukte auch für die Finanzbranche attraktiv. Denn diese lassen sich zu teils deutlich höheren Preisen an Mann und Frau bringen. Es ist denn auch ein schlecht gehütetes Geheimnis der Industrie, dass ESG vielleicht weniger Gutes für Mensch und Umwelt tut als meist versprochen, aber vor allem eines ist: lukrativ. Dass es die Anreize sind, die letztlich für oder gegen einen „ESG-Tilt“ mitentscheidend sind, wird durch die Studie der Universität St. Gallen bestätigt. Denn zwar scheinen die US-Fondsmanager nicht viel von ESG zu halten. Wenn ihre Bezahlung aber von der Höhe der verwalteten Anlagen ihres Anlageprodukts abhängt, dann investieren sie vergleichsweise mehr in Aktien mit hohem ESG-Rating als üblich – sie sind sich des „Marketing-Effekts“ von ESG also bewusst. Andererseits: Wenn die Entlohnung des Fondsmanagers allein von der Performance (zum Beispiel gegenüber einer definierten Benchmark) des Anlageprodukts abhängt, dann wird weniger stark in gute ESG-Titel investiert.

 

Nachhaltigkeit ohne Interessenskonflikte

Was folgt aus der Analyse – welche sich wohlgemerkt ausschliesslich auf den US-Markt bezieht – für den Anleger? Wer nachhaltig anlegen möchte, muss sich der Gefahr bewusst sein, dass seine Bedürfnisse von manchem Fondsmanager nicht ausreichend abgedeckt werden, wenn dieser aufgrund entsprechender Anreizstrukturen Eigeninteressen verfolgt. Auch macht die Studie einmal mehr deutlich, dass Anleger in Bezug auf die Kosten von ESG-Produkten durchaus sensibel sein sollten. Aus unserer Sicht sollten nachhaltig orientierte Portfolios nicht deutlich teurer sein als herkömmliche Strategien. Den Interessenskonflikten der Fondsindustrie kann man zudem aus dem Weg gehen, indem man auf Anbieter setzt, bei denen Fehlanreize von vornherein ausgeschlossen sind. Zu dieser Kategorie der unabhängigen Vermögensverwalter zählt sich auch die Kaiser Partner Privatbank. Nicht nur in Bezug auf mögliche Interessenskonflikte unterscheiden wir uns im Vergleich zur Fondsindustrie. Auch vertreten wir im Gegensatz zu den beschriebenen Fondsmanagern die Überzeugung, dass eine dezidierte ESG-Strategie Anlagerisiken mindern kann und eine bessere risikoadjustierte Rendite für den Anleger ermöglicht.

 

*1) V. Orlov, S. Ramelli, A.F. Wagner: Revealed Beliefs about Responsible Investing: Evidence from Mutual Fund Managers

Oliver Hackel, CFA Head of Private Markets & Liquid Alternatives

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