Richtig Kasse machen? – wenn Politiker an der Börse handeln

Die Börsengeschäfte von US-Politikern machten in den letzten Jahren wiederholt Schlagzeilen. Zwar ist Kongressabgeordneten der Handel basierend auf nichtöffentlichen Informationen bereits seit 2012 verboten, mit Interessenskonflikten beladene Wertpapiertransaktionen sind aber nach wie vor an der Tagesordnung. Neue ETFs erlauben es Anlegern nun am vermeintlichen Wissensvorsprung im Kapitol zu partizipieren. Eine ratsame Strategie?

 

Klare Regeln…

Für Insiderhandel gibt es klare Regeln: Der Aktienhandel basierend auf nichtöffentlichen Informationen, welche den Kurs einer Aktie beeinflussen könnten (beispielsweise Informationen über neue Produkte, Rechtsklagen oder Übernahmen), ist verboten. Für Unternehmensinsider gibt es zudem strikte Transparenzvorschriften. So müssen CEOs in den USA ihre persönlichen Handelsaktivitäten in Aktien oder Optionen des eigenen Unternehmens innerhalb von zwei Tagen an die Wertpapierkommission SEC melden. Während sogenannter Blackout-Perioden (z.B. vor der Veröffentlichung von Quartalsberichten) sind ihnen solche Geschäfte gänzlich untersagt. Viele Unternehmen erlegen sich freiwillig noch striktere Vorschriften auf und machen Eigengeschäfte ihrer Angestellten von der Zustimmung der Compliance-Abteilung oder dem Aufsichtsrat abhängig. Auch in Europa gibt es vergleichbare Offenlegungspflichten. In der Schweiz müssen Unternehmenslenker den Handel in eigenen Aktien innerhalb von zwei Tagen an die Schweizer Börse SIX melden, in Deutschland innerhalb von drei Tagen an die BaFin.

 

Blau vor rot | Solider Start für die demokratischen Favoriten

NANC- und KRUZ-ETF 

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

…scheinbar nicht für alle

Verboten ist der Insiderhandel seit 2012 auch für die Abgeordneten im US-Kongress. Der „Stop Trading on Congressional Knowledge (STOCK) Act“ sieht zudem vor, dass Kongressmitglieder jegliche Wertpapiergeschäfte innerhalb von 45 Tagen offenlegen müssen. Dies hält einige Politiker allerdings nicht vom Handel ab. Gemäss der Plattform „Unusual Whales“, welche über die Handelsaktivitäten im Kapitol Buch führt, betreibt rund ein Viertel der Abgeordneten regelmässig Wertpapiergeschäfte. Einige „Star-Trader“ scheinen sich gar mehr mit Wall Street als mit Main Street zu beschäftigen. So machte der Demokrat Ro Khanna im letzten Jahr 5‘800 einzelne Transaktionen und setzte dabei 151 Millionen US-Dollar um. Der Republikaner Michael McCaul kam 2022 gar auf ein Handelsvolumen von 180 Millionen Dollar. Einige Abgeordnete nehmen es mit den existierenden Regeln jedoch nicht allzu ernst. Dass Handelsgeschäfte unvollständig, viel zu spät oder gar nicht gemeldet werden, kommt immer wieder vor. Die geringe Strafe für solche Vergehen von nur 200 US-Dollar ist allerdings auch nicht wirklich abschreckend und wird von den Ethikkommissionen der beiden Kongresskammern nur selten durchgesetzt.

Institutionalisierte Korruption?

Es liegt in der Natur der Sache, dass in Washington D.C., beispielsweise im Austausch mit Interessensvertretern und Lobbyisten oder während des Gesetzgebungsprozesses, praktisch ständig vertrauliche Information im Umlauf sind. Die Verlockung dieses Wissen zum eigenen Vorteil zu nutzen, scheint für so manchen Volksvertreter nur zu gross. Meist bleiben solche mit Interessenskonflikten beladenen Börsengeschäfte unter dem Radar der Öffentlichkeit. Daran hat auch die Offenlegungspflicht bisher wenig geändert. Grössere öffentliche Aufschreie und mediales Schlagzeilengewitter gibt es stets dann, wenn die vermeintliche Bereicherung selbst ein Mindestmass an Moral missen lässt. In die Kritik geriet 2020 beispielsweise Richard Burr, Senator aus North Carolina. Als Vorsitzender des Geheimdienstausschusses wurde er damals in einer privaten Unterrichtung über die Gefahren des Corona-Virus aufgeklärt, kurz darauf verkaufte er Aktien im Wert von 1.7 Millionen US-Dollar. Ähnliche Ungereimtheiten traten kurz vor Beginn des Ukraine-Konflikts auf. Mehr als ein Dutzend Kongressmitglieder fielen damals mit aussergewöhnlichen Aktienkäufen bei Rüstungs- und Ölunternehmen auf.

Wie weit verbreitet die Selbstbedienungsmentalität unter US-Politikern tatsächlich ist, hat die New York Times im letzten Jahr aufgedeckt. Demnach waren in den Jahren 2019 bis 2021 bei mehr als der Hälfte aller an der Börse aktiven Kongressabgeordneten Interessenskonflikte festzustellen. Insgesamt wurden 3‘700 Handelsgeschäfte bei 97 Abgeordneten beanstandet. Politische Vorstösse die bestehenden Regeln zu verschärfen, gibt es immer wieder – und zwar aus beiden Parteien. Ein Vorschlag sieht beispielsweise vor, dass Kongressabgeordnete Aktien, Anleihen und andere Wertpapiere in einem „Blind Trust“ halten müssen – einem Portfolio, das ohne eigenes Zutun von einem unabhängigen Berater verwaltet wird. Eine parteiübergreifende Gruppe forderte zuletzt sogar ein Trading-Verbot. Ob sich Demokraten und Republikaner aber wirklich zusammenraufen werden, um sich einer lukrativen Einkommensquelle zu berauben, bleibt abzuwarten.

Wie gut der Börsenriecher auf dem Capital Hill ist, lässt sich nicht abschliessend beurteilen. Auch weil jegliche Berechnungen mit einem grossen Disclaimer versehen werden müssen und nur mit Vorsicht zu geniessen sind.

Mehr als ein gutes Händchen

Denn dass der Handel mit dem gewissen Extra(-Wissen) für nicht wenige Abgeordnete durchaus einträglich ist, lässt sich – zumindest für die letzten zwei Jahre – mit Zahlen belegen. Die Auswertung von Unusual Whales über alle veröffentlichten Handelsgeschäfte von US-Kongressabgeordneten im letzten Jahr zeigt, dass diese den amerikanischen Aktienmarkt deutlich outperformt haben. Während der S&P 500 Index 2022 gut 18% an Wert verlor, realisierten aktiv handelnde Republikaner einen Gewinn von 0.4%, Demokraten mussten nur ein kleines Minus von -1.8% hinnehmen. Auch im guten Aktienjahr 2021, als der S&P 500 zweistellig zulegte, konnten die Politiker den Markt mit einer Mehr-Rendite von 1.2% leicht schlagen. Die Evidenz ist jedoch nicht eindeutig. Eine Studie des Dartmouth College für den deutlich längeren Zeitraum von 2012 bis 2020 stellte fest, dass die von Abgeordneten gekauften Titel im Schnitt nicht besser oder schlechter abschneiden als andere Aktien. Wie gut der Börsenriecher auf dem Capital Hill ist, lässt sich nicht abschliessend beurteilen. Auch weil jegliche Berechnungen mit einem grossen Disclaimer versehen werden müssen und nur mit Vorsicht zu geniessen sind. Daher können alle Performancezahlen bestenfalls grobe Schätzungen sein. Den Offenlegungspflichten des STOCK Acts mangelt es bisher an der nötigen Informationstiefe. Weder das genaue Handelsvolumen (sondern nur eine weite Spannbreite), noch die zusammengehörenden Käufe und Verkäufe oder das Resultat (Gewinn oder Verlust) müssen heutzutage im Detail bekanntgemacht werden.

 

Nachahmer-ETFs – nicht zur Nachahmung empfohlen

Als Signal zur Identifikation potentiell verdächtiger, gleichzeitig aber auch lukrativer Handelsgeschäfte erfreuen sich die Börsenaktivitäten der Politiker dennoch grosser Beliebtheit. Inzwischen gibt es sogar einen dezidierten Instagram-Kanal, der solche Transaktionen fortlaufend beobachtet. Die Plattform Unusual Whales ist indes noch einen Schritt weiter gegangen und hat in Zusammenarbeit mit dem Asset-Manager Subversive Capital Advisor zwei ETFs lanciert, welche die Wertpapierpositionen von Demokraten (Tickersymbol: NANC) und Republikanern (KRUZ) widerspiegeln sollen. Nicht unerwartet ist der „blaue“ ETF eher technologielastig, während sich im „roten“ ETF Energieunternehmen, aber auch die Glücksspielindustrie findet. Mit nur rund drei Monaten ist der Track Record dieser Produkte noch wenig aussagekräftig. Ob sie zukünftig – dank vermeintlich inhärenten Informationsvorsprungs – den Gesamtmarkt schlagen können, ist jedoch ohnehin fraglich. Denn nicht nur sind die bisherigen Offenlegungspflichten wie oben beschrieben höchst ungenau. Besonders problematisch ist insbesondere auch das lange Zeitfenster von bis zu 45 Tagen, in denen Börsentransaktionen publik gemacht werden müssen – eine Zeitspanne, in der jeglicher Informationsvorteil bereits verpufft beziehungsweise in den Marktpreisen eskomptiert sein dürfte. Privatanleger sind gut beraten diese neuen „Insider-Strategien“ als blosses Amusement – und von der Seitenlinie – zu betrachten. Generell ist es nämlich nicht ratsam im Windschatten von anderen Anlegern mit unterschiedlichen finanziellen Zielen, Zeithorizonten und Risikoparametern zu manövrieren. Vielmehr sollte jeder Anleger eine zu seinen individuellen Bedürfnissen und Restriktionen passende Strategie verfolgen – und langfristig daran festhalten.

 

Grüsse ans Silicon Valley | Demokraten setzen auf Big Tech

Top-10-Werte im NANC-ETF

Quellen: Subversive ETFs, Kaiser Partner Privatbank

 

Grüsse nach Texas | Republikaner setzen auf Big Oil

Top-10-Werte im KRUZ-ETF

Quellen: Subversive ETFs, Kaiser Partner Privatbank

 

Oliver Hackel, CFA Head of Private Markets & Liquid Alternatives

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