Gaspreisschock – ein Jahr danach…

Es wird nichts so heiss gegessen, wie es gekocht wird… (Auch dann nicht, wenn die Gaspreise inzwischen wieder deutlich günstiger sind.) Ein Jahr nach dem europäischen Gaspreisschock lässt sich eine erste Bestandsaufnahme vornehmen: Die Panikmache im letzten Sommer angesichts drohender Versorgungsengpässe war teils deutlich übertrieben, die Kräfte des Marktes haben gewirkt. Der EU-Gaspreisdeckel blieb bisher nur ein theoretisches Konstrukt und dürfte auch in der bevorstehenden Heizperiode nicht zum Einsatz kommen.

 

Nur eine technische Rezession

Ende August 2022 erreichte der europäische Erdgaspreis (TTF) angesichts der gänzlichen Einstellung russischer Gaslieferungen durch die Pipeline Nord Stream 1 das Ende der Fahnenstange. Zeitweise notierten die Preise bei fast 350 Euro pro Megawattstunde. Die Panik unter Industrieverbänden, Gewerkschaften, Ökonomen (und Politikern) im besonders stark vom russischen Gas abhängigen Deutschland erreichte ihren Höhepunkt bereits einige Wochen zuvor als drastische Horrorszenarien die Runde machten. Die pessimistischsten Prognosen erwarteten im Falle komplett ausbleibender Gaslieferungen einen Einbruch der deutschen Wirtschaftsleistung zwischen -6% und -12%. Hinterher ist man immer schlauer… – inzwischen wissen wir, dass Deutschland im Winterhalbjahr 2022/23 „nur“ eine minimale (technische) Rezession durchgemacht hat. Die Realität bestätigte damit die Fraktion deutlich nüchterner Wirtschaftsforscher, welche einen Abbruch der Energiebeziehungen mit Russland bereits im Frühling 2022 als handhabbar einschätzten1.

 

Der Erdgasmarkt funktioniert… | …auch ohne Preisdeckel

Terminpreis für europäisches Benchmark-Erdgas (TTF), in €/MWh

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

Der Markt regelt alles vieles

Im Nachhinein betrachtet erwies sich die (deutsche) Marktwirtschaft als viel robuster und anpassungsfähiger als von vielen befürchtet. Unternehmen stiegen teilweise auf andere Brennstoffe (z.B. Kohle) oder Produkte mit höherem Energiegehalt (Harnstoff) um. Rund die Hälfte des russischen Erdgases konnte zudem durch zusätzliche europäische Flüssiggasimporte (LNG) ersetzt werden. Auch die Haushalte passten ihr Verbrauchsverhalten an und senkten ihren Gasverbrauch um -12% (gegenüber dem Schnitt 2019-2021). Die befürchteten „Kaskadeneffekte“ konnten in Deutschland hingegen nicht beobachtet werden. Während die Produktion in energieintensiven Sektoren wie Chemie und Glas stark zurückging, war die Industrieproduktion in anderen Sektoren kaum betroffen. Dass die deutsche Politik im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern auf eine Preisobergrenze für Erdgas verzichtete, erwies sich als richtig. Der (hohe) Preis allein hatte für das oben skizzierte Anpassungsverhalten eine wesentliche Lenkungsfunktion. Ebenso hilfreich war das schnelle Handeln des deutschen Wirtschaftsministeriums bei der Beschaffung von Gaslieferungen aus Drittländern und dem Aufbau von LNG-Kapazitäten. Eine Gasmangellage wäre dank der Anpassungsfähigkeit der Marktteilnehmer gemäss einer Studie von B. Moll, M. Schularick und G. Zachmann2 selbst dann nicht eingetreten, wenn Deutschland freiwillig ab dem 1. April 2022 auf sämtliche Gasimporte aus Russland verzichtet hätte. Auch der häufig betonte Faktor „Glück“ – im Sinne eines überdurchschnittlich warmen Winters –, der für den glimpflichen wirtschaftlichen Ausgang häufig verantwortlich gemacht wird, war gemäss der Autoren kein entscheidendes Element. Wie wichtig ein funktionierender (globaler) Markt ist, bestätigt auch eine Studie von Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF) 3. Demnach sind die Kosten eines russischen Gasboykotts gegenüber Europa dank des globalen LNG-Marktes nur ein Drittel so hoch wie in einem Szenario, in dem diese Ausweichmöglichkeit nicht bestehen würde.

 

(Heisser) Sommer ist vor dem (…) Winter

Auch wenn man angesichts des erneut rekordheissen Sommers aktuell nicht unbedingt ans Heizen denkt, muss der Blick auf die Gas-Problematik abschliessend nach vorne gerichtet sein. Nüchtern betrachtet ist auch dieser eher positiv. Der Erdgaspreis notiert zuletzt unter 30 Euro pro Megawattstunde und die deutschen Gasspeicher sind bereits zu diesem frühen Zeitpunkt zu mehr als 80% gefüllt. Schon zu Herbstbeginn könnten sie voll sein. Der EU-Gaspreisdeckel bei 180 Euro dürfte aller Voraussicht nach auch im kommenden Winter nicht zum Einsatz kommen und ein theoretisches Konstrukt bleiben. Entlastung für die europäische Versorgungslage kommt in der anstehenden Heizperiode ausgerechnet aus China, das am Weltmarkt mit der EU um die vorhandenen LNG-Kapazitäten konkurriert. Gemäss Daten des Analysehauses ICIS wird die Volkrepublik 2023 rund 73 Millionen Tonnen Flüssigerdgas importieren, 6 Millionen Tonnen weniger als 2021. Die Ursache dafür sind höhere chinesische Gasimporte via Pipeline aus Russland, die schwache Erholung der chinesischen Wirtschaft von der Corona-Delle und das eifrige Abschliessen langfristiger LNG-Lieferverträge. Letzteres dürfte dafür sorgen, dass China am Spotmarkt seltener mit anderen Ländern um freie LNG-Kontingente feilschen wird. Die Menge LNG, die China laut ICIS-Prognose in diesem Jahr weniger importieren wird als 2021, scheint auf den ersten Blick nicht sehr ins Gewicht zu fallen. Schliesslich hat der Weltmarkt für Flüssiggas ein Volumen von 405 Millionen Tonnen. Allerdings machen diese sechs bis sieben Millionen Tonnen ungefähr zehn Prozent des deutschen Verbrauchs aus. In einem weltweit knappen Markt kann dies bereits den Ausschlag geben, ob es zu starken Schwankungen bei den Preissignalen kommt.

 

Diesmal kein Stress | Die Speicher sind bereits gut gefüllt

Füllstand der Gasspeicher in Deutschland

Quellen: Gas Infrastructure Europe, Kaiser Partner Privatbank

 

*1) Rüdiger Bachmann et al. (2022): “Was wäre, wenn…? Die wirtschaftlichen Auswirkungen eines Importstopps russischer Energie auf Deutschland”

*2) Benjamin Moll, Moritz Schularick, Georg Zachmann (2023): “Nicht einmal eine Rezession: Die grosse deutsche Gasdebatte im Rückblick”

*3) Silvia Albrizio et al. (2023): “Sectoral Shocks and the Role of Market Integration: The Case of Natural Gas”

Oliver Hackel, CFA Head of Private Markets & Liquid Alternatives

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