Leere Hüllen verkaufen sich gut
SPACs sind an der Wall Street derzeit en vogue. Die Blankoscheck-Fonds ermöglichen Unternehmen einen schnellen Börsengang und sind für ihre Gründer meist ein einträgliches Geschäft. Anleger kaufen hingegen die Katze im Sack und haben zuweilen das Nachsehen.
Vier Buchstaben: SPAC
2020 war für viele ein nervenaufreibendes Jahr – auch für die Akteure im Bereich von Unternehmensfusionen und -akquisitionen (Mergers & Acquisitions oder kurz: M&A). Zu Beginn liess die Pandemie die Vorstellung von Unternehmensübernahmen für einige Monate wie etwas aus einer verlorenen Zeit erscheinen. Doch dann setzte ein nie dagewesenes Ausmass an Aktivität ein – trotz pausenlos wütender Gesundheitskrise. Inmitten der Drehungen und Wendungen des letzten Jahres kann die grösste Sache, welche Fusionsberater in Corona-Zeiten beschäftigte, in vier Buchstaben zusammengefasst werden: SPAC. Die Abkürzung steht für «Special Purpose Acquisition Company». Sie waren 2020 die unbestreitbaren Stars der M&A-Industrie. Einst als zwielichtiges Wall-Street-Relikt abgetan, haben sich SPACs zu einem der heissesten Trends in der Finanzbranche entwickelt. Die Zahlen sprechen für sich: 248 SPACs wurden im vergangenen Jahr laut SPAC Insider gegründet, viermal mehr als im Jahr zuvor. Die durchschnittliche Grösse einer SPAC betrug 335 Millionen US-Dollar, fast zehnmal so viel im Jahr 2009.
Verkaufsschlager
SPACs finden reissenden Absatz
Anzahl und Volumen von SPAC-Börsengängen in den USA
Quellen: SPAC Insider, Kaiser Partner Privatbank
Doch was sind SPACs genau und was macht sie so attraktiv? Im Grunde genommen sind es börsennotierten Hüllen, die allein gegründet werden, um mit einem Unternehmen in Privatbesitz zu fusionieren und diesem Übernahmeziel eine fertige Börsennotierung zu verschaffen. Anleger, die in eine solche Hülle investieren, wissen zum Zeitpunkt ihrer Investition in der Regel nicht in welches Unternehmen ihr Geld letztlich fliesst – sie kaufen die sprichwörtliche Katze im Sack. Daher werden SPACs zuweilen auch als Blankoscheck-Fonds bezeichnet. Für die Gründer der Übernahme-Vehikel, auch Sponsoren genannt, und die Verkäufer der privaten Unternehmen ist die Attraktivität hingegen offensichtlich: Die Sponsoren erhalten in der Regel eine 20 %-ige Beteiligung zu sehr geringen Kosten – bekannt als «Promotion» –, die sich nach einer Fusion in eine grosse Beteiligung am Zielunternehmen verwandelt. Die Verkäufer wiederum können schnell und direkt an die Börse gehen – ohne den Ärger oder die Einschränkungen, die der deutlich längere (Um-)Weg über einen traditionellen Börsengang in der Regel mit sich bringt. Ein Vorteil, der insbesondere Risikokapitalgeber anzieht.
Die Liste an mehr oder weniger schillernden SPAC-Sponsoren wurde im letzten Jahr immer länger – vom ehemaligen Baseball-Manager Billy Beane über die Unternehmerlegende Richard Branson bis hin zu Paul Ryan, dem ehemaligen Sprecher des Repräsentantenhauses. Der Hedgefonds-Mogul Bill Ackman sammelte im Juli gar die Rekordsumme von 4 Milliarden US-Dollar ein. Genug, um Berichten zufolge Airbnb für eine Fusion ansprechen zu können. Diese Aktion trug zwar letzten Endes keine Früchte, doch allein die Vorstellung, dass ein SPAC ein Ziel dieser Grösse schlucken könnte, ist bezeichnend. Gewiefte Banker suchen derweil nach Finanzkonstruktionen, die es ermöglichen in Zukunft noch mehr Geld in SPACs zu pumpen, damit diese immer grössere Ziele erwerben können. Vertreter der M&A-Branche erwarten, dass sich der SPAC-Wahn, der bisher vor allem ein amerikanisches Phänomen war, global ausbreiten wird. Im Dezember sammelte der französische Milliardär Xavier Niel 300 Millionen Euro für einen Blankoscheck-Fonds ein – es war das grösste Marktdebüt in Frankreich im vergangenen Jahr.
Anhaltend schwache Renditen könnten den Appetit der Investoren nach SPACs 2021 zügeln.
Was könnte schiefgehen?
Zu Beginn des neuen Jahres stellt sich nun die Frage, ob die SPAC-Welt so rosarot bleibt wie zuletzt. Warnsignale, welche die möglichen Risiken für Anleger aufzeigen, gab es bereits in den letzten Monaten. So sind einige der Zielunternehmen von SPAC-Deals seit dem Börsengang ins Straucheln geraten, beispielsweise der Hersteller von Elektro-LKWs Nikola. Selbst wenn Skandale ausblieben, war die Performance so mancher Blankoscheckgesellschaft nach dem Börsengang schlechter als die des S&P500-Index. Anhaltend schwache Renditen könnten den Appetit der Investoren nach SPACs 2021 zügeln. Zudem könnte es gerade ihre Popularität sein, die den SPACs am Ende zum Verhängnis wird. Mehr als 200 Blankoscheck-Fonds sitzen derzeit auf rund 70 Milliarden US-Dollar und suchen nach Übernahmezielen. Dies impliziert eine potenzielle Kaufkraft von etwa 350 Milliarden Dollar, da ein SPAC dank zusätzlichem Kapital von externen Investoren typischerweise mit einem Unternehmen fusioniert, das fünfmal so gross ist wie es selbst. SPACs haben in der Regel nur zwei Jahre Zeit, um ein Übernahmeziel zu finden. Falls dies nicht gelingt, sind sie vertraglich dazu verpflichtet, das Geld an die Investoren zurückzugeben. Dies setzt sie unter Zeitdruck, was dazu führen kann, dass sie sich gegenseitig aus Geschäften verdrängen oder zu Fusionen führen, die aus Dringlichkeit statt aus Vorsicht geboren werden.
Zu guter Letzt könnte auch einer der Hauptgründe für die steigende Popularität der SPACs nachlassen: die enttäuschende Performance von «normalen» Börsengängen (IPOs). Der enorme Anstieg der Bewertungen von Unternehmen wie Airbnb und DoorDash bei ihren jüngsten Börsengängen könnte einige Unternehmen dazu veranlassen, zu traditionelleren Wegen des IPO zurückzukehren, so dass SPACs zwar Milliarden von Dollar, aber weniger kaufenswerte Ziele haben.