Was bedeutet Präsident Biden für die Finanzmärkte?
Der Nebel nach den US-Wahlen verzieht sich langsam. Da kommt die Frage auf, was der neu gewählte Präsident Joe Biden beziehungsweise dessen Agenda für die Perspektive an den Finanzmärkten bedeutet. Kurzgefasst: Die Auswirkungen dürften sich in Grenzen halten.
Präsidiale Tweets werden Mangelware
Rund 200 Tweets hat Donald Trump in den letzten knapp vier Jahren zum Thema Aktienmarkt vom Präsidentensessel aus abgesetzt. Meist dann, wenn die Kurse stiegen oder neue Rekordmarken geknackt wurden. Hin und wieder war sein Gezwitscher aber auch für kurzzeitige Kurseinbrüche verantwortlich, beispielsweise als der Handelskrieg mit China auf hoher Flamme kochte. Verglichen mit dem Twitter-Präsidenten Trump dürfte es für die Marktteilnehmer an den Aktienbörsen unter dem neu gewählten Präsidenten Joe Biden vergleichsweise langweilig werden. Weder dürfte er regelmässige Kurznachrichten zum Stand des Dow Jones Index senden, noch dürfte er weiter an der Zollschraube drehen. Da der Präsident der Vereinigten Staaten in Fragen der Aussenpolitik relativ viel Gestaltungsspielraum besitzt, ist der Umgang mit den US-Handelspartnern eines der Themen, bei dem Biden bei den Investoren für Erleichterung sorgen könnte. Denn der Schlagabtausch mit China hat doch merklich auf die Gewinne der US-Unternehmen gedrückt. Schon ein teilweises Zurücknehmen der gegenseitig verhängten Zölle würde sich in den Gewinnrechnungen der Unternehmen bemerkbar machen und wäre ein positives Signal für den Aktienmarkt.
Grüne Welle
Hausse bei erneuerbaren Energien
Kursentwicklung Invesco Solar ETF
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
«Gridlock» – bleibt alles beim Alten?
Und auch sonst ist eine Disruption à al Trump, welcher mit einer massiven Senkung der Unternehmenssteuern (von 35% auf 21%) zu Beginn seiner Amtszeit für ein aussergewöhnlich gutes Aktienjahr 2017 sorgte, im nun wahrscheinlichsten politischen Szenario sehr unwahrscheinlich. Denn dieses sieht weiterhin geteilte Kräfteverhältnisse im US-Kongress und somit ein Ausbleiben der erhofften (oder befürchteten) blauen Welle vor. Zwar gibt es im Januar im Bundesstaat Georgia nochmals zwei Stichwahlen zwischen demokratischen und republikanischen Senatoren, die den Demokraten im Falle eines Doppelsiegs eine Pattsituation und damit faktisch die Oberhand im Senat ermöglichen könnten. An den Wettmärkten wird einem solchen Ausgang derzeit aber nur eine Wahrscheinlichkeit von einem Drittel zugesprochen. Und so könnte es in Washington D.C. mindestens zwei weitere Jahre geprägt von einer politischen Blockade («gridlock») geben. Bei vielen Punkten auf seiner Agenda müsste Joe Biden ohne Hoheit im Kongress deutlich Abstriche in Kauf nehmen. Eine Erhöhung der Unternehmenssteuern wäre ebenso vom Tisch wie eine allgemeine Erhöhung des Mindestlohns auf 15 US-Dollar pro Stunde. Generell dürften die Gewinne der börsennotierten Unternehmen in einem «Gridlock-Szenario» – und damit ein wichtiger Einflussfaktor auf die Bewertung von Aktien – von politischer Seite weitgehend unangetastet bleiben. Börsianer dürften diese Botschaft gerne hören.
Grüne statt blaue Welle
Auch die Gesundheitsindustrie dürften mit einer Pattsituation im Kongress gut leben können. Politische Schritte zur Reduktion der Medikamentenpreise und der hohen Marktkonzentration im Gesundheitswesen scheinen fürs Erste vom Tisch zu sein. Kurzfristig könnte die Branche, nicht zuletzt aufgrund der COVID-19-Pandemie, gar von verstärkten Investitionen in den Bereichen Medizintechnik sowie Schutzausrüstungen profitieren. Der Technologiesektor (oder zumindest einige seiner Vertreter aus dem Silicon Valley) ist in den letzten Wochen vorsorglich schon einmal auf Kuschelkurs mit den Demokraten gegangen. Unter dem neuen Präsidenten dürfte es der Branche wohl nicht schlechter ergehen als in den letzten Monaten, in denen den grossen Namen Amazon, Google & Co. bereits schärfer auf die Finger geschaut wurde. Der Extremfall einer Zerschlagung scheint jedenfalls ausgeschlossen – und mit einem Vergleich oder Strafzahlungen könnten die Internetriesen sicher gut leben.
Die Investoren haben das Zukunftsszenario einer grünen Welle bereits weitgehend eingepreist.
Ein gutes Auskommen mit Präsident Joe Biden dürften auch die Produzenten und Zulieferer im Bereich alternativer Energien haben. Dieser hat bereits angekündigt, dass er den Fauxpas seines Vorgängers im Januar 2021 korrigieren und dem Pariser Klimaabkommen wieder beitreten will. Aber es dürfte nicht allein bei solchen Schlagzeilen bleiben. Bis zum Jahr 2050 sollen die USA das Ziel der Klimaneutralität erreicht haben und in den nächsten zehn Jahren sollen zwei Billionen US-Dollar in erneuerbare Energien investiert werden. Die Investoren haben das Zukunftsszenario einer grünen Welle – wie so oft – bereits weitgehend eingepreist. So hat beispielsweise ein auf Solaraktien fokussierter ETF seit den US-Wahlen um ein Drittel (und seit Jahresbeginn um rund 200%) zugelegt.