Jahresausblick 2021
Konjunktur: Aufschwung in Sicht
Unerwartet und besonders scharf: Das Corona-Jahr 2020 brachte – neben vielen anderen Dingen – auch den grössten Konjunktureinbruch der jüngeren Wirtschaftsgeschichte mit sich. 2021 kann und wird es da nur besser werden. Allein aufgrund von Basis- und Nachholeffekten dürfte sich die Wirtschaft ab dem Frühjahr kräftig erholen. Die Konsensprognosen sehen für grössten Industrieländer (G8) ein Wachstum von rund 4% voraus. Vieles steht und fällt dabei allerdings mit den weiteren Entwicklungen beim Impfstoff gegen COVID-19, denn viele Fragen sind hier noch offen: Wie viel vom Impfstoff ist wann und für wen verfügbar? Was ist dessen Wirkung (und Nebenwirkung) auf lange Sicht? Und wer möchte sich überhaupt impfen lassen?
Insbesondere die Aussichten für den hart getroffenen Dienstleistungssektor sind von der weiteren Entwicklung in Sachen Pandemie abhängig. Als Wachstumsmotor für die Weltwirtschaft könnte sich im nächsten Jahr einmal mehr China erweisen. Das Reich der Mitte, welches die Corona-Krise deutlich besser bewältigt hat als der Westen, dürfte 2021 um rund 8% wachsen. Wachstumsunterstützung wird es für die Industrieländer auch weiterhin von Seiten der Politik geben. In den USA dürften sich Demokraten und Republikaner in den kommenden Wochen zumindest auf ein kleines Konjunkturpaket einigen. Und auch in Europa dürfte das Schuldenmachen en vogue bleiben – dies sehen selbst der deutsche Finanzminister und die Europäische Kommission so. Die Notenbanken werden derweil auch im Nach-Corona-Jahr ihre gewohnte Rolle spielen und für eine fortgesetzt expansive Geldpolitik sorgen. Die Inflation dürfte ihnen dabei nicht im Weg stehen. Zwar sollte neben dem Wachstum auch die Teuerung im Frühling etwas ansteigen. Das 2%-Inflationsziel der Notenbanker bleibt 2021 (und wahrscheinlich auch danach) aber ausser Reichweite.
Geopolitik: Was kommt nach Trump?
Im Januar wird es den – von vielen herbeigesehnten – Führungswechsel im Weissen Haus geben. Klar ist, dass es danach weniger präsidiale Tweets geben wird. Dass es mit Joe Biden aber wieder zurück auf «Los» geht, ist nicht anzunehmen. Zwar dürfte dieser gegenüber den Europäern einen konzilianteren Ton anschlagen und beispielsweise in Fragen von Umwelt und Verteidigung eine intensivierte Zusammenarbeit anstreben. Doch beim Thema Handel gilt auch für Biden «America First» – wenn auch unter anderer Bezeichnung. Und so dürften Handelsdiplomaten auf beiden Seiten des Atlantiks auch zukünftig alle Hände voll zu tun haben. Das Hauptaugenmerk des neuen US-Präsidenten dürfte aber auf China liegen. Dies nicht nur mit Blick auf den Handel, sondern beispielsweise auch in Bezug technologische und militärische Ambitionen.
Dass China eine grosse Bedrohung darstellt, ist im politischen Washington D.C. die Mehrheitsmeinung und so dürfte sich der Kalte Krieg zwischen den beiden Wirtschaftsriesen fortsetzen. Die Europäer dürfte sich in diesem Gefecht zunehmend auf Seiten der USA positionieren wollen. Europa selbst sollte 2021 – abgesehen von einem weiterhin möglichen «Brexit»-Unfall – hingegen kein (geo)politischer Hot-Spot werden. Zwar ist der Wahl-Kalender im neuen Jahr gut gefüllt. Doch nicht zuletzt aufgrund von «Corona» haben die populistischen Parteien an Zuspruch verloren. Und die grosszügigen staatlichen Konjunkturspritzen dürften dafür sorgen, dass dies vorerst so bleibt.
Die grosszügigen staatlichen Konjunkturspritzen dürften dafür sorgen, dass die populistischen Parteien weiterhin an Zuspruch verlieren.
Aktien: Positive Vorzeichen
Für Aktionäre war 2020 trotz «Corona» am Ende kein schlechtes Jahr. Angetrieben von geld- und fiskalpolitischem Stimulus sowie zuletzt von positiven Impfstoff-Nachrichten markierten die (US-)Aktienmärkte im Herbst bereits wieder neue Allzeithochs. Auch für 2021 ist die Mehrzahl der Analysten (fast schon naturgemäss) optimistisch. So erwartet der Konsens beispielsweise für den S&P500-Index für nächstes Jahr einen Anstieg von circa 10%. Punktprognosen sind bei uns zwar nicht an der Tagesordnung, doch auch wir blicken konstruktiv auf das Aktienjahr 2021.
Im Einklang mit der Konjunktur haben die Unternehmensgewinne im nächsten Jahr grösseres Erholungspotential. Rückenwind gibt es zudem auch nach wie vor seitens der Geldpolitik. Absolut betrachtet sind Aktien zwar hoch bewertet. Doch dies gilt auch für nahezu alle anderen Anlageklassen, insbesondere für Anleihen. Gerade im Vergleich mit festverzinslichen Papieren besserer Bonität sind Dividendenpapiere weiterhin deutlich attraktiver. Innerhalb des Aktienbereichs sehen wir zu Beginn des neuen Jahres weiteres Erholungs- bzw. Aufholpotential bei günstig bewerteten Aktien aus zyklischen Branchen. Im Gegensatz zur kurzen Episode im Frühling dieses Jahres dürfte die Rotation hin zu Value-Titeln diesmal also etwas länger andauern. Auch die Regionen Europa und Japan dürften davon profitieren. Ein echtes «Value-Revival» erwarten wir aber nicht. Auf längere Sicht bleiben Qualitätsaktien mit Wachstumscharakter unsere Favoriten.
Anleihen: Auf der Suche nach Rendite
An den Anleihemärkten muss man die Zinsen (beziehungsweise die Zinserträge) schon seit Langem mit der Lupe suchen, insbesondere in Europa. Dies dürfte auch im neuen Jahr nicht anders sein, was vor allem den Notenbanken zu verdanken ist. Am kurzen Ende der Kurve werden die Zinsen mittels ultratiefer Leitzinsen nahe der Nulllinie gehalten und bei den langfristigen Zinssätzen ist das Aufwärtspotential aufgrund der Anleihenkäufe der Europäischen Zentralbank (EZB) ebenfalls limitiert. Selbst in den USA werden die Risiken für Anleiheeigner inzwischen nicht mehr gross entschädigt, auch wenn Anleihen dort noch kein zinsloses Risiko sind (wie in Europa). Wer mehr Zins kassieren möchte, muss hier wie dort die Risikoleiter weiter hinaufklettern.
Bei den bonitätsschwachen Unternehmen aus dem US-High-Yield-Segment bekommt man derzeit immerhin noch einen Aufschlag von 4% gegenüber Staatsanleihen. Doch nicht nur aus Ertragssicht sind Anleihen weitgehend unattraktiv. Auch ihre Rolle als Stabilisator im Anlegerportfolio steht zunehmend in Frage. Da die Renditen von langlaufenden Anleihen kaum noch weiter zurückgehen können, ist ihr Aufwärtspotential im nächsten Abschwung – sei es ein Abschwung der Wirtschaft oder einfach nur ein Schluckauf an den Aktienmärkten – begrenzt. Die Kursverluste von Aktien dürften von den Anleihen dann kaum wettgemacht werden können. Fazit: Festverzinsliche Papiere sind auch 2021 eher ein notwendiges Übel, von dem man möglichst wenig im Portfolio haben sollte. Umso wichtiger ist es daher dem Bereich der alternativen Anlagen Beachtung zu schenken.
Finanzmarktprognosen sind stets mit hoher Unsicherheit behaftet, insbesondere im Bereich der Währungen – gelegentlich auch als Königsdisziplin bezeichnet.
Alternative Anlagen: Wichtige Portfoliobausteine
Mit einem Anstieg von rund 20% war Gold in diesem Jahr nicht nur ein diversifizierender, sondern auch ein ertragreicher Portfoliobaustein. Dies obwohl das gelbe Edelmetall seit dem Spätsommer eine ausgedehnte Korrektur durchläuft. Angesichts von Impfstoff- und Konjunktur-Optimismus und leicht steigenden Realzinsen scheint Gold zuletzt etwas an Attraktivität eingebüsst zu haben. Die längerfristigen Treiber des Gold-Bullenmarktes sind aber weiterhin intakt. Dies sind unter anderem die expansive Geldpolitik der Notenbanken und der herrschende Anlagenotstand, welche zu tiefen Opportunitätskosten für das Halten von Gold und eine entsprechend hohe Anlegernachfrage führen. 2021 könnte sich auch die Schmucknachfrage in den aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens wieder erholen.
In Summe sollten Anleger für das neue Jahr zumindest eine neutrale Goldquote anstreben. In ähnlichem Ausmass sollten auch Immobilien Bestandteil eines ausgewogenen Portfolios sein. Die Argumente für das «Betongold» ähneln denen des Edelmetalls. Angesichts von negativ rentierenden Staatsanleihen und mangelnden Alternativen sind Immobilienfonds – trotz im historischen Vergleich relativ hoher Agios – nach wie vor attraktiv. Innerhalb der Kategorie «alternative Anlagen» sind schliesslich auch Hedgefonds eine Prüfung wert. Auch wenn diese ihrem Ruf nach (aktien-)marktunabhängiger Performance in der Vergangenheit – gemessen an der Entwicklung der breiten Hedgefonds-Indizes – selten gerecht wurden, können einzelne Produkte durchaus überzeugen. Auf die richtige Auswahl kommt es allerdings an – Selektivität ist Trumpf.
Währungen: Eu(ro)phorie
Einer der grössten Verlierer des ablaufenden Jahres ist der US-Dollar. Seit Jahresbeginn hat der US-Dollar-Index mehr als 5% an Wert eingebüsst. Die Mehrheit der Devisenanalysten ist sich derzeit darin einig, dass es für den Greenback 2021 weiter bergab geht. Tatsächlich sind die sich auftürmenden Staatsschulden in den USA und das schwache charttechnische Bild für den Dollar aktuell wenig inspirierend. Doch zumindest was die Fundamentaldaten betrifft, sieht es für den Euro eigentlich nicht viel besser aus. Ob der Euro-Optimismus, welcher sich unter anderem aus hohen Wetten an den Terminmärkten auf einen weiter steigenden Euro-Kurs ablesen lässt, gerechtfertigt ist, wird das neue Jahr erst zeigen müssen. Finanzmarktprognosen sind stets mit hoher Unsicherheit behaftet. Dies gilt für den Bereich der Währungen – gelegentlich auch als Königsdisziplin bezeichnet –, wo eine Trefferquote von 55% schon als beachtenswert gilt, im Besonderen.
Von Kursprognosen sehen wir daher auch beim vielbeachteten Währungspaar EUR/USD ab. Mit etwas mehr Überzeugung treffen wir hingegen folgende Aussage: Auch 2021 dürfte der Schweizer Franken eine relativ starke Währung bleiben. Dessen Stärke im Corona-Jahr beruhte nämlich nicht allein auf der Schwäche der Weltwirtschaft oder der Nervosität an den Finanzmärkten. Wie die letzten Wochen zeigen ist der Franken keine Währung, die nur dann läuft, wenn es an den Märkten «risk off» heisst. Der hohe Leistungsbilanzüberschuss, die vergleichsweise niedrige Staatsverschuldung und die tiefe Zinsdifferenz machen den Schweizer Franken in guten wie in schlechten Zeiten attraktiv. Dies dürfte vorerst auch so bleiben.