Schlechtes Timing?! – Der Magazin-Cover-Indikator
Die menschliche Psyche steht dem Erfolg des Privatanlegers oft im Weg. Doch auch Finanzprofis und -journalisten sind vor den Tücken der (Massen-)Psychologie nicht gefeit. Prominente Titelgeschichten in Finanz- und Nachrichtenmagazinen sind oft ein Abbild der Stimmungen und Positionierungen im globalen Börsenkarussell. Der Magazin-Cover-Indikator hat einen bemerkenswerten Track Record und sollte in die Werkzeugkiste jedes Anlegers gehören.
Die Finanzmärkte sind kein leichtes Spiel
Dem durchschnittlichen „Privatanleger“ werden oft wenig schmeichelhafte Eigenschaften nachgesagt. Er hält zu lang an den Verlierern in seinem Anlagedepot fest und verkauft Gewinner zu früh (Dispositionseffekt), er legt „alle Eier in einen Korb“ (fehlende Diversifikation) und handelt zu viel (Overtrading), er folgt der Masse (Herdentrieb) und hat generell Angst etwas – genauer gesagt Gewinne – zu verpassen („Fear of missing out“ (FOMO)). Auch versuchen Privatanleger häufig den Markt „zu timen“ – ein Unterfangen, das den wenigsten gelingt. Das amerikanische Analysehaus Dalbar Inc. kommt in seiner jährlichen Studie „Quantitative Analysis of Investor Behavior“ aufgrund all dieser Anlegerfehler regelmässig zu dem Ergebnis, dass der durchschnittliche „Do-It-Yourself“-Anleger deutlich – nämlich um einige Prozentpunkte – schlechter abschneidet als ein simples Investment im S&P 500 Index. Wohlgemerkt gilt diese Analyse für das Beispiel USA. In Europa dürften sich Anleger allerdings nicht wesentlich anders verhalten. Zugutehalten muss man den Privatanlegern allerdings, dass es die vermeintlichen „Profis“ oft nicht besser machen. Regelmässig werden neue Anlageprodukte genau dann lanciert, wenn eine Anlage(klasse) bereits sehr gut performt oder eine neue „Story“, respektive ein neuer Trend, schon die Runde gemacht hat. In diese Kategorie zählten Ende 2020 beispielsweise ETFs auf SPACs (Mantelgesellschaften) und im Sommer 2021 Aktienkörbe auf das Thema „Metaverse“.
Regelmässig prozyklisch? | Buy high, sell low (von Finanzprofis)
Bitcoin-Kurs in US-Dollar

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Der Magazin-Cover-Indikator
Dass derlei Anlageprodukte in der Regel „zu spät“ auf den Markt kommen, ist durchaus nachvollziehbar. Erst muss ein Trend oder Thema von einer breiteren Masse und von einem Produktanbieter entdeckt werden, dann ein entsprechendes Produkt in der Finanzmanufaktur „produziert“ und schliesslich noch die Marketingmaschinerie angeschmissen werden. All dies dauert Zeit – Zeit, in der die Neuigkeiten bzw. das Potential einer Anlageidee meist schon in den Marktpreisen reflektiert wurde. Analog dazu verhält es sich mit dem „Output“ von Finanzjournalisten – neben Privatanlegern und Semi- oder Vollprofis der dritten Kategorie von Teilnehmern am Börsenkarussell. Zunächst muss eine Story am Markt oder in der Gesellschaft eine gewisse Verbreitung gefunden haben. Bevor sie es dann vielleicht bis auf das Cover eines Finanzmediums schafft, muss sie zuvor noch recherchiert, geplant und geschrieben werden. Nicht selten ist das Thema bei Veröffentlichung dann bereits ein alter Hut. Und mehr noch: Erstaunlich oft markieren visuell hervorstechende Magazin-Cover oder besonders prägnante Titel-Stories den Höhepunkt eines Hypes oder den Tiefpunkt vor einer Wende zum Besseren. Dieses Phänomen hat einen einfachen wie einleuchtenden Namen: der Magazin-Cover-Indikator. Als Paradebeispiel für ein solches Stimmungsbarometer mit kontraindikatorischer Wirkung gilt noch heute das legendäre Cover der „BusinessWeek“-Ausgabe vom 13. August 1979 „The Death Of Equities – How inflation is destroying the stock market“. Dies allerdings etwas zu Unrecht. Denn zwar folgte nach dessen Veröffentlichung tatsächlich bald ein riesiger Aktienbullenmarkt, der bis zur Jahrtausendwende anhielt. Es dauerte allerdings noch rund drei Jahre (und ein inflationsadjustiertes Minus von -32% im Dow Jones Index) bevor der endgültige Tiefpunkt am US-Aktienmarkt erreicht war. In diesem berühmt-berüchtigten Fall war der vermeintliche Kontraindikator also gar keiner…
Weltberühmt… | …aus falschen Gründen
BusinessWeek-Cover vom 13. August 1979

Quellen: BusinessWeek, Kaiser Partner Privatbank
Erstaunlich hohe Trefferquote
Dennoch hat der Magazin-Cover-Indikator nicht umsonst einen gewissen Ruf. Der Ökonom und Nobelpreisgewinner Paul Krugman witzelte einst: „Whom the Gods would destroy, they first put on the cover of BusinessWeek”. Passende Anekdoten zu dieser Feststellung gibt es durchaus, wenn auch im Beispiel eines anderen prominenten US-Nachrichtenmagazins, dem „TIME“ Magazine. Dort wurde der Amazon-Gründer Jeff Bezos Ende 1999 – auf dem Höhepunkt der Internetblase – zur „Person of the Year“ ernannt. Im folgenden Jahr verlor der Kurs der Amazon-Aktie mehr als 80% an Wert. Ähnliches wiederholte sich 22 Jahre später. Ende 2021 war es Elon Musk, der das TIME-Cover als Persönlichkeit des Jahres schmückte – 12 Monate später notierte die Tesla-Aktie zwei Drittel tiefer. Für mehr als nur punktuelle Evidenz sorgten im Jahr 2016 die Citigroup-Analysten Gregory Marks und Brent Donnelly. Sie suchten im Finanzmagazin „Economist“ nach visuell ausdrucksstarken Cover-Stories mit möglichst eindeutiger optimistischer oder pessimistischer Botschaft. Im Zeitraum von 1998 bis 2016 fanden sie 44 entsprechende Cover. Von diesen wirkten 68% in der Zeitspanne eines Jahres als Kontraindikator – hätte man also stets auf das Gegenteil der Magazin-Empfehlung bzw. -Story gewettet, wäre man in 2 von 3 Fällen richtig gelegen. Im vergangenen Jahr wiederholte Brent Donnelly diese Analyse mit 54 Titelgeschichten des Economist und 8 hervorstechenden Ausgabe der TIME. Diesmal ergänzte er die Studie um Performancezahlen und unterschied zwischen „bullischen“ und „bärischen“ Covern. Auch bei dieser Untersuchung wirkten nach einem Jahr mehr als die Hälfte der Titel-Stories als Kontraindikator. Ein Jahr nach Publikation waren Wetten gegen pessimistische Titel (39 an der Zahl) im Durchschnitt 13% im Plus. Erstaunlich war aber Folgendes: Auch die Contrarian-Wette gegen optimistische Titelgeschichten (23 an der Zahl) hatte mit 60% eine hohe Trefferquote und eine positive Performance. Denn im Durchschnitt notierten die zur Story passenden Anlagen 12 Monate später -8% tiefer. Bemerkenswert ist dies deshalb, weil Stimmungsindikatoren in der Regel vor allem dann eine starke Wirkung haben, wenn der Pessimismus überschiesst. Oft sind Märkte dann stark überverkauft und die meisten Anleger haben bereits verkauft, so dass es eher früher als später ohnehin zu einer Gegenbewegung kommt. Anders verhält es sich in sehr bullischen Märkten, wo die Euphorie der Anleger überbordet und die Erwartung steigender Kurse zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden kann, so dass Stimmungsindikatoren im Angesicht dieses Momentums als Kontraindikator versagen.
Regelmässig prozyklisch! | Buy high, sell low (von Finanzjournalisten)
Rohölpreis und Economist-Cover

S&P 500 Index und Economist-Cover

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Nützlich, aber nicht einfach
Gerade in Phasen grosser Euphorie kann der Magazin-Cover-Indikator also überdurchschnittlich gute und pünktliche Warnsignale liefern. Ein heiliger Gral ist er dennoch nicht. Zum einen liegt der Indikator trotz hoher Trefferquote immer noch oft genug daneben. Zum anderen dürfte die praktische Umsetzung – egal ob für Privatanleger oder für Finanzmarktakteure – angesichts der vielen zu Beginn beschriebenen Biases, die sowohl privaten als auch professionellen Marktteilnehmern oft die Sicht vernebeln, nicht einfach sein. Vielleicht genügt es aber auch sich der Wirkung von Titelgeschichten und visuell eindrücklichen Titelbildern bewusst zu sein. Wenn man solche entdeckt, sollte man sensibilisiert sein und die entsprechende Story zumindest hinterfragen. Nicht selten hilft dies dabei die oft turbulente Finanzwelt bzw. gewisse Themen etwas entspannter zu sehen. So beispielsweise, wenn man das Economist-Cover aus dem Juni 2023 betrachtet. Dessen Titel „The Trouble with sticky Inflation“ sollte jedem, der sich vor dauerhaft hohen Inflationsraten fürchtet, eine Portion Erleichterung verschaffen.
Schlechtes Timing… | …auch bei der Inflation?
Economist-Cover vom 24. Juni 2023

Quellen: Economist, Kaiser Partner Privatbank