Saisonalitäten – Vorsicht: Fast Food!
Grafiken zu Saisonalitäten und Marktzyklen gehören heutzutage zum täglich Brot der Finanzszene. Bei genauerer Betrachtung handelt es sich jedoch meist eher um Fast Food – schnell konsumiert und schwer verdaulich. Denn das Spielen mit historischen Zeitreihen liefert zwar beliebigen Gesprächsstoff, dem Anleger aber wenig Mehrwert. Dieser ist besser beraten sich auf eine langfristige Anlagestrategie zu konzentrieren und entsprechende Analysen allein als Amüsement zu betrachten.
Anschaulich, aber oft nicht mehr
Historische Zeitreihenvergleiche gehören inzwischen zum Standard-Repertoire von Finanzmarktbeobachtern, sind regelmässige Dreingabe in Marktanalysen und geistern täglich durch die sozialen Medien. Weil oft sehr anschaulich, sind sie entsprechend beliebt – und waren daher auch schon in unseren Marktkommentaren zugegen. Doch hin und wieder mangelt es den (hohen) Korrelationen an der entsprechenden Kausalität. Und so einiger aufbereiteter Zahlensalat liefert zwar Anekdoten, bringt einem Anleger aber wenig Mehrwert.
Schön schaurig | Crash-Vergleiche erregen «nur» Aufmerksamkeit
Aktiencrash-Overlay 2022 vs. 2008 (5.6.2008 = 19.8.2022)
Quellen: Bloomberg, Nautilus Investment Research, Kaiser Partner Privatbank
Natürlich gilt es wie stets zu unterscheiden: Manch ein historischer Befund ist für einen Anleger durchaus nützlich. So ist es beispielsweise hilfreich zu wissen, dass die US-Zinskurve [Ein Blick auf die (Zins-)Kurve] in der Vergangenheit regelmässig jeweils einige Quartale vor einer Rezession invertierte und dass der Aktienmarkt meist einige Monate vor dem Ende einer Rezession einen Boden findet [Monthly Market Monitor August 2022]. Daneben gibt es aber auch weniger nützliches Datengewirr. Neben offensichtlich willkürlichen Zeitreihen-Overlays ohne inhaltlichen Zusammenhang – wie zum Beispiel den immer wieder gern gezeigten Crash-Vergleichen – gehören in die Kategorie «schöner Chart, aber was nun…?» auch zwei Saisonalitäts-Klassiker: der US-Präsidentenzyklus und die Sommer-/Winter-Saisonalität («Sell in May…») am amerikanischen Aktienmarkt.
Sommerrally 2022… | …stand nicht im Fahrplan
US-Präsidentenzyklus S&P 500-Index
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
«Sell in May…» – (and buy back at higher prices)
Gerade der Präsidentenzyklus ist angesichts der im November bevorstehenden «mid terms» momentan wieder in aller Munde. Genau dieses Muster hat die diesjährige Sommerrally – immerhin eine der kräftigsten aller Zeiten – aber nicht ansatzweise vorhergesehen. Mit etwas gutem Willen passte immerhin der Tiefpunkt Ende Juni in die historische Schablone. Das Sprichwort «Sell in May and go away…» hätte einem Anleger dieses Jahr wiederum zwar einige turbulente Wochen und einen zwischenzeitlichen Drawdown von rund 10% erspart. Aber ob sich dies zu der von der Börsenweisheit vorgegebenen – und je nach Variante unterschiedlichen – Rückkehr an den Aktienmarkt Ende September («…but remember to come back in September) oder an Halloween Ende Oktober (amerikanische Variante) immer noch auszahlen wird, bleibt abzuwarten. Denn zwar sind die Sommermonate im Schnitt tatsächlich etwas schwächer als die Wintermonate. Unter dem Strich rentierten sie historisch aber dennoch positiv – wer nicht investiert war, gab somit Performance her.
Unter der Lupe… | …nur minime saisonale Tendenzen
Monatsperformance S&P 500-Index seit 1950
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
In der sehr langfristigen Betrachtung verliert sich die Sommer-/Winter-Saisonalität fast vollständig. Je mehr Jahre man in die Analyse beziehungsweise die Saisonalitäts-Grafik einbezieht, desto mehr glättet sich die durchschnittliche jährliche Kursentwicklung. Wenn man den S&P 500-Index über die vergangenen 70 Jahre betrachtet, bleibt am Ende eine nahezu konstant ansteigende Linie, fast schon einer Geraden gleich. Nur mit der Lupe lassen sich dann noch kleinere Muster wie ein überdurchschnittlich positiver April und eine Schwächephase im September/Oktober erkennen.
Je mehr Jahre… | …desto mehr Durchschnitt
Saisonalität S&P 500-Index über verschiedene Zeiträume
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Der praktische Nutzen dieses Wissens ist aber begrenzt. Dies wird offenbar, wenn man einige beliebige Jahre mit einem Mehrjahres-Durchschnitt vergleicht. Ein individuelles Jahr kann vom Durchschnitt nämlich massiv abweichen und folgt keinem Fahrplan. Das Wissen um historische Tendenzen lässt sich daher bestenfalls im Zusammenspiel mit vielen weiteren «taktischen» Beobachtungen wie Chart-, Sentiment- sowie Kapitalflussanalysen und ähnlichen Untersuchungen nutzen – und selbst dann ist es mehr eine Kunst als eine Wissenschaft, welche trading-orientierten Hobby-Profis oder insitutionellen Marktteilnehmern vorbehalten bleiben sollte. Ein Anleger, der «nur» den Werterhalt seines Vermögens oder gar eine gute risikoadjustierte Rendite zum Ziel hat, sollte von derlei Versuchungen aufgrund geringer Erfolgsaussichten allerdings Abstand nehmen und Saisonalitäts- oder Zyklusanalysen allein als Amüsement des täglichen Finanz-Boulevards betrachten. Das kontinuierliche Festhalten an der gewählten Anlagestrategie – durch das ganze Jahr hindurch – wird diesen Anleger langfristig mit einer höheren Rendite belohnen.
«Random walk» | Einzelne Jahre folgen keiner Schablone
Jahresverläufe S&P 500-Index 2015-2019
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank