Krypto-Winter 2.0?
Die Bären sind dieses Jahr auf dem Vormarsch. Nicht nur Aktien und Anleihen befinden sich in einem Bärenmarkt. Auch Krypto-Währungen haben in den vergangenen 12 Monaten massiv an Wert verloren. Institutionelle Anleger wenden sich von Bitcoin & Co. dennoch nicht ab, sondern betrachten «Kryptos» zunehmend als eigenständige Anlageklasse. Für Krypto-Optimisten gibt die Flaute an den Finanzmärkten (inklusive zweitem Krypto-Winter) Gelegenheit ihre Anlagestrategie zu überdenken und ihr Portfolio breiter aufzustellen.
«No place to hide»
Die drastische geldpolitische Wende der Notenbanken, gepaart mit zunehmenden wirtschaftlichen Abwärtsrisiken und anhaltenden geopolitischen Spannungen haben an den Finanzmärkten seit Jahresbeginn deutliche Spuren hinterlassen. Aktien und Anleihen haben gleichzeitig massiv an Wert verloren. Ein 60/40-Portfolio (60% Aktien, 40% Anleihen) liegt 2022 aktuell mehr als 20% im roten Bereich. Unter den relevanten, liquiden Anlageklassen notieren allein Rohstoffe im Plus. Sie dürften für die meisten Anleger aber keine nennenswerte Position im Anlageportfolio darstellen. Insofern ist der Bitcoin, welcher seit Jahresanfang um knapp 60% eingebrochen ist, in guter Gesellschaft. Während der synchrone Abverkauf an den Aktien- und Anleihemärkten für den «klassischen» Anleger Neuland – und daher besonders schmerzhaft – ist, sind Krypto-Enthusiasten die hohe Volatilität bei den Digitalwährungen bereits gewöhnt. Im Gegensatz zu den traditionellen Anlageklassen haben die realisierten Schwankungsbreiten beim Bitcoin dieses Jahr auch nicht zugenommen. In Bezug auf die Dauer der Krypto-Korrektur ist die derzeitige Episode gemessen am Bitcoin-Kurs allerdings die längste in der noch jungen Historie. Sie dauert inzwischen bereits länger an als der «Krypto-Winter» 2017/2018.
Verluste auf breiter Front | Bitcoin ist keine Ausnahme
Performance seit Jahresbeginn
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Auf Tauchstation | Nur ein gewöhnlicher Drawdown?
Bärenmärkte im Bitcoin
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Konstant hohe Schwankungen | Aber die Volatilitäts-Differenz zu Aktien und Anleihen nimmt ab
Annualisierte Volatilität (6 Monate rollierend)
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Geliebt, gehasst und (un)verzichtbar
Doch Totgesagte leben länger… Seit unserem Blog-Artikel «Bitcoin – geliebt, gehasst und (un)verzichtbar (?)», in dem wir die Vor- und Nachteile von Digitalwährungen beleuchtet haben, hat sich in der Krypto-Welt so einiges getan. So hat beispielsweise die zweitgrösste Krypto-Währung Ethereum im September erfolgreich «The Merge» absolviert und somit den Wechsel von einer «proof-of-work»- zu einer «proof-of-stake»-Architektur vollzogen. Die Ethereum-Blockchain sollte nun nicht nur schneller und sicherer, sondern vor allem auch nachhaltiger sein. Laut Berechnungen der Ethereum-Foundation soll das Update den Energieverbrauch um 99.95% senken. Zumindest aus Nachhaltigkeitssicht könnte dies den Krypto-Kritikern etwas Wind aus den Segeln nehmen. Besonders dann, wenn das Beispiel Schule macht und auch die Bitcoin-Gemeinde Bemühungen unternimmt, um auf einen umweltfreundlicheren Kurs umzuschwenken. Die Institutionalisierung und die Etablierung der Krypto-Währungen als eigene Anlageklasse setzen sich indes – trotz ausgeprägter Baisse – weiter fort. Der entsprechende Nachrichtenfluss ebbte zuletzt nicht ab: Die US-Börse Nasdaq plant eine eigene Krypto-Einheit aufzusetzen, der Vermögensverwaltungsriese BlackRock möchte einen Bitcoin Trust auflegen und Fidelity verkündete seinen 34 Millionen Kunden demnächst den Zugang zum Bitcoin-Handel zu ermöglichen. Auch Wall-Street-Banken wie Citibank und Morgan Stanley treiben diverse Projekte im Krypto- und Blockchain-Bereich (aggressiv) aus. Von einer geplatzten Blase kann man bei den Krypto-Währungen vor diesem Hintergrund aktuell nicht sprechen. Eher handelt es sich um einen «Krypto-Winter 2.0». In diesem werden einerseits schwache Krypto-Projekte aus dem Markt gespült, andererseits wird aber auch der Nährboden für weitere Innovationen und neue Anwendungen, verbesserte Technologie sowie Geschäftsmodelle gelegt. All dies nicht zuletzt dank weiterhin grossen Investoreninteresses und nach wie vor fliessenden Risikokapitals.
«Buy the dip»? | Kaufgelegenheit für Optimisten
Bullen- und Bärenmärkte im Bitcoin
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Ein guter Einstiegszeitpunkt – aber diversifiziert
Ein Abgesang auf die digitalen Münzen ist also nicht angebracht. Wer bisher zu den brennenden Anhängern von Krypto-Währungen gehörte (und möglicherweise immer noch auf grösseren Kursgewinnen sitzt) dürfte sich von der schwachen Entwicklung im laufenden Jahr eh nicht sonderlich beeindrucken lassen. Dennoch sollten solche Krypto-Optimisten die derzeitige breite Marktkorrektur – und die in der Folge in nahezu allen Anlageklassen günstigeren Bewertungen und gestiegenen Renditeerwartungen – zum Anlass nehmen ihr Portfolio auf den Prüfstand zu stellen und möglicherweise vorhandene Klumpenrisiken zu reduzieren oder ganz abzubauen. In den letzten Jahren hätte schon die Beimischung von 5% oder 10% zu einem einfachen 60/40-Portfolio genügt, um dessen Performance substantiell zu erhöhen. Gemäss unseren Modellrechnungen dürfte eine solche «Anreicherung» mit Krypto-Exposure auch in Zukunft das Rendite/Risiko-Profil eines Portfolios merklich verbessern.
Der (objektive) Rückblick | Bitcoin als Performancebooster
60/40-Portfolio mit (und ohne) Bitcoin
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Dabei leiten wir unsere (durchaus optimistischen) 5-jährigen Renditeerwartungen für den Bitcoin von 25% p.a. vom Adaptionspfad früherer wegweisender, disruptiver Technologien wie dem Internet oder dem Handy ab. Gegenüber anderen Anlageklassen ist dieser Erwartungswert zwar nach wie vor sehr hoch, im Vergleich zur historischen Rendite seit 2014 hingegen klar tiefer. Konservativ sind wir auch bei unserer Schätzung der erwarteten Volatilität, welcher wir trotz merklich geringerer Performanceerwartung «nur» rund ein Drittel tiefer ansetzen als die in der Vergangenheit realisierten Werte (68%). Die zukünftig erwartete Sharpe Ratio fällt mit 0.58 deutlich niedriger (und weniger attraktiv) aus als im Zeitraum seit 2014 (0.84) – ein weiterer guter Grund für Anleger mit derzeit erhöhtem Krypto-Engagement eine bessere Diversifizierung ihres Portfolios anzustreben.
Zunehmende Korrelation von Bitcoin und Aktien… | …macht eine breitere Diversifikation umso notwendiger
Korrelation zwischen Bitcoin und S&P500-Index
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Ein optimales Portfolio mit Bitcoin
Um ein optimales Modellportfolio zu erhalten, gehen wir bei dessen Gestaltung allerdings deutlich über die Beimischung von Bitcoin zu einem «simplen» 60/40-Portfolio hinaus. Denn einerseits hat die Korrelation zwischen Bitcoin und Aktienmarkt in den letzten Monaten weiter zugenommen und könnte erhöht bleiben. Andererseits gibt es diverse ergänzende Anlageklassen mit ebenfalls attraktivem Rendite/Risiko-Profil und verhältnismässig tiefen Korrelationen. Entsprechend erweitern wir das Feld der Anlageklassen um Unternehmensanleihen (Investment Grade und High Yield), Schwellenländeranleihen, Mikrofinanzanleihen und versicherungsbasierte Anleihen (Cat-Bonds) sowie Wandelanleihen und marktneutrale Strategien. Ein auf Basis dieser Zutaten optimiertes Portfolio («Optimal Balanced») lässt gegenüber der erwarteten Rendite eines 60/40-Portfolio (5.9% p.a.) in den nächsten 5 Jahren bei gleichem Risiko eine deutliche Überrendite («Alpha») von 1.9% (bei Beimischung von 5% Bitcoin) beziehungsweise 2.7% (mit 10% Bitcoin) erwarten. Speziell das optimierte Portfolio mit Beimischung von 10% Bitcoin dürfte mit einer erwarteten Sharpe Ratio von 0.81 für langjährige (und mit hohen Sharpe Ratios verwöhnten) Krypto-Anleger immer noch attraktiv sein. Gleichzeitig sollte es ihm aufgrund der deutlich geringeren Volatilität (Erwartung: 10.6%) einen ruhigeren Schlaf ermöglichen.
Der (optimistische) Ausblick | Effizientere Portfolios mit Krypto
Rendite/Risiko-Profile verschiedener Portfolios
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Umsetzung in die Praxis – mehr als nur Bitcoin
Bei der Übertragung unseres Modellportfolios in die Praxis sollte das Krypto-Exposure allerdings nicht «nur» mit Hilfe von Bitcoins aufgebaut werden. Denn auch diesbezüglich hat eine grössere Diversifikation einen Mehrwert. Ob der Bitcoin seinen Rang als grösste Digitalwährung halten kann oder ob er aufgrund von Nachhaltigkeitsbedenken sowie zukunftsträchtigerer Technologie der Konkurrenz namens Ethereum, Solana, Polkadot und anderen an Relevanz einbüsst, wird erst die Zukunft zeigen. Daher ist es sinnvoll den für Krypto-Anlagen vorgesehenen 10%-Anteil in einen breit gestreuten Korb der vielversprechendsten Krypto-Projekte zu investieren. Doch selbst an dieser Stelle muss das Ende der Diversifikations-Fahnenstange noch nicht erreicht sein. Wer an die Zukunft des Krypto-Sektors glaubt, dem bietet sich neben der einfachen Partizipation an der Kursentwicklung einzelner Krypto-Währungen inzwischen eine ganze Palette weiterer Anlagemöglichkeiten (und Risikoprofile). Das Spektrum reicht dabei von ertragsgenerierenden «Zins»-Strategien, über Faktor- und Hedgefonds-Strategien bis hin zu Venture-Capital-Investitionen. Krypto-Optimisten, die sich zusätzlich aus diesen Anlagetöpfen bedienen möchten, können den Krypto-Anteil ihres Portfolios mit gutem Gewissen auch auf mehr als 10% ausbauen.