Grüne Anlagen im politischen Kreuzfeuer

Die Trennlinie zwischen Befürwortern und Kritikern von «ESG» verläuft in den USA immer öfter gleichzeitig zwischen Demokraten und Republikanern. Dass einige «rote» Bundesstaaten Klimarisiken im Anlageprozess ihrer Pensionsfonds ausblenden wollen, schadet aber doppelt: der Rendite und der Umwelt. Die Wall Street nutzt die politische Polarisierung indes auf ihre eigene Art.

 

ESG im Visier

Die US-Zwischenwahlen gehen demnächst in die entscheidende Phase. Ihr Ausgang könnte knapper werden als lange Zeit vermutet, denn die Stimmung in den Vereinigten Staaten ist weiterhin hoch polarisiert. Dies zeigte nicht zuletzt beispielhaft die Episode um Ex-Präsident Donald Trump und die Mitnahme geheimer Akten beim Auszug aus dem Weissen Haus. Beim Schlagabtausch zwischen «Blau» (Demokraten) und «Rot» (Republikaner) und deren Ringen um die Meinungshoheit kam in jüngster Zeit zunehmend auch die Farbe «Grün» ins Spiel. Denn die Trennlinie zwischen Befürwortern und Kritikern des nachhaltigen Anlagestils («ESG») ist – den Beobachtungen der vergangenen Wochen nach – auch immer öfter die Trennlinie zwischen Demokraten und Republikanern. Konkret sorgten im August zwei «rote» US-Südstaaten für Schlagzeilen.

 

So verabschiedete der Gouverneur von Florida, Ron DeSantis, eine Resolution, die den bundesstaatlichen Pensionsfonds dazu auffordert, staatliche Gelder so zu investieren, dass allein die höchste Rendite für Floridas Steuerzahler und Rentner im Vordergrund steht, nicht aber die «ideologische Agenda» der ESG-Bewegung. Ökologische, soziale und Governance-Themen beziehungswiese entsprechende ESG-Risiken sollen explizit nicht (mehr) berücksichtigt werden. Der Bundesstaat Texas wiederum veröffentlichte eine Liste von zehn börsennotierten Finanzinstituten, welche (angeblich) fossile Brennstoffe «boykottieren». Eine Brandmarkung, die den texanischen Pensionsfonds (in Anlehnung an ein 2021 verabschiedetes Gesetz) zur Veräusserung seiner Anteile an den entsprechenden Unternehmen zwingen könnte. Neben neun in Europa lokalisierten Asset Managern befand sich nur ein US-Institut, dafür aber ein umso gewichtigeres: Blackrock – der mit mehr als 10 Billionen US-Dollar an verwaltetem Vermögen grösste Asset Manager der Welt. Dessen schriftliche Gegenwehr, in der von einer Politisierung des staatlichen Pensionsfonds die Rede ist, folgte auf dem Fusse. Ein berechtigter Kommentar, wenn man bedenkt, dass Blackrock unter anderem der zweitgrösste Aktionär von ExxonMobil, dem Ölriesen mit Sitz in Texas, ist und insgesamt mehr als 100 Milliarden US-Dollar in texanische Energieunternehmen investiert hat. Blackrocks Rivalen wie beispielsweise der Asset Manager Invesco oder die Banken JPMorgan und Goldman Sachs, welche vom Bundesstaat ebenfalls als gegenüber der Öl- und Gasindustrie «unfreundlich» deklariert werden, tauchten hingegen nicht auf der finalen roten Liste auf. Bis Ende November haben die zehn betroffenen Institute nun Zeit den Staat Texas eines Besseren zu belehren.

 

"Die Forderung, dass Asset Manager Klimarisiken absichtlich ausblenden sollen, schadet höchstwahrscheinlich den Renditen (und damit den Anlegern) – in jedem Fall schadet es aber dem Klima."

Es ist nachvollziehbar, dass nicht nur Investoren, sondern auch Politiker die Grundsätze von «ESG» in Frage stellen und/oder einige von ihnen ablehnen – die Etablierung eines allgemeingültigen und (international) verbindlichen Rahmenwerks ist nach wie vor «work in progress». Und oft ist es eine Stärke der politischen Struktur in den USA, dass sie lokale politische Experimente zulässt. Aber (republikanische) Politiker müssten ESG-Ideen nicht verbieten um ihre Abneigung gegen sie auszudrücken, sondern könnten sie auch einfach nur ignorieren. Die Forderung, dass Asset Manager Klimarisiken absichtlich ausblenden sollen, schadet jedenfalls höchstwahrscheinlich den Renditen (und damit den Anlegern) – in jedem Fall schadet es aber dem Klima.

 

Für jeden (politischen) Geschmack der passende ETF

Die (US-)-Finanzindustrie wäre nicht die (US-)Finanzindustrie, würde sie sich die hohe politische Polarisierung des Landes nicht zu Nutze machen. Einige Anbieter von börsengehandelten Aktienfonds (ETFs) haben genau hier eine noch unbeackerte Marktlücke entdeckt. Sie haben Produkte kreiert, die sich gezielt gegen den ESG-Mainstream richten und damit tendenziell konservative (Wähler-)Gruppen (nicht unbedingt konservative Anleger) ansprechen dürften. ETFs mit Börsenkürzeln wie VICE (deutsch: «Laster») oder MAGA («Make America Great Again») lassen auf den ersten Blick erkennen, in welche Industrien oder nach welcher politischen Färbung die verwalteten Gelder angelegt werden. Selbst ein God Bless America ETF (YALL) soll demnächst lanciert werden. Auf die Spitze treibt es aber der BAD ETF (deutsch: «böse»), welcher ausschliesslich auf Wettspiel, Alkohol, Drogen und andere so genannte Sündenbranchen setzt. Dem Einfallsreichtum beziehungsweise der Geschäftstüchtigkeit der ETF-Sponsoren schienen bisher keine Grenzen gesetzt. Dies könnte sich in Zukunft jedoch ändern. Dann nämlich, wenn einige jüngst von der US-Börsenaufsicht SEC gemachte Vorschläge in die Realität umgesetzt werden. ETF-Anbieter müssten dann nachweisen, dass sich ihre in börsengehandelte Fonds verpackten Portfolios zu mindestens 80% am ETF-Namen ausrichten – dass in der Verpackung also auch das drin ist, was draufsteht. Bei einigen der genannten ETFs dürften grössere Portfolioverschiebungen notwendig werden und Kopfschmerzen der Produktmanager von VICE, MAGA, YALL und BAD wären vorprogrammiert – denn die nötige Beweisführung könnte sich schwierig gestalten. Die meisten Anleger dürfte dieser Nebenschauplatz aber ohnehin kaum kümmern – über das Stadium eines Marketing-Gags sind die genannten Produkte mit Blick auf die nur mickrigen Fondsgrössen bislang nicht hinausgekommen.

 

Nicht mehr als ein Marketing-Gag | Bisher oft nur teuer erkaufte Underperformance

MAGA, VICE und BAD vs. SPY (S&P 500-ETF)

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

Oliver Hackel, CFA Head of Private Markets & Liquid Alternatives

Investment News

 

Wer in Zeiten des globalen Wandels mit seinen Investments auf der richtigen Seite sein will, muss besonders gut informiert sein. Unsere Investment Experten geben Ihnen regelmässig Auskunft über wichtige Ereignisse und Trends.

Abonnieren Sie unseren monatlichen Newsletter, mit dem Sie auch eine digitale Version unseres Monthly Market Monitors erhalten.

!Bitte füllen Sie dieses Feld aus
!Bitte füllen Sie dieses Feld aus
!Bitte füllen Sie dieses Feld aus
!Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Diese Website ist auf wpml.org als Entwicklungsseite registriert. Wechseln Sie zu einem Produktions-Website-Schlüssel, um remove this banner.