Divestments – Nebenwirkungen und Risiken

Desinvestieren oder engagieren? – das ist eine der grundlegenden Fragen beim nachhaltigen Anlegen, die gerade im aktuellen klima- und geopolitischen Umfeld wieder in den Vordergrund rückt. Die «einfachere» Lösung – das Divestment – zeigt gemäss neueren Studien zwar Wirkung, hat aber seine eigenen Risiken.

 

Eine brenzlige Frage

Soll man desinvestieren, um die ESG-Risiken im Anlageportfolio auf diese Weise schnell zu reduzieren und indirekt (über einen sinkenden Aktienkurs) die Kapitalkosten von wenig nachhaltigen Unternehmen zu erhöhen? Oder doch lieber mit ESG-Nachzüglern beziehungsweise Firmen aus kontroversen Branchen in den Austausch treten (Engagement) und gemeinsam mit ihnen den Weg auf einen nachhaltigeren Pfad finden? Diese Frage beschäftigt vor allem grosse institutionelle Investoren, aber auch immer mehr Privatanleger. Insbesondere die Sektoren Öl und Gas, also «braune» Unternehmen, stehen bei der Frage ob «D» oder «E» oft im Vordergrund. Doch gerade im aktuellen klima- und geopolitischen Kontext gibt es keine einfachen Antworten. Die grüne Energiewende zur Bewältigung des rasch voranschreitenden Klimawandels benötigt Übergangslösungen wie Atomenergie und Erdgas. Nicht umsonst gelten diese Technologien gemäss EU-Taxonomie neuerdings als nachhaltig. Auch wenn es einigen ESG-Anhängern vielleicht Bauchschmerzen bereitet, ist das Streichen entsprechender Unternehmen aus dem individuellen Anlageuniversum daher vielleicht nicht die beste Lösung.

Der Ukraine-Konflikt bringt derweil noch eine ganz andere Frage auf: Muss die Verteidigungsbranche innerhalb des ESG-Rasters auch einen Platz in der Nachhaltigkeitsecke bekommen, damit ihr nicht das Divestment-Schicksal droht? Die Vorschläge der EU aus dem letzten Jahr, die Rüstungsindustrie als sozial schädlich zu bezeichnen, scheinen in einem Ende Februar veröffentlichten Abschlussbericht über sozial nachhaltige Finanzen jedenfalls verworfen worden zu sein. Die schwedische Bank SEB hat ihrerseits bereits eine Kehrtwende vorgenommen und nach dem kompletten Ausschluss von Rüstungsaktien im letzten Jahr für einige ihrer Anlagefonds jüngst wieder Investitionen in den Verteidigungssektor erlaubt. Der Krieg in der Ukraine erinnert uns wieder einmal daran, dass ESG – wie vieles beim Thema Investieren – kompliziert und nuanciert ist. Und so gibt es bei der Frage Divestment oder Engagement unter den grossen Institutionellen auch zwei Lager. Norwegens Staatsfonds hat schon 2019 beschlossen, Anlagen in Öl- und Gasunternehmen in Höhe von 7.5 Milliarden US-Dollar abzustossen. Einer der grössten amerikanischen Pensionsfonds (Calstrs) wehrte sich zuletzt jedoch gegen eine Gesetzesvorlage, die ihn zu Desinvestitionen aus braunen Unternehmen zwingen würde (allerdings eher aufgrund möglicher negativer Folgen für die Performance als aufgrund des grünen Gewissens). Der japanische Pensionsfonds (GPIF) wiederum ist mit Hinblick auf die Herausforderungen des Klimawandels seit Langem ein klarer Verfechter des Engagements.

 

Die Divestment-Evidenz

Was die tatsächlichen Effekte von Divestment-Strategien betrifft, hat sich die Datenlage in den letzten Jahren deutlich verbessert. Anleger, die sich mit der D-Frage konfrontiert sehen, können ihre Entscheidung somit zumindest von Fakten beziehungsweise Studienergebnissen abhängig machen. Dies gilt zumindest für die Öl- und Gasbranche. So zeigt ein Research-Papier der University of Waterloo (Kanada) auf, dass sich die Aktien von Energieunternehmen unterdurchschnittlich entwickeln, nachdem grosse institutionelle Anleger ihre Desinvestitionspläne ankündigen. Eine Studie der Universität Augsburg bestätigt für den europäischen Energiesektor, dass der von Divestment-Kampagnen ausgeübte Verkaufsdruck zu tieferen Aktienkursen führt. Doch nicht nur das: Die betroffenen Unternehmen reagieren auch darauf und senken ihre CO2-Emissionen in der Folge deutlich. Der Divestment-Trend ist also offensichtlich inzwischen so mächtig geworden, dass er sein eigentliches Zeil erreicht. Desinvestitionen können anhaltenden Druck auf den Aktienpreis ausüben, beschädigen das Image und können zu höheren Kapitalkosten führen. Das Management betroffener Unternehmen sieht sich daher immer öfters gezwungen, den ökologischen Fussabdruck zu verringern.

 

Besonders sensibel | Die Energiebranche fällt und steigt mit dem Ölpreis

Energiesektor (USA und Europa), indexiert und Brent-Rohölpreis in US-Dollar

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

Die Ölpreis-Wette

Aus dieser Optik betrachtet könnten Divestments also eine valable und nicht zuletzt weniger zeit- und kostenaufwändige Alternative zum Engagement sein. Doch nicht so schnell. Wenn sich Anleger von Investitionen in Energieunternehmen komplett verabschieden, sind sie in ihrem Portfolio im Öl- und Gassektor entsprechend untergewichtet. Damit gehen jene letztlich eine aktive Wette auf den Rohölpreis ein, denn Energieaktien haben das mit Abstand höchste «Beta» zum Ölpreis. Dies ist dann kein Problem, wenn sich Rohöl in einem strukturellen Bärenmarkt befindet (so wie in den 2010er Jahren). Was aber wenn der Ölpreis deutlich und anhaltend steigt? Das vergangene Jahr zeigt den Effekt auf Energieaktien eindrücklich auf. Wer diese nicht im Depot hatte, riskierte eine unterdurchschnittliche Performance. Für einen Privatanleger, der vor allem seinem Gewissen verpflichtet ist, mag dies nebensächlich sein. Für institutionelle Anleger indes, die sich meist an einer Benchmark messen (müssen), sieht dies anders aus. Denn das «Performance-Risiko» kann erheblich sein: Hätte man in der Dekade ab dem Jahr 2000 den Energiesektor aus dem MSCI Weltindex ausgeschlossen, hätte dies zu einer um -1.2% schlechteren Rendite geführt. In unseren Vermögensverwaltungsmandaten möchten wir eine solche, möglicherweise sehr teure, Wette nicht eingehen. Daher schliesst die Kaiser Partner Privatbank braune Unternehmen nicht kategorisch aus dem Anlageuniversum aus. Divestment oder Engagement? Wir denken, dass wir durch den aktiven Austausch mit den Unternehmen ein grösseren Nachhaltigkeitsbeitrag liefern können.

 

Mind the gap | Energiebranche als Performance-Risiko

Annualisierte Performance MSCI Welt vs. MSCI Energie

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

Oliver Hackel, CFA Head of Private Markets & Liquid Alternatives

Investment News

 

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