Trump gegen Biden – Auf die Wirtschaft kommt es an
Beim Wettlauf um den Einzug (beziehungsweise den Nicht-Auszug) ins Weisse Haus ist die Ziellinie in Sichtweite. In den Wahlumfragen liegt der demokratische Herausforderer Joe Biden weiterhin vorn. Doch Donald Trump konnte zuletzt etwas Boden gutmachen. Das wichtigste Thema im Wahlprogramm der beiden Herausforderer ist sowohl für Wähler als auch für Anleger deren wirtschaftspolitische Agenda. Bis auf die Frage der Steuern halten sich die Unterschiede im Wirtschaftsduell Trump gegen Biden jedoch in Grenzen. Grenzenlos ist hingegen die Perspektive für die US-Staatsverschuldung – diese dürfte weiter in die Höhe schiessen.
It’s the economy, stupid!
Der US-Wahlkampf geht in diesen Wochen endgültig in die heisse Phase. Gemäss diversen Meinungsumfragen sowie Online-Wettmärkten liegt der Demokrat Joe Biden derzeit weiter vor dem derzeitigen Präsidenten Donald Trump. In den letzten Wochen konnte dieser allerdings wieder etwas Boden gutmachen. Der Ausgang der 59. Präsidentschaftswahl dürfte wegweisend sein – sowohl für die amerikanische Innenpolitik als auch für die globale (Geo-)Politik. Besonders relevant ist aber auch die wirtschaftspolitische Agenda der beiden Herausforderer. Dies nicht nur für die Finanzmärkte und Anleger, sondern auch für die Wähler, welche die Wirtschaft in der gewichtigen Umfrage des Nation Public Radio kürzlich noch vor der Pandemie zum wichtigsten Thema erkoren. Für Biden enthielt die erwähnte Umfrage allerdings auch eine schlechte Botschaft: Eine knappe Mehrheit von 47% glaubt noch immer, dass Trump besser für die Wirtschaft ist als Biden, dessen Wert mit 45% etwas niedriger ausfiel. Der Vorsprung des Präsidenten schrumpft zwar seit dem Frühjahr. Doch trotz einer zweistelligen Arbeitslosenquote und eines Rekorddefizits im Bundeshaushalt behält Trump in der Frage nach ökonomischer Kompetenz noch die Führung inne.
Genügt der Vorsprung für Biden
Trump holt jüngst wieder auf
Wahrscheinlichkeit für den Sieg bei der Präsidentschaftswahl, in %

Quellen: predictit.org, Kaiser Partner Privatbank
Amerika bald noch grossartiger mit Trump…
Bei der Frage, was die US-Bürger in einer zweiten Amtszeit unter Donald Trump zu erwarten haben, ist eines wohl unbestritten – vier weitere Jahre (aussen)politischer Fehltritte, andauernde Personalrochaden und natürlich Tweets am laufenden Band. Aber auch die 50 Punkte auf der Wahlkampfagenda Trumps, welche er anlässlich des Nominierungsparteitags der Republikaner Ende August vorstellte, finden sich vor allem die Trump’schen Klassiker und sonst wenig Neues. Die Entkoppelung von China, die Förderung von «Made in America» und eine restriktive Einwanderungspolitik sind Kernelemente des Programms. An der Spitze der Strichliste steht zudem das Ziel innerhalb von zehn Monaten zehn Millionen neue Arbeitsplätze zu schaffen. Was nach viel klingt ist angesichts der Corona-bedingten Arbeitsplatzverluste nicht sonderlich ambitioniert – mehr als 13 Millionen Stellen hat die amerikanische Volkswirtschaft seit Februar eingebüsst.
Make America great again?
Wirtschaftskompetenz ist mehr denn je gefragt
US-Arbeitslosenquote

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Details liefert Trumps Agenda bezüglich seiner Anti-China-Politik: Eine Million Industriearbeitsplätze sollen aus China in die USA zurückgeholt werden. Es winken Steuervergünstigungen für Betriebe, die «zu Hause» produzieren und/oder Stellen aus China in die Vereinigten Staaten zurückverlagern. Wer hingegen nach China outsourct, bekommt keine Staatsaufträge mehr. Zudem sollen sämtliche kritische Ausrüstungsgegenstände, beispielsweise im Gesundheitswesen, im Inland produziert werden. Trumps protektionistische Agenda der letzten vier Jahre setzt sich in diesen Programmpunkten nahtlos fort, genauso wie der Bruch mit der lange Zeit vorherrschenden Linie der republikanischen Partei, in der internationaler Freihandel lange Zeit ein wichtiges Anliegen war. Auch der dramatisch wachsende Berg an öffentlichen Schulden wäre früher ein Grossthema der Republikaner und ihrer Präsidentschaftskandidaten gewesen. In Trumps Agenda finden Pläne zum Schuldenabbau jedoch keine Erwähnung. Ihre Gemeinsamkeit finden der Präsident und seine Partei wieder im Ziel die Steuern weiter zu kürzen. Damit setzt Trump einen der wenigen klaren Kontrapunkte zu seinem demokratischen Kontrahenten.
…oder mehr Steuern mit Joe Biden?
Joe Biden zieht nämlich mit Steuererhöhungsplänen in den Wahlkampf. Dabei zielt er vor allem Reiche und Unternehmen ab. So soll unter anderem der Spitzensteuersatz von 37% auf knapp 40% erhöht werden und die Unternehmensgewinnbesteuerung von 21% auf 28% steigen. Innerhalb von zehn Jahren sollen so rund drei Billionen US-Dollar eingespielt werden. Ob sich diese Pläne angesichts der Wirtschaftskrise realisieren lassen, steht auf einem anderen Blatt. Abstand nimmt Biden hingegen von einer expliziten Reichensteuer. Damit distanziert er sich von seinen politisch radikaleren Gegenspielern aus dem Vorwahlkampf Elisabeth Warren und Bernie Sanders. Moderater ist seine Agenda auch im Punkt der Gesundheitsvorsorge (Ausweitung ja, aber kein «Medicare für alle») sowie in Bezug auf die Technologieriesen aus dem Silicon Valley. Zwar betrachtet Biden deren Marktmacht ebenfalls kritisch, er fordert aber nicht sie zu zerlegen. Für Anleger und Aktionäre ist gerade dieser letzte Punkt nicht ganz unwichtig. Denn die Aktienhausse der vergangenen elf Jahre wurde von ebendiesen Tech-Giganten angeführt. Ein Wechsel im Weissen Haus müsste aus dieser Perspektive nicht zwingend zu einem Ende der Rally führen.
Zumindest eine gute Bilanz
US-Aktienmarkt auf Allzeithoch
Entwicklung von S&P 500 und Nasdaq 100-Index während Trumps Amtszeit

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
In Sachen Handelspolitik unterscheidet sich der Demokrat in den Grundlinien nicht nennenswert von Trump. So befürwortet er beispielsweise eine «Buy American»-Politik, die allen öffentlichen Geldgebern aufträgt, sich mit Gütern und Dienstleistungen aus heimischer Produktion einzudecken. Gegenüber China – nach wie vor der wichtigste Handelspartner der USA – wird Biden vermutlich konzilianter auftreten, auch wenn er sich zumindest im Wahlkampf zu harscher Rhetorik verpflichtet fühlt. Doch auch unter demokratischer Führung würde der «Kalte Krieg» mit der asiatischen Grossmacht nicht einfach ein Ende finden. Denn auch Biden sieht den Expansionshunger Pekings in allen Feldern von der Technologie über die Rohstoffversorgung bis hin zur Beanspruchung von Hoheitsgebieten als bedrohlich an. Anders als Trump könnte Biden aber versuchen, die alten Alliierten für eine gemeinsame Politik gegenüber China einzuspannen – dafür hat er in Jahrzehnten diplomatischer Aktivität als Vizepräsident und als Kongressabgeordneter reichlich Vertrauenskapital gebildet. Während ein Präsident Biden in Fragen der Aussen- und Handelspolitik weitreichende Befugnisse hätte, wäre er bei den meisten anderen Themen auf einen kooperierenden Kongress angewiesen. Der könnte sich einstellen, wenn die Demokraten Mehrheiten in beiden Kammern gewinnen, was aus derzeitiger Sicht im Senat allerdings unsicher ist. Vor diesem Hintergrund stehen einige der Wahlversprechen Bidens unter Vorbehalt.
Eines auf jeden Fall: höhere Schulden
Ob Biden oder Trump – wer auch immer von Ende Januar 2021 in Washington D.C. regiert, sieht sich mit einem gewaltigen Budgetdefizit, riesigen Staatsschulden und einer Wirtschaft in Reha konfrontiert. Das Congressional Budget Office (CBO) erwartet für dieses Jahr ein Defizit im Bundeshaushalt von 3.7 Billionen US-Dollar. Darin noch nicht eingerechnet ist das nächste Rettungspaket, auf das sich der Kongress bisher nicht verständigen konnte. Die Demokraten verlangen drei Billionen zusätzlich, die Republikaner wollen nicht über eine Billion US-Dollar hinausgehen. Doch eine Verständigung scheint – nicht zuletzt aus Wahlkampfgründen – wahrscheinlich. Mit der Konsequenz, dass das Loch im Haushalt noch grösser wird.
Wie schon in den letzten Jahren dürften die Ausgaben des Staates auch zukünftig über den Einnahmen liegen. Die Staatsschulden dürften Corona-bedingt nun bereits Ende des laufenden Jahres auf mehr als 100% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) steigen. Noch im März erwartete das CBO einen solch grossen Schuldenberg erst nach dem Jahr 2030. Zwar gibt es keine Indizien dafür, dass das amerikanische Finanzministerium Probleme bekommen könnte, neue Schulden aufzunehmen – nicht zuletzt, weil die US-Notenbank am Markt fleissig als Käufer von US-Staatspapieren auftritt. Gesund wäre eine solche Entwicklung dennoch nicht. Zwar ist der US-Dollar nach wie vor die unbestrittene (und derzeit alternativlose) Reservewährung der Welt. Dieser Status könnte aber ins Wackeln geraten, wenn die US-Finanzlage weiter aus dem Ruder läuft. Gefahr droht diesbezüglich längerfristig ironischerweise wiederum aus China, wo die Regierung Pläne für eine digitale Währung vorantreibt.
Grenzenlos
Der US-Schuldenberg wird weiterwachsen
Projektion für die US-Staatsverschuldung
Quellen: CBO, Kaiser Partner Privatbank