Ist Nachhaltigkeit 2024 noch relevant?

Die nachhaltige Geldanlage erfuhr in den vergangenen zwei Jahren erheblichen Gegenwind. Doch öffentliche Wahrnehmung und gelebte Realität klaffen beim Thema ESG auseinander. Nach durchlebter – und wohl auch notwendiger – Identitätskrise ist der Megatrend nach wie vor intakt. Für Anleger und Unternehmenslenker nimmt die Bedeutung von Nachhaltigkeit 2024 eher noch zu. Allein für die drei Buchstaben E, S und G muss man nach einem Ersatz suchen.

 

Nachhaltigkeits-Sentiment auf dem Tiefpunkt

Die Nachhaltigkeits-Finanzindustrie war in den letzten zwei Jahren einem rauen Klima ausgesetzt. 2022 mussten wir gar eine Identitätskrise diagnostizieren. Deren Echo ist insbesondere in den USA noch nicht verhallt. Dort sind grüne Finanzanlagen ins politische Kreuzfeuer geraten – eine Situation, die sich angesichts der hohen Polarisierung und inmitten eines heisser werdenden US-Wahlkampfs 2024 tendenziell noch zuspitzen wird. Während das mediale Anti-ESG-Trommelfeuer seinen Höhepunkt zuletzt wahrscheinlich überschritten hat, ist die Nachhaltigkeits-Stimmung noch immer auf einem Tiefpunkt. Zumindest mit Blick auf die Anlageperformance von nachhaltigen Strategien wäre dies nicht nötig. 2023 konnten diese – dank überproportionaler Gewichtung von Technologieaktien – outperformen und die relative Schwäche des Vorjahres wieder wettmachen. Strikte Nachhaltigkeitsanleger werden dies aber bestenfalls als netten Nebeneffekt betrachten. Denn vorrangig sollten nachhaltige Strategien in deren Augen nicht unbedingt eine Outperformance gegenüber dem Gesamtmarkt, sondern in etwa die gleiche Rendite bei geringerem Risiko erzielen.

 

Comeback | Zumindest bei der Performance

MSCI World index vs. MSCI World ESG Leaders index

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

Ob strikter ESG-Jünger oder „nur“ Anleger mit Nachhaltigkeitspräferenz – deutlich populärer als in den USA und immer noch beliebt sind nachhaltige Anlagen diesseits des Atlantiks. Dies widerspiegeln nicht zuletzt die Zu- und Abflüsse bei nachhaltigen Anlagefonds. Während in Europa in den letzten Quartalen nach wie vor konstante Zuflüsse zu verzeichnen waren, hat die Kapitalflussrichtung in den USA bereits 2022 gedreht. Nach wir vor ist das Momentum dort negativ. Wurden in der ersten Jahreshälfte 2023 noch 55 Anlagefonds mit ESG-Fokus lanciert, waren es in der zweiten Hälfte nur noch deren 8. Inzwischen schrumpft das nachhaltige Fondsuniversum in den USA sogar, denn in den letzten zwei Quartalen wurden gleichzeitig mehr als zwei Dutzend Fonds geschlossen. Auch der politische Gegenwind bläst noch immer. Im Januar brachten die Republikaner in New Hampshire gar einen Gesetzesentwurf ein, der Anlagen nach ESG-Kriterien in bundesstaatliche Anlagefonds zur Straftat mit bis zu 20-jähriger Gefängnisstrafe erklären würde. Bis Ende letzten Jahres hatten insgesamt 18 Bundesstaaten eine Form von Anti-ESG-Gesetzgebung verabschiedet. Einige dieser Gesetze verbieten die „Diskriminierung“ von Unternehmen, welche fossile Brennstoffe und Waffen verkaufen; andere weisen staatliche Rentenfonds an, bei ihren Investitionen keine ökologischen und sozialen Faktoren zu berücksichtigen.

 

Transatlantischer Graben | Keine Nachhaltigkeitskrise in Europa

Kapitalflüsse in nachhaltige Anlagefonds

Quellen: Morningstar, Kaiser Partner Privatbank

 

Wahrnehmung und Realität

Zur US-politischen Realität gehören aber auch folgende Beobachtungen: In 19 Bundesstaaten wurden vergleichbare Anti-ESG-Gesetze vorgeschlagen, aber nicht angenommen. Und 4 Staaten haben ESG-freundliche Gesetze verabschiedet. Dass die Wahrnehmung mit Blick auf die Nachhaltigkeit des Nachhaltigkeits-Trends schlechter ist als die gelebte Realität, zeigt auch eine Umfrage von Bloomberg Intelligence, bei der je 250 institutionelle Investoren und 250 Vorstandsvorsitzende befragt wurden. Auf die Frage, ob der politische Druck auf Nachhaltigkeitsinvestitionen in den USA sie dazu veranlasst hat, ihre Anlagestrategie zu ändern, gaben mehr als die Hälfte der befragten Anleger (54%) an, dass sie sich jetzt gar noch stärker als zuvor auf ESG-Aspekte konzentrieren. Etwa jeder Dritte (31%) sagte, dass er seinen Ansatz nicht ändern wird. Auf die Frage nach ihren Ausgabenplänen für die nächsten zwei Jahre gab die Mehrheit beider Gruppen zudem nicht nur eine Erhöhung des Nachhaltigkeitsbudgets an. 38% der institutionellen Investoren und 23% der Unternehmen wollen ihr Budget in diesem Jahr sogar um mehr als 20% steigern. Das eindeutige Fazit der Studie: Die nachhaltige Geldanlage wird nicht mehr verschwinden.

 

Widerstandsfähig | Nachhaltigkeit ist gekommen, um zu bleiben

Frage: Haben Sie Ihren Anlageansatz infolge der jüngsten Anti-ESG-Welle verändert?

Quellen: Bloomberg Intelligence, Kaiser Partner Privatbank

 

Jetzt erst recht? | Die Mehrheit plant mit einem steigenden Nachhaltigkeits-Budget

Frage: Wie sehen Ihre Budgetpläne hinsichtlich ESG in den nächsten 2 Jahren aus?

Quellen: Bloomberg Intelligence, Kaiser Partner Privatbank

 

Die überwiegende Mehrheit der Anleger und Fondsmanager bezieht Klima- und soziale Risikofaktoren heutzutage implizit oder explizit in ihre Entscheidungen ein. Allein die drei Buchstaben E, S und G möchte nicht mehr jeder in den Mund nehmen. Darunter auch der CEO von Blackrock Larry Fink, der vor noch wenigen Jahren ganz oben auf der ESG-Welle ritt. Inzwischen findet er, dass der Begriff als „Waffe“ verwendet würde. Seine Einstellung zum Thema Nachhaltigkeit habe das Meiden von „ESG“ aber nicht geändert. Und tatsächlich passt die jüngste Wette von Blackrock – die Akquisition des Infrastrukturspezialisten Global Infrastructure Partners – ausgezeichnet zu diesem Megatrend. Denn ein wesentlicher Teil der globalen Infrastrukturinvestitionen dürfte im nächsten Jahrzehnt in Projekte für nachhaltige Energiegewinnung, Dekarbonisierung und die nötige Netzinfrastruktur fliessen.

 

Label gesucht | „ESG“ ist nicht mehr salonfähig

Google-Anfragen nach „ESG“ (100 = maximales Interesse)

Quellen: Google Trends, Kaiser Partner Privatbank

 

Nachhaltigkeits-Research hat Wirkung

Wenn sich Anleger heute bereits intensiv und zukünftig noch stärker für Nachhaltigkeitsthemen interessieren, ist dies für unseren Planeten eine gute Sache. Indirekt scheinen sie damit nämlich dafür zu sorgen, dass Unternehmen ihre Treibhausgasemissionen reduzieren. Diese These unterstützt eine Studie von Forschern der Universitäten Leeds und Durham1. Sie untersuchten was passiert, wenn Research-Abteilungen von Brokerhäusern geschlossen oder fusioniert wurden und sich die Anzahl der Analysten, die ein Unternehmen analysieren, reduzierte. Das Ergebnis: Sobald ein Unternehmen von weniger Analysten beobachtet wird, beginnen dessen Treibhausgasemissionen zu steigen. Als Ursache für diesen Zusammenhang identifizierten die Forscher vorrangig vier Kanäle. (1) Eine Abnahme von kritischen, umweltbezogenen Fragen in Telefonkonferenzen, (2) höhere Kosten für institutionelle Investoren ein Unternehmen bezogen auf dessen ESG-Performance zu monitoren, (3) geringere Investitionen der Unternehmen in saubere Umwelttechnologien und (4) ein schwächerer Fokus und weniger Führung des Managements in puncto Nachhaltigkeit. Im Umkehrschluss zeigt die Studie, dass Unternehmen einen Anreiz haben einen nachhaltigeren Kurs zu fahren, wenn sie unter stärkerer Beobachtung von Analysten stehen. In Zeiten steigender Nachhaltigkeitsfokussierung (und steigender Budgets für Nachhaltigkeitsresearch) dürften weniger nachhaltige Unternehmen in Zukunft von immer mehr Anlegern auf die schwarze Liste gesetzt werden und an der Börse unter Druck kommen, wenn sie sich dem Megatrend Nachhaltigkeit weiterhin verweigern. Letzterem geht es objektiv betrachtet deutlich besser als angesichts der Schlagzeilen in den Medien subjektiv gefühlt.

 

1 Chenxing Jing, Kevin Keasey, Ivan Lim, Bin Xu (2023): „Analyst Coverage and Corporate Environmental Policies“

Oliver Hackel, CFA Head of Private Markets & Liquid Alternatives

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