Euro – neue Realität Parität
Nicht nur der innere Wert des Euro schmilzt derzeit angesichts hoher Inflationsraten wie Eis in der Sonne. Auch sein Aussenwert gegenüber den wichtigsten Währungsalternativen fällt permanent (und verstärkt die Teuerungsproblematik zusätzlich). Für die Gemeinschaftswährung gilt die Parität als neue Realität. Die Gründe des Wertzerfalls sind weitgehend hausgemacht und eine Trendwende vorerst nicht in Sicht.
Die neue Wirklichkeit
Von links oben nach rechts unten. Wer auf den Wechselkurs Euro/US-Dollar oder Euro/Schweizer Franken schaut, braucht derzeit nur in die immer gleiche Ecke seines Bildschirms blicken. Für beide Relationen ist die Parität zur neuen Realität geworden. Und dies viel früher als von den meisten Devisenanalysten erwartet. Selbst unsere bereits negative Erwartungshaltung bezüglich des EUR/CHF-Kurses von November letzten Jahres (siehe «Wie lange bis zur Parität?») wurde nun schneller als gedacht von der Wirklichkeit eingeholt. Allein seit Jahresbeginn beläuft sich der Kursverlust bei EUR/USD bisher in der Spitze auf -12%, bei EUR/CHF sind es mehr als -5%.
Einfach umzurechnen | Einer der wenigen Vorteile des Wertzerfalls
Euro vs. US-Dollar und Euro vs. Schweizer Franken
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Zinsnachteil…
Einer der grössten Treiber der Euro-Schwäche in den vergangenen Monaten ist die immer weiter auseinanderlaufende Geldpolitik. In den USA hat die Fed den Leitzins dieses Jahr angesichts der hohen Inflationsraten bereits um 1.5% nach oben geschraubt. Nach der neuerlichen Inflations-Überraschung von vergangener Woche (9.1%) steht für das Notenbanktreffen am 27. Juli mindestens ein weiterer übergrosser Zinsschritt von 75bp auf der Agenda. Möglicherweise folgt Jerome Powell gar dem jüngsten Coup der Bank of Canada und liefert gleich eine Erhöhung um einen ganzen Prozentpunkt. Der Einlagezinssatz der Europäischen Zentralbank (EZB) steht hingegen selbst nach der überraschend grossen Zinserhöhung dieser Woche um 50bp (anstatt der mehrheitlich erwarteten sowie von der EZB selbst avisierten 25bp) gerade einmal bei 0%. Selbst die Schweizerische Nationalbank bewegte sich schneller und hatte sich bereits im Juni vom rekordtiefen Negativzins (-0.75%) verabschiedet. Der Euro bleibt auch nach diesem Zinsschritt innerhalb von Europa – und mit Ausnahme vom japanischen Yen wohl auch weltweit – aus Zinssicht eine der unattraktivsten Währungen, insbesondere unter Beachtung der Inflation. Gerade im Beispiel Schweizer Franken versus Euro ist die Realzinsdifferenz ([Nominalzins CH minus Inflation CH] minus [Nominalzins EUR minus Inflation EUR]) besonders frappant. Sie beträgt momentan rund 5%(!).
…und hausgemachte Probleme
Neben den Zins- und Inflationsdifferenzen gibt es eine Vielzahl weiterer Schwächefaktoren für den Euro, mehrere davon sind «hausgemachte» Probleme. Dazu gehört insbesondere die grosse Abhängigkeit mehrerer Euro-Länder von russischem Gas, darunter die wirtschaftlichen Schwergewichte Deutschland und Italien. Russlands Präsident Putin nutzt diese Abhängigkeit um Energie als (wirtschaftliche) Waffe einzusetzen. Bereits heute navigiert die Eurozone am Rande einer Rezession. Sollte Putin den Gashahn nicht bald wieder auf ein Mindestmass aufdrehen, wäre eine solche unvermeidbar (siehe «(Kalte) Grüsse aus Moskau»). Das Risiko einer längeren Phase der Stagflation im Euroraum wird immer grösser. Ein solches Szenario wäre Gift für jede Währung und wird aktuell im Euro wohl erst zum Teil eingepreist. Neben dem Zins-Faktor lässt der Konjunktur-Faktor somit ebenfalls weiteren Abwärtsspielraum für den Euro. Und auch die Fundamentaldaten der Gemeinschaftswährung haben sich bereits merklich verschlechtert. So war die Handelsbilanz des Euroraums (nicht zuletzt aufgrund der hohen Energiepreise) jüngst erstmals seit 2010 zwei Monate in Folge negativ. Der Leistungsbilanzüberschuss ist so gering wie zuletzt im Jahr 2013 und Direktinvestitionen aus dem Ausland befinden sich auf einem 20-Jahrestief. Trotz einiger positiver Ausnahmen scheint der Währungsraum für Investoren insgesamt offensichtlich wenig attraktiv.
Wenig hilfreich ist für den Euro auch dessen Anfälligkeit für politische Instabilität. Gerade in der heutigen zunehmend multipolaren Welt und der synchronen Herausforderungen durch Ukraine-Konflikt, hohe Inflation sowie Notwendigkeit zu Aufrüstung und Energiewende erscheint es nur eine Frage der Zeit bis die Spannungen zwischen gesellschaftlichen und politischen Schichten offen(er) zu Tage treten, die bisherige weitgehende Einstimmigkeit zwischen den EU-Ländern nachlässt und die Einheit des Währungs- und Wirtschaftsraums erneut zur Debatte steht. Die neueste Regierungskrise in Italien ist diesbezüglich nicht gerade vertrauensfördernd und versinnbildlicht zwei der grundsätzlichen Euro-Probleme: die wirtschaftlichen Divergenzen zwischen den Mitgliedsländern und die wachsenden Schuldenberge. Diese machten es notwendig, dass die EZB beim jüngsten Meeting bereits wieder ein neues Anti-Krisen-Instrument namens TPI («Transmission Protection Instrument»)aus dem Hut zaubern musste, anstatt sich allein auf die Wertstabilität des Euros fokussieren zu können. Trotz dieses neuen Werkzeugs dürfte es den Euro-Währungshütern schwer fallen das Leitzinsniveau im Euroraum in den nächsten Quartalen deutlich über 1% anzuheben. Wenn ein nachhaltig höheres Zinsniveau aufgrund politischer Erwägungen beziehungsweise der Folgen für die Staatshaushalte der Südländer aber kaum möglich ist, so zementiert dies den Euro längerfristig als Tiefzinswährung – und damit zugleich als «Weichwährung».
Billig allein hilft nicht
Zwei positive Faktoren können verbliebene Euro-Optimisten aktuell berechtigterweise anführen. Gemessen an der Kaufkraftparität ist der Euro inzwischen (deutlich) unterbewertet, zumindest gegenüber dem überteuerten US-Dollar. Und zudem ist der Abwärtstrend inzwischen so etabliert, dass viele Spekulanten inzwischen «short» Euro sind und dieser zugleich technisch «überverkauft» ist. Doch obschon die letzten zwei Punkte jederzeit für eine temporäre Gegenbewegung sorgen können, ist das Billig-Argument kein ausreichendes Fundament für eine nachhaltige Wende zum Besseren. Gegenüber dem Greenback dürfte der Euro mittelfristig selbst dann zunächst schwach performen, wenn auch in den USA eine Rezession von der blossen Gefahr zur Realität wird. Erst eine drastische Senkung der US-Leitzinsen – welche im Szenario eines nicht unwahrscheinlichen Politik-Fehlers der US-Notenbank schon 2023 Realität werden könnte – würde eine grössere Euro-Erholung ermöglichen.
Besser in den sicheren Hafen?
Gegenüber dem Schweizer Franken gibt es hingegen kaum ein realistisches Szenario, welches in der mittleren Frist ein Euro-Comeback erwarten lassen würde. Die SNB hat dieses Jahr erneut ihre Unabhängigkeit unter Beweis gestellt und ihren Fokus auf die Stabilität des Frankens demonstriert. In den kommenden Monaten dürfte sie die Währung weiterhin aktiv als Instrument zur Dämpfung der Inflation verwenden – ein starker Franken ist ganz in ihrem Sinne. Der Kontrast zum Euro könnte gar nicht grösser sein. Angesichts dieser geldpolitischen sowie der besseren makroökonomischen Rahmenbedingungen (kurzfristig beispielsweise die geringere Energieintensivität, mittel- bis langfristig der anhaltend hohe Leistungsbilanzüberschuss und die tiefe Staatsverschuldung) dürfte der Franken stark bleiben und sich der EUR/CHF-Kurs (noch) weiter nach Süden orientieren. Für Anleger mit Referenzwährung Euro kann es daher sinnvoll sein ihr Währungsexposure zu überdenken und allenfalls anzupassen. Wer sich mit diesem Gedanken trägt sollte dabei wissen, dass neben der Eidgenossenschaft auch das Fürstentum Liechtenstein von der Stabilität des Schweizer Franken profitiert und dazu ein Reihe weiterer Vorzüge aufwarten kann (siehe auch hier).