Chinas Klima-Ambitionen

China hat weltweit den (mit Abstand) grössten CO2-Fussabdruck – ohne das Reich der Mitte geht beim Kampf gegen den Klimawandel wenig(er). Doch wer bisher darauf gewartet hat, dass China eine nachhaltige Führungsrolle bei der Dekarbonisierung unseres Planeten übernimmt, der muss weiterhin warten. Die Umweltziele im 14. chinesischen Fünfjahresplan sind jedenfalls wenig ambitioniert. Doch ganz abschreiben sollte man Chinas Klimapolitik deswegen (noch) nicht.

 

Der 14. Fünfjahresplan – noch nicht wirklich «grün»

Zweimal pro Dekade setzt sich die chinesische Regierung wirtschaftliche, gesellschaftliche und umweltbezogene Ziele für die nächsten fünf Jahre. Nachdem Chinas Präsident Xi Jinping letzten Herbst überraschend angekündigt hatte, dass sein Land den Nettoausstoss an Kohlenstoffdioxid bis zum Jahr 2060 auf null reduzieren möchte, warteten internationale Beobachter gespannt auf konkretere Details wie dieses (hochgesteckte) Ziel erreicht werden soll. Doch wer auf umfassende Massnahmen im anfangs März vorgestellten 14. Fünfjahresplan (2021 bis 2025) gehofft hatte, wurde vorerst enttäuscht. Zumindest auf den ersten Blick (und auch auf den zweiten) heisst das Motto eher «business as usual» – von wirklich ambitionierten Klimazielen fehlt jede grössere Spur. Die chinesische Regierung setzt sich Umweltziele, die ähnlich oder nur marginal höher sind als im letzten Fünfjahresplan von 2016. So sollen die CO2-Emissionen im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung wie schon im vorangegangenen Zyklus um 18% gesenkt werden. Da China in den nächsten fünf Jahren im Durchschnitt weiterhin mit Wachstumsraten von circa 5% expandieren dürfte, impliziert diese Vorgabe bis 2025 eine anhaltende Zunahme der Emissionen um rund 1% pro Jahr. Auch das Ziel den Anteil der erneuerbaren Energien am Energiemix von heute 15% auf 20% zu erhöhen ist eher konservativ, wenn man bedenkt, dass China die Installation neuer Windkraft- und Solaranlagen im letzten Jahr verdoppelt hat. Selbst wenn sich Peking damit vielleicht auch bewusst erreichbare Ziele setzt, bieten die jüngsten Bekundungen wenig Neues und sind aus Umweltsicht etwas enttäuschend. Eine der wenigen Neuerungen mit mehr Substanz ist das Versprechen, Tage mit besonders hoher Luftverschmutzung „praktisch zu eliminieren“.

 

Grosser Fussabdruck

China ist für 30% der globalen CO2-Emissionen verantwortlich

Anteil der Länder an den globalen CO2-Emissionen

Quellen: Goldman Sachs, Kaiser Partner Privatbank

Mit einem Anteil von 30% an den globalen Emissionen hat China weltweit den (mit Abstand) grössten CO2-Fussabdruck.

 

Ohne China geht es nicht

Wenn die Weltgemeinschaft die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreichen – und die Erwärmung der Erde bis zum Jahr 2030 auf 2 Grad Celsius begrenzen – möchte, ist eigentlich schnelles Handeln von Nöten. Gemäss Berechnungen der Vereinten Nationen müssten die globalen Treibhausgasemissionen dafür bis zum Jahr 2030 um 45% gegenüber den Levels von 2010 gesenkt werden. Laut dem im Februar publizierten UN-Zwischenbericht sind die Emissionsreduktionsziele von 75 Ländern, welche bereits verbindliche Zusagen gemacht haben, aber nur der sprichwörtliche Tropfen auf den heissen Stein und bei Weitem nicht ausreichend. Nur wenn China sich zu ambitionierten (und schnelleren) Schritten bekennt, ist es möglich die Lücke zu schliessen. Denn mit einem Anteil von 30% an den globalen Emissionen hat China weltweit den (mit Abstand) grössten CO2-Fussabdruck – und damit direkt den grössten Hebel in der Hand. Und auch indirekt haben die Handlungen Chinas Folgen. Wenn dessen Netto-Null-Ziel 2060 nicht glaubwürdig ist, dann sinkt auch der Druck auf andere Schwellenländer wie Indien oder Rohstoffexporteure wie Australien ihren Energiemix ebenfalls zu «vergrünen» beziehungsweise ihre Wirtschaftsstruktur zu überdenken.

 

Wieder unter Volldampf

Chinas CO2-Emissionen nach Corona-Knick auf neuen Höhen

Jährliches Wachstum von Chinas CO2-Emissionen

Quellen: carbonbrief.org, Kaiser Partner Privatbank

Allein im vergangenen Jahr wurden über das ganze Land verteilt Kohlekraftwerke mit einer Gesamtleistung von 73 Gigawatt in Betrieb gesetzt – dreimal mehr als im Rest der Welt.

Weiterhin abhängig von Kohle

Doch warum sind Chinas Klimaziele nicht ambitionierter? Schliesslich könnte das Reich der Mitte von einer staatlich orchestrierten Energiewende sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich profitieren. Technisch wäre es Studien zufolge möglich den Höhepunkt an CO2-Emissionen bereits im Jahr 2025 zu erreichen und während die Preise für Wind- und Solarenergie purzeln, erwirtschaften mehr als 40% der chinesischen Kohlekraftwerke Verluste. Die Antwort lautet vor allem: Kohle. China ist von diesem braunen (oder schwarzen) Rohstoff nach wie vor stark abhängig, er ist mit einem Anteil von mehr als 60% weiterhin der wichtigste Energielieferant. Allein im vergangenen Jahr wurden über das ganze Land verteilt Kohlekraftwerke mit einer Gesamtleistung von 73 Gigawatt in Betrieb gesetzt – dreimal mehr als im Rest der Welt. Viele Provinzen Chinas, insbesondere die zentralen und westlichen Regionen, sind energietechnisch von Kohle und wirtschaftlich von «schmutzigen» Industrien wie Stahl, Zement und Aluminium abhängig. Der Industriesektor, welcher landesweit mit 39% nach wie vor einen hohen Anteil an der Wirtschaftsleistung hat (zum Vergleich USA: 18%), ist vielerorts immer noch elementar und ein bedeutender Brötchengeber für die Bevölkerung. Entsprechend herausfordernd ist in jenen Regionen die grüne Wende. Ganz im Gegensatz zu den Millionenstädten an der chinesischen Ostküste, die schon heute auf Hochtechnologie und Konsumgesellschaft getrimmt sind. Bisher nimmt das chinesische Ministerium für Ökologie und Umwelt, welches die Klima-Ambitionen des Präsidenten einlösen soll, auf die Bremsklötze noch viel Rücksicht. Der Druck auf die Klima-Bummler dürfte in den nächsten Jahren aber steigen.

 

Kohle-abhängig

China investiert weiter in schmutzige Energie

Nettoveränderung der globalen Kapazität von Kohlekraftwerken, in Gigawatt

Quellen: Global Energy Monitor, Kaiser Partner Privatbank

 

Warten auf den «Klimaplan»

Auch wenn der 14. Fünfjahresplan aus Sicht des Weltklimas vorerst ernüchternd war und deutlich macht, dass China im Kampf gegen den Klimawandel kein D-Zug ist, sollte man objektiv (und optimistisch) bleiben. Wenn sich der Riese erst einmal bewegt, ist er nur noch schwer aufzuhalten. Die nächste Möglichkeit den vorhandenen Klima-Ambitionen mehr Ausdruck zu verleihen und mit technischen Details zu versehen gibt es in der zweiten Jahreshälfte, wenn China seinen ersten Fünfjahresplan für den Klimawandel präsentiert. Möglicherweise stehen dann erstmals striktere Massnahmen wie zum Beispiel eine Obergrenze für CO2-Emissionen oder ein Moratorium für neue Kohlekraftwerke auf dem Programm. Ohne weitere Bemühungen dürfte es hingegen schwierig werden das für 2030 selbstgesteckte Zwischenziel – den Höhepunkt beim Kohlendioxidausstoss – zu erreichen.

Mehr Tempo ist auch deswegen zu erwarten, weil der internationale Druck auf Peking steigt. Nachdem der neue US-Präsident Joe Biden den Wiederbeitritt zum Pariser Klimaabkommen unterzeichnet hat, sind die USA und Europa – die neben China grössten Wirtschaftsmächte (und Klimasünder) –, was die Notwendigkeit strengerer Emissionssenkungen angeht, wieder auf einem Nenner. China, welches sich selbst als Führer in den globalen Klimadiskussionen sieht, droht ins Hintertreffen zu geraten und könnte sich zu weiteren Verpflichtungen gezwungen sehen. Zudem gibt es sowohl in der US-Regierung als auch in Reihen der EU-Kommission Gedankengänge über die Einführung einer Kohlendioxid-Grenzsteuer, welche auf Importe aus Ländern abzielen würde, die bei den Klimaschutzmassnahmen hinterherhinken. Ohne strengere Selbstverpflichtungen könnte China so irgendwann in einer weiteren Kategorie auf dem Handels-Radar des Westens landen.

 

Oliver Hackel, CFA Head of Private Markets & Liquid Alternatives

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