Ölkonzerne: Vom «grünen» Wandel
Wer heutzutage CEO eines grossen Öl- und Gaskonzerns ist, der benötigt gute Nerven. Einerseits verhagelte die Pandemie den Öl-Multis im letzten Jahr die Gewinnrechnung – allein die grössten fünf (westlichen) börsennotierten Unternehmen Royal Dutch Shell, BP, Exxon Mobil, Total und Chevron verzeichneten 2020 Verluste von knapp 60 Milliarden Dollar. Und anderseits nimmt der Druck seitens der Investoren stetig zu. Diese fordern, dass Klimarisiken in der Unternehmensstrategie umfassend berücksichtigt werden und dass der CO₂-Fussabdruck besser heute als morgenmassiv reduziert wird. Aviva, einer der grössten britischen Assetmanager, hat im Januar gar mit der «ultimativen Sanktion» – dem vollständigen Verkauf seiner Aktienpakete (Divestment) – gedroht und dreissig Unternehmen aus den kritischen Branchen Öl, Gas, Bergbau und Versorgung auf die Beobachtungsliste gesetzt. Zumindest auf dem Papier – beziehungsweise in den Investorenpräsentationen – haben die Öl-Multis reagiert: Royal Dutch Shell, BP, und Total haben angekündigt, ihren Netto-Ausstoss von Treibhausgasen bis zum Jahr 2050 auf null zu reduzieren. Doch das Fitmachen der weltgrössten Öl- und Gaskonzerne für die fraglos notwendige Energiewende gleicht der Vollbremsung eines Öltankers auf hoher See – es benötigt längere Zeit.
Denn auch wenn das «grüne» Momentum in der Politik (und bei Investoren) derzeit noch so hoch ist – die Neuausrichtung der kapitalintensiven Geschäftsmodelle der Öl-Multis kann mit diesem Tempo nicht mithalten. Das Geld für Investitionen in zukunftsträchtigere Geschäfte – seien es erneuerbare Energien oder die Speicherung und Verteilung von Elektrizität – muss nämlich erst einmal verdient werden. Und hier ist es nach wie vor das angestammte Geschäft, welches für den nötigen Cashflow sorgt. Dies sind vor allem die Förderung und der Handel von Erdöl und Erdgas. Einen einigermassen stabilen Rohölpreis vorausgesetzt, ist dieses Stammgeschäft nach wie vor sehr profitabel – und die Basis für milliardenschwere Dividendenzahlungen.
Wie die Vollbremsung eines Öltankers auf hoher See.
Um alle Anspruchsgruppen zu beglücken, müssen die Grosskonzerne einen Spagat wagen. Einige sind dabei mutiger, andere weniger. Was jedenfalls nicht verwundert, ist, dass einige Branchenriesen wie zum Beispiel Royal Dutch Shell weiterhin rund 60 Prozent des Investitionsbudgets für das traditionelle Geschäft und somit beispielsweise für die Erschliessung neuer Öl- und Gasquellen aufwenden.
Die Umweltproblematik wird durch Divestments nicht gelöst
Nachhaltiges Investieren hat zahlreiche Facetten.Das strikte Ausschliessen von «braunen» Unternehmen ist darunter die radikalste Variante. Die zugrunde liegende Umweltproblematik wird durch Divestments aber nicht gelöst – insbesondere in der Öl- und Gasindustrie. Denn während die westlichen Öl-Multis unter höchster Beobachtung stehen, gilt dies für deren Pendants aus Russland, China oder Nahost weitaus weniger. Wenn BP und Co. von heute auf morgen aus dem bisherigen Kerngeschäft ausstiegen, könnten die anderen in die entstehende Lücke springen und der Umwelt wäre nicht geholfen. Auch darf nicht vergessen werden, dass Erdölprodukte nicht nur den Verkehr antreiben, sondern darüber hinaus vielfältigste Verwendung finden und nicht überall leicht ersetzbar sind.
Andere ESG-Strategien sind daher unserer Meinung nach zu bevorzugen. Eine Möglichkeit besteht darin, jene Unternehmen zu bevorzugen, welche die überzeugendste Transformationsstrategie verfolgen («Best-in-Class»). Zu den besseren Handlungsalternativen gehört zudem die aktive Stimmrechtsausübung und das direkte Engagement mit dem Management der Unternehmen («Active Ownership»).
Dieser Artikel ist erstmals im Special «Green Economy» der Handelszeitung vom 01.04.2021 erschienen.
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