Erfolgreich wegschauen
Der Begriff „Volatilität“ weckt bei (Privat-)Anlegern häufig negative Assoziationen. In der Regel ist nämlich dann von ihr die Rede, wenn sie hoch ist (und die Kurse an den Finanzmärkten fallen). Nicht selten sind erhöhte Marktschwankungen zudem eine Quelle für Anlagefehler. Wer um die Berechnungsweise der Volatilität und deren psychologischen Effekte weiss, kann ihr ein Schnippchen schlagen und nervenschonend bessere Anlageergebnisse erzielen.
Aktienkurse to go
Haben Sie heute schon die Börsenkurse gecheckt? Keine Sorge – Sie sind in guter Gesellschaft. Ob beim Warten an der Ampel oder im Stau, am Kaffeeautomaten oder auf dem stillen Örtchen. Das Smartphone ist hier wie dort schnell gezückt und der aktuelle Kurs der Lieblingsaktie nur einen Touch entfernt. Manch einem besorgt die ständige Verfügbarkeit von Finanzdaten den täglichen Dopamin-Kick. Die in den letzten Jahren um sich greifende Gamifizierung des Börsenhandels durch Apps wie Robinhood & Co. regt das Verlangen nach dem Refresh-Button zusätzlich an. Und selbst wem dauerhaftes Digital-Detox gelingt, dem folgt das Markt-Geblubber wohl zumindest auf klassischen Kanälen wie Zeitung, Fernsehen oder Radio. Wegschauen (oder -hören) wäre allerdings für viele Anleger die bessere Variante. Denn ähnlich wie eine Reihe anderer Anlegerfehler, trägt auch die von Anlegern wahrgenommene Volatilität dazu bei, dass sie mit ihren Investitionen im Schnitt deutlich schlechter abschneiden als selbst ein simples Indexinvestment.
„The journey matters“
Zwar ist die objektive (mathematische), annualisierte Volatilität eines Marktpreises gleich hoch egal ob sie auf täglichen, monatlichen oder jährlichen Beobachtungen basiert. Doch für die menschliche Psyche bzw. bei der subjektiv wahrgenommenen Volatilität verhält es sich anders. Je weniger ein Anleger Phasen mit hohen Tagesschwankungen und/oder grösseren Preiskorrekturen aktiv mitverfolgt, desto weniger volatil – und somit riskant – erscheint ihm ein Markt. Wie hoch der Unterschied zwischen einem häufigen und einem seltenen Blick auf den Markt sein kann, zeigt das Extrembeispiel aus dem „Coronajahr“ 2020: Wer seinen Kopf das Jahr hindurch in den Sand steckte – also den Verlauf der Finanzmärkte ignorierte –, der sah am Jahresende im Beispiel des S&P 500 Index ein erfreuliches Kursplus von 16.3%. Den zwischenzeitlichen Drawdown von mehr als -30%, der bei nicht wenigen Marktteilnehmern sicher zu Kopfschmerzen (und Panikverkäufen) führte, hätte ein solch „ignoranter“ Anleger einfach verschlafen. So einfach wie es sich an dieser Stelle schreibt, ist die Umsetzung dieser Wegschau-Empfehlung natürlich nicht. Denn selbst wer sich notorisch ignorant zeigt, der bekommt die unfrohe Botschaft früher oder später höchstwahrscheinlich von seinem Vermögensverwalter zugestellt. Dieser muss den Kunden aufgrund gesetzlicher Vorgaben nämlich informieren, wenn dessen Portfolio innerhalb eines Quartals mehr als -10% an Wert verliert.
Stressfreier von A nach B | Weniger (Beobachten) ist mehr
S&P 500 Index (tägliche, monatliche und jährliche Beobachtung)
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Nichtstun hilft
Was sollten Anleger tun, um solch unerfreulichen Briefen und der kurzfristigen Marktvolatilität aus dem Weg zu gehen? Am besten auf eine einsame Insel ziehen, das Smartphone verbuddeln und die Börsenaufträge nur noch per Flaschenpost versenden(?) Was in der Praxis kaum umsetzbar ist, hat ein analytisches Fundament – wer seltener auf sein Depot schaut und weniger häufig Gelegenheit zum Handeln hat, der erzielt die besseren Anlageergebnisse.
"It is usually agreed that casinos should, in the public interest, be inaccessible and expensive. And perhaps the same is true of Stock Exchanges."
John Maynard Keynes (1936)
In Bezug auf die Beobachtungsfrequenz stellt Peter Mallouk in seinem 2023 vorgelegten Buch „Money, Simplified“ fest, dass Anleger, die monatlich ins Portfolio blicken, eine durchschnittliche Allokation von 59% Anleihen und 41% Aktien haben. Solche, die nur einmal im Jahr einen Portfolioüberblick erhalten sind mit 30% Anleihen und 70% Aktien hingegen deutlich wachstumsorientierter positioniert und dürften langfristig die besseren Resultate erzielen. Dass auch besser performt, wer weniger „traden“ kann, zeigen Ed deHaan (Stanford University) und Andrew Glover (University of Washington) in ihrer letztjährigen Studie „Trading Hours and Retail Investment Performance“. Ausgangspunkt ihrer Untersuchung ist die Tatsache, dass sich die Vereinigten Staaten über vier Zeitzonen ausdehnen und sich der aktive Handel an der New Yorker Börse in den verschiedenen Geografien des Landes jeweils über unterschiedliche Phasen des Alltags erstreckt. So fallen Börseneröffnung (9h30) und -schluss (16h00) an der Ostküste in das aktive (Berufs-)Leben der meisten Menschen, während der durchschnittliche Anleger an der Westküste zu Börsenbeginn (6h30) meist noch im Bett liegt und zur Schlussglocke (13h00) am Mittagstisch sitzt. Die Autoren stellen fest, dass Anleger in den westlichen Zeitzonen, für welche die Standardhandelszeiten weniger ideal liegen, die höheren Kapitalertragssteuern zahlen (weil sie höhere Gewinne erzielen). Konkret steigt die jährliche Anlageperformance mit jeder Zeitzone gen Westen um 3.9%. Um etwaige Einflussfaktoren (Wirtschaft, Bildung, Demografie, Gesundheit) auf diese Statistik möglichst zu reduzieren, wurde ebenfalls die Performancedifferenz zwischen an Zeitzonen angrenzenden Bezirken gemessen. Auch hier war die Diskrepanz mit im Schnitt um 2.9% höheren Kapitalgewinnen westlich der Zeitzonengrenze signifikant. Die Ursache für die beträchtliche Outperformance der „westlichen“ Anleger sind laut deHaan und Glover zweierlei – sie handeln weniger häufig und sie sind weniger in Einzelaktien, dafür mehr in Aktienfonds investiert. Zusammengefasst zeigt die Studie detailliert auf, dass Privatanleger schlechter abschneiden, je mehr sie der täglichen Volatilität des Aktienmarkts ausgesetzt sind und je mehr sie an dieser partizipieren können. Mit der Ausweitung des Börsenhandels über die Parketthandelszeiten der New Yorker Börse hinaus tun Retail-Broker wie Robinhood, der kürzlich den „Robinhood 24 Hour Market“ ins Leben gerufen hat (und damit 120 Stunden Non-Stop-Handel ermöglicht), ihren Anlegern ganz offensichtlich keinen Gefallen. Je mehr der Fokus der Anleger auf das Kurz- und Kurzfristigste gelenkt wird, desto mehr geht der Blick dafür verloren, dass Aktien über einen genügend langen Zeithorizont ausschliesslich positive Renditen erwirtschaften.
Eine Frage von Zeit (und Mindset) | Langfristig verschwindet jegliche Volatilität
Annualisierte Renditen S&P 500 Index
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Reporting-Lücke – mehr Segen als Fluch
Da die oben beschriebene Insel-Lösung wohl für die wenigsten praktikabel ist, stellt sich die Frage, inwiefern ein Anleger die tatsächliche – oder zumindest die gefühlte – Volatilität seines Portfolios anderweitig reduzieren kann, um stressfreier, mit weniger Fehlern und damit letztlich in der Endabrechnung auch erfolgreicher zu investieren. Eine volatilitätsmindernde und zugleich performancesteigernde Lösung ist die Beimischung von Privatmarktanlagen (Private Equity, Private Credit, Private Real Estate, Infrastruktur). Diese sehen sich häufig mit der Kritik konfrontiert, dass ihre Bewertungen einer merklichen Zeitverzögerung unterzogen und zudem noch künstlich erhöht sind. Letzteres lässt sich anhand von Fakten entkräften. Die kritisierte Reporting-Lücke gibt es aber tatsächlich. Sie variiert im Falle von Private-Equity-Fonds zwischen einem und zwölf Monaten (am häufigsten wird gemäss CEM Benchmarking-Studie nach drei bis vier Monaten rapportiert). Jedoch ist die uneinheitliche und zeitverzögerte Bewertung aus anlegerpsychologischer Sicht eher ein positives Feature als ein „Bug“. Im diversifizierten Privatmarktportfolio eines Anlegers führt sie nämlich automatisch zu einer Aggregation verschiedener Bewertungspunkte und einer Glättung der Performance.
Keine Eile | Private Equity Manager rapportieren träge
Reporting-Lücke bei Private Equity Fonds
Quellen: CEM Benchmarking Study, Kaiser Partner Privatbank
Ein zusätzlicher Glättungseffekt resultiert bei Privatmarktanlagen aus der Tatsache, dass ihre Bewertungen von Experten anhand tendenziell eher träger Modelle geschätzt werden. In der Summe sorgen beide Faktoren für eine erheblich tiefere Volatilität von Privatmarktanlagen im Vergleich zu den öffentlichen Aktienmärkten – sowohl gefühlt als auch im Depot sichtbar. Wie stark die zwei Faktoren das Performance- und Volatilitäts-„Smoothing“ beeinflussen, lässt sich in einem kleinen Umkehrexperiment ermitteln. Dabei wenden wir die beiden Glättungsmechanismen auf den S&P 500 Index an. Zunächst ermitteln wir den von Wall-Street-Analysten auf Basis einer Bottom-Up-Betrachtung geschätzten fairen Wert für den US-Blue-Chip-Index. Anschliessend bauen wir die anlageklassenspezifische Reporting-Lücke ein. Aus dem ursprünglichen S&P 500 Index mit einer annualisierten Volatilität von 15% wird auf diese Weise eine adjustierte Version mit einer Volatilität von nur 5% – eine massive Schwankungsreduktion um zwei Drittel.
Aus dem Apfel eine Birne machen | Geglättete Aktienmarktperformance ist Private-Equity-ähnlich
S&P 500 Index, indexiert (Marktpreis und adjustierte Varianten)
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Fazit: Volatilität hat nicht zu Unrecht einen schlechten Ruf. Umso höher die vom Anleger wahrgenommene Volatilität, desto öfter macht er Fehler und desto häufiger ist er zu defensiv positioniert. Gezieltes Wegschauen wäre eine simple, aber sehr erfolgreiche Methode, um mit dem Problem umzugehen. Da aber die wenigsten Menschen für diese Strategie gemacht sind, empfiehlt sich als alternative Variante die Beimischung von Privatmarktanlagen zu einem klassischen Portfolio. Zwar schwanken diese in der Theorie ähnlich stark wie Aktien. Relevant ist aber die wahrgenommene und im Portfoliobericht sichtbare Praxis geglätteter Performance und gedämpfter Volatilität, welche dabei hilft Anlagedisziplin zu bewahren und heikle Marktphasen zu überstehen.