Was kostet eine Tonne CO₂?
Zwar ist es unserem Planeten egal wo und weshalb CO2 ausgestossen wird. Einen globalen CO2-Preis gibt es dennoch nicht. Noch immer landet die grosse Mehrheit der weltweiten Treibhausgas-Emissionen ungestraft kostenlos in der Erdatmosphäre. Für den kleineren Rest der Emissionen variiert der Preis pro Tonne zwischen wenigen Cent und mehr als 150 US-Dollar. Sollen auch nur mittelmässig ambitionierte Klimaziele erreicht werden, muss der CO2-Preis langfristig weltweit deutlich ansteigen. Am Potential des stetig wachsenden Emissionshandels können inzwischen auch Anleger partizipieren.
Der Handel mit den Treibhausgasen: Von Ablasshandel…
Die öffentliche Diskussion über die Märkte für CO2-Emissionen fokussiert nicht selten auf den unregulierten Handel mit freiwilligen Emissionszertifikaten, beispielsweise zur Finanzierung des Waldschutzes oder anderer Projekte. Allerdings ist dieser mit einem Volumen von nur zwei Milliarden US-Dollar pro Jahr nicht nur relativ klein, sondern noch dazu äussert fragwürdig. Denn in der Regel werden unregulierte Emissionszertifikate allein auf Grundlage von Schätzungen zum Projekterfolg ausgestellt, während systematische Nachweise über die tatsächlich erzielten Emissionsreduktionen fehlen. Eine Studie der ETH Zürich in Zusammenarbeit mit der Universität Cambridge kommt beispielsweise zum Ergebnis, dass nur 12% der verkauften Kompensationszertifikate tatsächlich zu tieferen Emissionen führen1. Während der unregulierte Handel mit freiwilligen Emissionszertifikaten deshalb oft als blosser Ablasshandel fürs Klima bezeichnet wird, liegt der Mechanismus beim viel grösseren Markt für obligatorische Emissionszertifikate (800 Milliarden US-Dollar) klar auf der Hand.
…und regulierten Märkten
Diese funktionieren nach dem Prinzip des sogenannten „Cap & Trade“. Eine Obergrenze (Cap) legt fest, wie viele CO2-Emissionen insgesamt ausgestossen werden dürfen. Eine dementsprechende Menge an Emissionsberechtigungen wird dann an die Marktteilnehmer ausgegeben – teilweise kostenlos, teilweise über Versteigerungen. Unternehmen mit hohen Emissionen müssen sich Zertifikate kaufen, während Unternehmen mit tieferen Emissionen ihre Zertifikate verkaufen können (Trade). Hierdurch bildet sich ein Marktpreis für den Ausstoss von Treibhausgasen. Dieser Preis und die stetige Reduktion der Obergrenze sollen den beteiligten Unternehmen Anreiz geben ihre Emissionen zu reduzieren. Die Idee: Sobald der gehandelte CO2-Preis die Kosten zur Vermeidung der Emissionen übersteigt, beginnen die Unternehmen zu dekarbonisieren. Denn nur so können sie den maximalen Gewinn erzielen. Der nötige Anreizpreis, um eine Emissionsminderung herbeizuführen ist je nach Industrie unterschiedlich – nicht jede Emission lässt sich gleich einfach vermeiden. Während die Grenzkosten für eine vollständige Dekarbonisierung im Beispiel der Stahlbranche auf circa 60 US-Dollar pro Tonne geschätzt wird, liegt die Anreizgrenze in Zementindustrie (130 US-Dollar), Flugverkehr (230 US-Dollar) und Schiffsverkehr (350 US-Dollar) deutlich höher.
Nachweislich effektiv | Obligatorische Emissionszertifikate senken Emissionslevel in der EU
Emissionen im europäischen Emissionshandel (in Millionen Tonnen CO2-Äquivalente)
Quellen: EUTL, European Environment Agency, Kaiser Partner Privatbank
Europa: Mit gutem Beispiel voran
Dass der regulierte CO2-Handel tatsächlich funktioniert, lässt sich exemplarisch am Markt für europäische Emissionsberechtigungen (EUA) zeigen. Dieser wurde bereits 2005 lanciert und hat die Emissionen in den erfassten Industrien seitdem um nahezu die Hälfte reduziert. Heute befindet sich das European Emissions Trading Scheme (EU ETS) bereits in der vierten Implementationsphase. Im Gegensatz zu den vorhergehenden Phasen werden nun praktisch keine Emissionszertifikate mehr kostenlos an Unternehmen abgegeben, sondern basierend auf einem Auktionsmechanismus verteilt. Das Bussgeld für Unternehmen, die ihre erlaubten Emissionen überschreiten, wurde stark erhöht. Zudem wird die Obergrenze der Gesamtemissionen mit 2.2% pro Jahr künftig deutlich schneller gesenkt als in früheren Phasen.
Angebot und Nachfrage | Knappheit treibt den Preis nach oben
Menge und Preis von europäischen Emissionsberechtigungen (EUA)
Quellen: EUTL, ICE, EEX, Kaiser Partner Privatbank
Dass der CO2-Handel in Europa langsam erwachsen wird, widerspiegelt sich nicht zuletzt im Preis für europäische Emissionsberechtigungen. Während eine Tonne CO2 2016 noch zu knapp fünf Euro gehandelt wurde, hat sich der Preis in den letzten Jahren vervielfacht. Der angedachte Mechanismus funktioniert: Wird die vorgeschriebene Obergrenze schneller gesenkt als die Unternehmen ihre Emissionen senken können, führt diese Reduktion des Angebots (ceteris paribus) zu einem höheren Preis. In der langen Frist muss der CO2-Preis daher (weiter) steigen. Kurz- und mittelfristig spielen jedoch eine Vielzahl anderer Faktoren in die Preisbildung hinein. So verzeichnet der Markt im Jahr 2024 aktuell beispielsweise einen Angebotsüberschuss. Dieser ist hauptsächlich auf die vorzeitige Bereitstellung von Zertifikaten zur Finanzierung der REPowerEU-Pakete sowie zusätzliche Emissionsberechtigungen für den neu ebenfalls berücksichtigten Schiffsektor zurückzuführen. Die logische Folge des resultierenden Angebotsüberschusses war ein sinkender CO2-Preis (zwischenzeitlich fast 50%). Diese jüngste Episode zeigt nicht zuletzt eines auf: Die Preise für Treibhausgasemissionen unterliegen dem von der Politik vorgegebenen Rahmen und sind letztlich – politisch. Gewisse Preisrisiken kann man daher nicht völlig ausblenden. Im Beispiel der EU besteht beispielsweise – zumindest theoretisch – das Risiko, dass die Politik aus Angst eines Wettbewerbsnachteils europäischer Unternehmen (insbesondere gegenüber China) die Menge an Emissionsberechtigungen weniger stark absenkt als bisher geplant. Dies würde den europäischen CO2-Preis erneut drücken.
Angebot und Nachfrage | Angebotsüberschuss lässt den Preis fallen
Preis von europäischen Emissionsberechtigungen, (EUA in Euro pro Tonne CO2-Äquivalente)
Quellen: EEX, Kaiser Partner Privatbank
Rest der Welt: Schritt für Schritt zum globalen Preis
Nach dem Vorbild der Europäischen Union haben sich in den letzten 15 Jahren eine Reihe weiterer Märkte zum Handel mit Emissionszertifikaten etabliert. Zu den bedeutendsten und zugleich liquidesten Handelssystemen zählen die Western Climate Initiative (WCI) in Kalifornien und Quebec, die Regional Greenhouse Gas Initiative (RGGI) in 11 nordöstlichen US-Bundesstaaten sowie das ETS von Neuseeland. In Grossbritannien ersetzt das UK ETS seit Januar 2021 die vorherige Teilnahme am EU ETS. Gemäss International Carbon Action Partnership (ICAP) gibt es weltweit inzwischen 36 aktive Emissionshandelssysteme. Zu den jüngsten Newcomern gehört China, welches 2021 ein Emissionshandelssystem für den Energiesektor einführte. Dies war global betrachtet ein grosser Schritt nach vorn. Durch die Einführung eines CO2-Preises beim weltweit grössten Umweltsünder stiegen die weltweit von einem Preissystem erfassten Emissionen sprunghaft um 10%.
Dennoch: Trotz konstanten Wachstums der CO2-Märkte sind heute nach wie vor erst rund ein Viertel aller Treibhausgasemissionen von einem Preismechanismus betroffen. Mehr als ein Dutzend weiterer Emissionshandelssysteme sind zwar in Planung und dürften in den kommenden Jahren eingeführt werden, u.a. in Japan, Brasilien, Mexiko, Indonesien und der Türkei. Ein internationales Preissystem für Treibhausgasemissionen, für das multilaterale Organisation wie die WTO, der IWF, die OECD und die Vereinten Nationen plädieren, ist bisher indes noch Zukunftsmusik und auf absehbare Zeit kaum realistisch. Es wäre allerdings nötig, damit der CO2-Markt sein volles Potenzial entfalten kann.
Noch Luft nach oben | Weniger als ein Viertel aller Treibhausgasemissionen haben einen Preis
Anteil der globalen Treibhausgasemissionen, die von einem Preissystem erfasst werden
Quellen: World Bank, Kaiser Partner Privatbank
CO2-Emissionen als Anlageklasse
Nicht nur hinsichtlich des abgedeckten Volumens dürfte sich der Markt in absehbarer Zeit weiterentwickeln. Gleiches gilt für das Preisniveau, welches laut Klimaexperten noch zu tief ist – zumindest dann, wenn man auch nur mittelmässig ambitionierte Klimaziele erreichen möchte. Will man den globalen Temperaturanstieg wie im Pariser Klimaabkommen von 2015 vorgesehen auf maximal 2° Celsius begrenzen, so wäre im Jahr 2030 schätzungsweise ein CO2-Preis von circa 120 US-Dollar nötig2. Diese Tatsache lässt von den aktuellen Preisen ausgehend viel Luft nach oben. Im Falle des Marktes für europäische Emissionsberechtigungen würde dies Stand heute einen Preisanstieg von 10-12% pro Jahr implizieren. Nimmt man einen risikofreien Zins von 4% an (Rendite 10-jähriger US-Treasuries) entspräche dies einer CO2-Prämie von 6-8% p.a. Noch sind Anlagevehikel, die eine Partizipation an diesen Kursaussichten ermöglichen, rar gesät. Vereinzelte Opportunitäten mit mehrjährigem Track Record gibt es aber. Interessierte Anleger müssen sich jedoch der (politischen) Risiken und eingeschränkter Liquidität der noch jungen Anlageklasse bewusst sein. Wer bereit ist dies in Kauf zu nehmen, wird im Gegenzug mit unkorrelierten Renditen gegenüber traditionellen Anlagekategorien belohnt und kann mit einer Allokation zu den CO2-Märkten beispielsweise das Treibhausgasrisiko in seinem Aktienportfolio hedgen.
Unkorrelierte Performance… | …nicht ohne (politisches) Risiko
World Carbon Fund vs. andere Anlageklassen
Quellen: Carbon Cap Management LLP, Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
1 Probst, B., Toetzke, M., Kontoleon, A., Diaz Anadon, L., & Hoffmann, V. H. (2023). „Systematic review of the actual emissions reductions of carbon offset projects across all major sectors.“
2 Quelle: World Carbon Fund (Mittelwert aus vier Szenarien: Stern Stiglitz Review (75 US-Dollar), IEA Net Zero by 2050 (130 US-Dollar), Bank of England (150 US-Dollar), UK REA Bioenergy Strategy (125 US-Dollar)
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