Trumps Zölle – eine gute Idee?

Der US-Präsident möchte mit seinem neuen Zollregime so einiges erreichen: Die Reindustrialisierung der USA, eine Verringerung des US-Handelsbilanzdefizits und bessere Deals mit den Handelspartnern. Doch machen Zölle Amerika wieder grossartig? Nicht nur die historische Evidenz spricht dagegen. Auch die Entwicklung der letzten Wochen zeigt, dass die Sache möglicherweise mehrere Haken hat. Dies wurde auch in der Trump-Regierung mittlerweile erkannt. Doch das Zurückrudern ist schwierig und ein grosser Schaden ist bereits angerichtet.

 

Das schönste Wort im Wörterbuch

Für Donald Trump sind „Zölle“ das schönste Wort im Wörterbuch. Dass er sie insbesondere als Druckmittel für das Abschliessen von „Deals“ betrachtet ist spätestens seit seiner ersten Amtszeit im Weissen Haus bekannt. Erneute Zollandrohungen waren daher auch für die Trump-2.0-Ära erwartet worden. Was Trump in deren ersten 100 Tagen in Sachen Handelspolitik nun ablieferte, dürfte aber selbst eingefleischte MAGA-Anhänger überrascht haben. Der durchschnittliche Zollsatz auf Importe in die USA hat sich innerhalb weniger Wochen in etwa verzehnfacht. Strafzölle von mehr als 100% gegen China kommen einem Handelsembargo gleich. Der US-Präsident möchte mehr erreichen als nur Gefälligkeiten der US-Handelspartner. Die Zölle sollen auch die Industrie in die USA zurückholen, Staatseinnahmen generieren und das immense US-Handelsbilanzdefizit eliminieren. Selbst für die Rettung von Hollywood sollen Zölle inzwischen dienen.

 

Gut durchdacht? | In jedem Fall disruptiv

Durchschnittlicher effektiver US-Zollsatz

Quellen: The Budget Lab, Kaiser Partner Privatbank

 

Lehren aus dem Geschichtsbuch

Aber sind Zölle das Mittel der Wahl? Die Mehrheit der Ökonomen hat da so ihre Zweifel. Genaugenommen sind Trump und seine Berater nahezu allein auf weiter Flur. Dass Fragezeichen berechtigt sind, zeigt der Blick ins Geschichtsbuch. So gilt das Smoot-Harley-Gesetz von 1930 als warnendes Beispiel für die Gefahren des wirtschaftlichen Nationalismus in einer global vernetzten Welt. Damals erhöhte US-Präsident Herbert Hoover die Importzölle in diversen Branchen trotz Warnung der Wirtschaftswissenschaft stark an – der durchschnittliche Zollsatz stieg auf über 20%. Spätestens zwei Jahre später waren die schädlichen wirtschaftlichen Auswirkungen unbestreitbar. Die gestiegenen US-Zölle resultierten in weitreichenden Vergeltungsmassnahmen anderer Länder, die internationale Zusammenarbeit brach (inmitten der Weltwirtschaftskrise) zusammen und das Welthandelsvolumen fiel um fast ein Drittel. Zwar besteht unter Wirtschaftshistorikern weitgehend Einigkeit darüber, dass es das Fehlen wirksamer fiskal- und geldpolitischer Massnahmen und nicht die Handelspolitik war, welche die Grosse Depression wirklich gross werden liess. Schätzungen gehen aber davon aus, dass die hohen Zölle bzw. der daraufhin geringere Handel mit dem Ausland die US-Wirtschaftsleistung zwischen 1929 und 1931 um mehr als 3% reduzierten.

Lehrmaterial gibt es auch aus Trumps erster Amtszeit. 2018 belegte der Präsident importierte Waschmaschinen mit Strafzöllen zwischen 20% und 50%. Eine 2020 veröffentlichte Untersuchung des Ökonomen Aaron Flaaen (Georgetown University) zeigt vier wesentliche Folgen dieser Massnahme: (1) Die Preise für importierte Waschmaschinen kletterten im Schnitt um 12%. (2) Obwohl Wäschetrockner nicht direkt betroffen waren, verteuerten sie sich in gleichem Umfang. (3) Auch in den USA hergestellte Waschmaschinen und Trockner wurden teurer. (4) Unternehmen wie Samsung und LG eröffneten Werke in den Vereinigten Staaten und schufen dort rund 1‘800 Arbeitsplätze. Auf den ersten Blick wirken die Zölle erfolgreich – sie spülten jährlich etwa 82 Millionen US‑Dollar in die Staatskasse. Doch dem stehen Mehrkosten für Verbraucher in Höhe von rund 1.5 Milliarden US‑Dollar gegenüber. Umgerechnet ergibt das rund 820‘000 US‑Dollar pro neu geschaffenen Arbeitsplatz. Die Zölle erwiesen sich also als äusserst teure und ineffiziente Methode um Beschäftigung aufzubauen.

 

Risiken und Nebenwirkungen

Auch diesmal dürfte die Trump-Regierung ihre mit dem neuen Zollregime verbunden (grossen) Ziele kaum erreichen. Für Befreiung sorgte der „Liberation Day“ am 2. April nicht. Befreit wurden die Wirtschaftsakteure seitdem einzig von jeglicher Sicherheit über die künftigen Perspektiven. Auch die 90-tägige Pause für die meisten der reziproken Zölle ändert daran wenig – niemand weiss wie es danach weitergeht. Die jüngsten Umfragen zum US-Konsumentenvertrauen und zur Stimmung bei den Unternehmen widerspiegelt denn auch einen akuten Verlust an Zuversicht. Unsicherheit besteht nicht nur über die Dauer der laufenden Zollverhandlungen, mögliche Vergeltungmassnahmen und die finalen Zoll-Prozente. Eng damit verknüpft sind auch Fragzeichen über die künftigen Pfade von Inflation, Wachstum, Notenbankzinsen und die Entwicklung der Unternehmensgewinne. Die globalen Lieferketten drohen ähnlich wie nach der Pandemie 2020 kräftig durcheinandergebracht zu werden. Und während die langfristigen Folgen der Zölle deflationär sind, droht auf kurze Sicht die Kombination aus hoher Inflation und Null- bis Negativwachstum (Stagflation).

 

Stagflation in Sicht | Zu hoch gepokert?

Bloomberg-Konsensschätzungen für die USA 2025

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

Zoll-Argumente auf dem Prüfstand

Dass die Logik im Trumpschen Zolldenken kritikanfällig und die bisher vorgetragene „Art-of-the-Deal“-Verhandlungstaktik zumindest suboptimal ist, wird schnell deutlich, wenn man die am häufigsten genannten Argumente für hohe Zölle auf den Prüfstand stellt:

  • Zölle machen Amerikas Industrie „great again“: Selbst wenn die USA diverse Industriegüter von heute auf morgen selbst produzieren wollten, könnten sie es nicht – es fehlt an genügenden Kapazitäten. Diese (wieder) aufzubauen benötigt Jahre, ist teuer und nicht zuletzt aufgrund der politischen Unsicherheit unter Trump für kaum ein Unternehmen attraktiv. Nicht zuletzt mangelt es für eine Reindustrialisierung auch an der nötigen Menge gut ausgebildeten Personals. Zwar kann allein die Zoll-Unsicherheit dazu führen, dass ein Unternehmen zukünftige Investitionen wieder in den USA vornimmt. Ob dies auch viele Arbeitsplätze schafft, ist aber fraglich – wahrscheinlicher sind höchst automatisierte Fabriken und wenige echte Jobs. Sicher scheint, dass die Produkte „Made in America“ in einem Regime hoher Zölle am Ende deutlich teurer wären als zuvor.
  • Zölle generieren Einnahmen und verringern das Handelsbilanzdefizit: Die US-Regierung erwartet sich von den Zöllen jährliche Einnahmen von 150-200 Milliarden US-Dollar. Doch nicht nur ist das Defizit mit knapp 2 Billionen US-Dollar ungleich grösser, auch dürften jegliche Erträge durch die von Trump in Aussicht gestellten Steuersenkungen mehr als ausgeglichen werden. Trotz Handelsbilanzdefizit sind die Vereinigten Staaten in den letzten Jahrzehnten eine wirtschaftliche Erfolgsstory. Die präsidiale Obsession mit dem Defizit ist denn auch grundsätzlich problematisch, basiert sie doch auf fehlendem Verständnis über grundsätzliche ökonomische Zusammenhänge. Der Grund für das Defizit ist nämlich, dass die Amerikaner insgesamt mehr konsumieren als sparen. Die hohen Defizite der Regierung und die verbundenen höheren Zinssätze, aber auch die Attraktivität als Investitions- und Wirtschaftsstandort locken netto mehr Kapital an als abfliesst. Das zieht einen Überschuss der Einfuhr über die Ausfuhr nach sich. Das Leistungsbilanzdefizit ist so weder gut noch schlecht. Höhere Einfuhrzölle können an diesem Zusammenhang gar nichts ändern, weil sie – wenn überhaupt – nur einen sehr indirekten Einfluss auf die Sparneigung in den USA haben. Das amerikanische Leistungsbilanzdefizit könnten die Zölle nur verringern, falls sie Amerika in eine Rezession führten.
  • Zölle ermöglichen gute „Deals“: Um Deals zu machen, sind gewisse Voraussetzungen nötig. So sollten ausgesprochene Drohungen oder tatsächliche Massnahmen auf dem Weg zum Deal dem Gegner mehr schaden als einem selbst. Was für Südkorea und Indien im Fall der aktuellen Trump-Zölle gelten mag, gilt für die grossen Handelspartner wie China und die Europäische Union nicht. Der grössere Verlierer ist die US-Wirtschaft. Zudem sollten die Forderungen an den Gegner klar sein – dieser muss wissen, welche Konzessionen von ihm erwartet werden. Zuletzt schien diese Klarheit selbst auf Seite der US-Vertreter zu fehlen, was die laufenden Verhandlungen nicht gerade erleichtert. Auch muss sich die Gegenpartei sicher sein, dass ein geschlossener Deal nicht wieder bald aufgeschnürt wird. Trump hat inzwischen aber einen Ruf als Deal-Breaker und entsprechend gering ist der Appetit der US-Handelspartner auf hastig zusammengeschusterte Zugeständnisse. Unter Verhandlungsprofis ist bekannt, dass gute Deals viel Zeit benötigen. Und nicht zuletzt: Wenn es den USA letztlich vor allem um den Endgegner China geht, wäre ein mit den anderen Handelspartnern abgesprochenes Vorgehen am zielführendsten. Trumps impulsive Vorgehensweise gegen Freund und Feind ist jedoch genau das Gegenteil davon.

 

Gute Deals benötigen Zeit | Schnelle Gewinne unwahrscheinlich

Dauer beim Abschliessen von US-Handelsverträgen (in Monaten)

Quelle: Apollo, Kaiser Partner Privatbank

 

Dass ein freier Welthandel unter dem Strich für alle Beteiligten Vorteile bringt, ist unter Ökonomen Konsens – Ausnahmen bestätigen die Regel… Unternehmen verlagern ihre Produktion dorthin, wo komparative Vorteile bestehen. Zölle unterbinden diesen Vorteil, lenken Kapital in weniger produktive Verwendungen und nehmen Firmen den Druck, über Preis oder Qualität zu konkurrieren. Zölle können zwar Arbeitsplätze in den betroffenen Sektoren kurzfristig erhalten, doch insgesamt sorgen sie für höhere Arbeitslosigkeit. Freihandel hingegen verdrängt zwar vereinzelt heimische Industrien; er senkt aber Preise, erhöht das verfügbare Einkommen der Verbraucher und schafft neue Jobs in anderen Bereichen. Zölle kehren diesen Effekt um: Sie begünstigen wenige Produzenten, verteuern Waren, mindern Kaufkraft und bremsen Wachstum sowie Beschäftigung. Wer die Wirtschaftsleistung pro Kopf – als Mass des Lebensstandards – maximieren will, sollte gegenüber Zöllen daher skeptisch sein. Eine generelle Anhebung der Zollniveaus verbessert den Lebensstandard nicht. Ihr wirtschaftlicher Preis ist langsameres Wohlstandswachstum. Zwar gibt es bei jeder Handelspolitik Gewinner und Verlierer, doch Freihandel weist die klar positivere Nettobilanz auf. Würde Trumps Zoll-Poker letztlich in niedrigeren globalen Zöllen resultieren, wäre das langfristig vorteilhaft. Führt er aber zu höheren Handelsbarrieren – und danach sieht es derzeit aus – tragen die USA und die Weltwirtschaft die Kosten.

 

Nicht über den Tisch gezogen | Die USA sind mit dem Handelsbilanzdefizit bisher gut gefahren

Wirtschaftsleistung pro Kopf in US-Dollar

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

Deal oder No Deal?

Das disruptive Zoll-Gewitter ist möglicherweise noch nicht vorbei, demnächst drohen auch noch diverse sektorale Zölle. Die negativen Konsequenzen der Trumpschen Politik wird derweil schon in Kürze auch in den harten Wirtschaftsdaten sichtbar werden – ebenso wie leere Regale in den Supermärkten, die den Unmut in der Bevölkerung steigern dürften. Der Druck auf die Trump-Regierung bald Erfolge vorzuzeigen, wird sukzessive steigen. Daher ist demnächst auch mit schlagzeilenträchtigen und „äusserst erfolgreichen“ Deals zu rechnen.

Doch während sich die USA mit Handelspartnern wie Japan und der Europäischen Union in den kommenden Wochen womöglich auf beiderseits verträgliche Abreden einigen können, dürfte der Handelskrieg mit China länger andauern. Den im Weissen Haus zunächst erwarteten, zuletzt erhofften Anruf von Xi Jinping hat es bisher nicht gegeben. In Peking ist jedoch klar: Egal wie weit man den Amerikanern entgegenkommt – Washington wird die Daumenschrauben gegen China weiter anziehen und versuchen dessen Aufstieg zu sabotieren. Daher stellt sich die chinesische Regierung auf eine längere Auseinandersetzung ein und ist für diese gut vorbereitet. Schnelle Verhandlungserfolge sollten die USA vor diesem Hintergrund nicht erwarten. Auch an Druckmitteln mangelt es China nicht – dazu gehören unter anderem der Berg an US-Staatsanleihen (den man auf den Markt werfen könnte) und die nahezu monopolartige Stellung bei der Verarbeitung von seltenen Erden (welche man ausnutzen könnte). Donald Trump hat indes weder die Zeit noch die Geduld. Und so ist er bereits teilweise eingeknickt, hat bei elektronischen Gütern aus China Ausnahmen gemacht und seit Anfang Mai in Aussicht gestellt, dass er die Zölle gegen China etwas senken könnte. Tatsächlich war die am 12. Mai bekanntgemachte Senkung der Zölle auf 30% dann wieder einmal grösser als erwartet. Nach einer Phase der De-Eskalation scheint nun ein für Trump und Xi gesichtswahrender Deal noch in diesem Jahr möglich. Ein solcher würde an der Rivalität der Länder zwar nichts ändern, die für beide Seiten attraktive Geschäftsbeziehungen aber am Leben erhalten.

Höchst unwahrscheinlich ist es hingegen, dass der durchschnittliche US-Zollsatz unter Präsident Trump wieder in den einstelligen Prozentbereich zurückkehren wird. Realistischerweise wird das Handelschaos nur dann ein Ende haben, wenn der Kongress Trump die Kontrolle über die Handelspolitik entreisst. Dazu müssten genügend Republikaner in Repräsentantenhaus und Senat bereit sein, sein Veto zu überstimmen (wofür eine Zweidrittelmehrheit in beiden Kammern erforderlich ist). Da dies höchst unwahrscheinlich ist, dürfte die Handelskriegs-Achterbahnfahrt weitergehen. Nicht zuletzt ist eine Rückkehr zu deutlich tieferen Zöllen auch deshalb unwahrscheinlich, weil Trump die inzwischen kräftig sprudelnden Zolleinnahmen als Erfolg werten und verkaufen wird. Die Wahrheit ist indes, dass Trumps Zölle nicht nur in Sachen Wachstum 2025, sondern weit darüber hinaus bereits grossen Schaden angerichtet haben – teilweise ist dieser irreparabel. Die starke Erholung an den Aktienmärkten seit Mitte April widerspiegelt hingegen einen gewissen Optimismus. Der Markt nimmt offenbar an, dass die US-Regierung demnächst viele Deals schliesst und nur ein genereller Importzoll von 10% übrigbleibt, während die Handelspartner die meisten anderen Strafzölle wegverhandeln können. Bleibt es tatsächlich bei der Trumpschen Achterbahnfahrt, sollte Anleger bei Aktien keine Einbahnstrasse erwarten.

 

Nicola Kollmann Investment Advisor & Sustainability Strategist

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