Infrastruktur: Anlageklasse im Aufwind

Infrastruktur – das war schon immer mehr als nur Strassen und Brücken (nämlich u.a. auch Kraftwerke, Pipelines und Telekommunikationsnetze). Als Anlagethema schien Infrastruktur aber nicht selten eher langweilig. Dieses angestaubte Image hat der Markt für Infrastruktur(investments) längst abgelegt. Vielmehr profitiert er heutzutage von Megatrends wie Digitalisierung und Dekarbonisierung und verzeichnet starkes Wachstum. Auch für Privatanleger bieten sich zusehends Möglichkeiten am Renditepotential und den defensiven Qualitäten (privater) Infrastrukturprojekte zu partizipieren.

 

Jeder möchte dabei sein

Infrastruktur hat Rückenwind, startet durch und/oder strotzt vor Energie. Egal welches Bild man bemüht – ob Windrad, Flughafen oder Kraftwerk – die eigentliche Aussage bleibt die Gleiche: Der Markt für Infrastruktur(investments) verzeichnet rasantes Wachstum. Das in private Infrastrukturprojekte investierte Anlagekapital hat sich in den letzten zehn Jahren um den Faktor 5x erhöht, es beträgt inzwischen mehr als 1 Billion US-Dollar. Und immer mehr Spieler möchten mit von der Partie sein. Entsprechend lang ist die Liste an Übernahmen mittels derer Asset-Manager ihre Kapazitäten im Bereich Infrastruktur in den letzten Jahren verstärkt haben. Beispielsweise übernahm der europäische Privatmarkt-Riese CVC Capital Partners im September 2023 den niederländischen Infrastruktur-Manager DIF Capital Partners (verwaltetes Vermögen: 16 Milliarden Euro). Im Februar 2024 gab die Schweizer Privatbank Vontobel eine Mehrheitsbeteiligung an Ancala Partners bekannt (verwaltetes Vermögen: 4 Milliarden Euro). Den grössten Coup landete im vergangenen Jahr indes Blackrock. Mit der 12.5 Milliarden US-Dollar schweren Übernahme von Global Infrastructure Partners (verwaltetes Vermögen: 100 Milliarden US-Dollar) stieg der grösste Vermögensverwalter der Welt auf einen Schlag in die Top-3 der globalen Infrastruktur-Manager auf und befindet sich in puncto verwalteter Infrastruktur-Assets nun auf Augenhöhe mit den Konkurrenten Macquarie und Brookfield. Gefragt ist das Thema Infrastruktur derweil auch zunehmend auf Seiten der Anleger, sowohl bei institutionellen als auch privaten Investoren.

 

Lackmustest bestanden | Infrastrukturanlagen schützen vor Inflation

Durchschnittliche Inflationsrate bzw. Performance 2022

Quellen: KKR, Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

Inflationsschutz…

Das Interesse kommt dabei nicht von ungefähr. Es hat gute Gründe. Im gleichen Atemzug mit Gold und Immobilien gelten Infrastrukturanlagen seit jeher als Schutz gegen Inflation. Den eigentlichen Beweis, dass diese Eigenschaft mehr als eine Vermutung oder vielleicht gar nur ein Marketingspruch ist, musste die Anlageklasse in den rund 25 Jahren ihres Bestehens lange Zeit nicht erbringen. Bis zur Corona-Pandemie. Sie war der eigentliche Lackmustest für die kaufkrafterhaltenden Qualitäten von Infrastruktur. Ergebnis: Test bestanden. Im Jahr 2022, als die globale Inflationswelle ihren Höhepunkt erreichte, konnten (private) Infrastrukturinvestments im Gegensatz zu Aktien, Anleihen und den meisten anderen Anlageklassen nicht nur nominal eine positive Performance verzeichnen. Auch real, also nach Abzug der Teuerung, blieb ein Renditeplus. Dieses aus Anlegersicht erfreuliche Verhalten von Infrastrukturinvestments in Zeiten erhöhter Inflation war weder eine Ausnahme noch ein Käfer (Bug), sondern vielmehr ein inhärentes Feature der Anlageklasse. Denn in der Regel sind die Cash-Flows von Infrastruktur-Assets per Vertrag oder Regulierung explizit an die Teuerung geknüpft und erhöhen sich entsprechend wenn die Preisindizes steigen. Zwingend nötig ist eine hohe Inflation allerdings nicht, damit Infrastrukturinvestments gut performen. Auch bei unterdurchschnittlicher Inflation und egal ob bei guter oder schlechter Konjunktur – Infrastruktur lieferte in der Vergangenheit in jeder Kombination von Inflation (hoch/tief) und Wirtschaftswachstum (hoch/tief) einen positiven Ertrag.

 

Krisenfeste Anlage | Infrastruktur outperformt in Rezessionen

Durchschnittliche Quartalsrendite ein Jahr vor und während der Finanzkrise/Corona-Rezession

Quellen: KKR, Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

…und defensive Qualitäten

Woher rühren die defensiven Qualitäten von Infrastruktur? Insbesondere „Infrastruktur-Klassiker“ wie Autobahnen und Schiffs- oder Flughäfen sind schwer zu replizieren bzw. bestehen hohe Markteintrittsbarrieren. Oft sind Cash-Flows (und Dividenden) der Assets zudem nicht nur durch Regulierung und langfriste Verträge abgesichert, sondern auch aufgrund der konstanten oder höchst unelastischen Nachfrage der Endverbraucher gewährt. Ein „klassisches“ Beispiel aus dem Bereich Energieversorgung ist hier z.B. ein Wasserkraftwerk. Sowohl für „alte“ Infrastruktur als auch für die Infrastruktur 2.0 (5G-Funktürme, Datencenter, Glasfasernetzwerke, Wind- und Solarkraft) gilt jeweils, dass sie jeweils essentielle Dienstleistungen erbringt, die für unser tägliches Leben kritisch notwendig sind. Nicht zuletzt stehen hinter jeder Art von Infrastruktur letztlich „harte“ Assets, die eine lange Nutzungsdauer und einen inhärenten, in der Regel tendenziell steigenden, Wert haben. All diese Eigenschaften machen Infrastruktur zu einer Anlageklasse, die unabhängig von den Marktzyklen gute risikoadjustierte Erträge und wenige Überraschungen liefert. Nicht selten sind (private) Infrastrukturinvestments sogar ein Fallschirm für das Anlageportfolio, der sich genau dann öffnet, wenn man ihn braucht. Denn insbesondere gegenüber liquiden Anlagen wie Aktien und Anleihen weisen sie eine relativ niedrige Korrelation auf. Sie bieten effektive Diversifikation und stabilisieren das Portfolio in turbulenten Marktphasen.

 

Gutes Chance-Risiko-Verhältnis | Solide Renditen bei geringer Volatilität

Renditen und Volatilität (2004-2023)

Quellen: KKR, Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

Privates Kapital gegen die Infrastruktur-Lücke

In der Vergangenheit waren es hauptsächlich die Regierungen dieser Welt, welche selbst als Investoren in Infrastruktur auftraten. Privates Kapital wurde in den letzten Jahrzehnten aber immer wichtiger. Der Trend, der in den 1990er Jahren in Australien mit der Privatisierung staatlicher Infrastruktur-Assets begann, hat seitdem auch die USA und Europa und schliesslich die Schwellenländer erfasst. Dies nicht nur weil die finanziellen Möglichkeiten der Staaten angesichts wachsender Schuldenberge zusehends schwinden, sondern auch weil ihnen oft auch die nötige Expertise für Bau und Betrieb tendenziell stets komplexer werdender Infrastrukturprojekte fehlt. Zudem wird die staatliche Ausgabenpolitik immer mehr durch kurze Wahlzyklen geprägt, in denen die schnelle, aber wenig nachhaltige Reparatur veralteter Infrastrukturen politisch häufig zweckmässiger erscheint, als finanzielle Mittel für grundlegend neue Projekte zu sprechen. Privates (Infrastruktur-)Kapital hat im Gegensatz dazu nicht nur tiefe Taschen, sondern auch einen langfristigen Anlagehorizont. In den letzten zweieinhalb Dekaden haben private Infrastrukturfonds bewiesen, dass sie Infrastruktur-Assets nicht nur effizient, sondern in der Regel auch besser als staatliche Träger betreiben und zugleich die Renditeanforderungen ihrer Investoren erfüllen können. In vielen Ländern der Welt gehören sie daher inzwischen zu einem festen Bestandteil des Infrastruktur-Ökosystems. In den kommenden zwei Jahrzehnten dürfte ihre Rolle nur noch wachsen. Nach Berechnungen des Global Infrastructure Hub, einer G20-Initiative, beträgt der globale Bedarf an Infrastrukturinvestitionen zwischen 2015 und 2024 fast 100 Billionen US-Dollar. Werden die Ausgaben künftig nicht stärker gesteigert als bisher vorgesehen, dürfte die Lücke zwischen den nötigen und den tatsächlich realisierten Investitionen in den kommenden 15 Jahren aber um 15 Billionen US-Dollar verfehlt werden. Der aktuelle Boom des Infrastruktur-Themas bzw. die steigende Nachfrage sowohl bei den Managern als auch bei den Anlegern kommt daher zur rechten Zeit.

 

Die wachsende Infrastruktur-Lücke… | …ist eine Chance für Anleger

Infrastruktur-Investitionsbedarf vs. Trend (in Billionen US-Dollar)

Quellen: Global Infrastructure Hub (G20 Initiative), Kaiser Partner Privatbank

 

Konvergierende Megatrends

Transportinfrastruktur sowie die traditionellen Formen der Energieproduktion werden auch in den kommenden Jahren einen grossen Teil des billionenschweren jährlichen Investitionsbedarfs ausmachen, insbesondere in den Schwellenländern. Die am schnellsten wachsenden Infrastrukturbereiche sind heute aber digital (beispielsweise Datencenter und Glasfasernetze) oder haben einen Bezug zur Energiewende (beispielsweise erneuerbare Energie und Batteriespeicher). Allein zwischen 2010 und 2025 hat das Volumen an global kreierten, konsumierten und gespeicherten Daten um den Faktor 100x zugenommen. Experten schätzen, dass dieses Volumen in den nächsten fünf Jahren nochmals um den Faktor 4x steigen wird. Dabei ist es nicht nur die Künstliche Intelligenz, welche viele Daten benötigt, erzeugt und viel Rechenleistung frisst – auch die sozialen Medien, die Migration in die Datenwolken (Cloud) und verbreitetes Streaming von Inhalten führt zu viel mehr Daten. Neben massiven Investitionen in Datencenter wird auch der fortgesetzte Ausbau von Glasfaser- und Mobilfunknetzen sowie weitere Upgrades auf den 5G-Standard nötig sein, um das starke Wachstum der Innovationsökonomie und des Internets der Dinge zu gewährleisten.

 

Exponentielles Wachstum | Terabyte, Petabyte, Exabyte, Zettabyte…

Volumen der weltweit erstellten, erfassten, kopierten und verbrauchten Daten (in Zettabytes)

Quellen: Statista, Kaiser Partner Privatbank

 

Mit Blick auf die Energiewende schätzt die Internationale Energieagentur (IEA), dass im Jahr 2050 80% des globalen Energiebedarfs durch erneuerbare Energien bereitgestellt werden wird. Und auch hier ist es wieder die Künstliche Intelligenz (KI), die aufgrund ihres rasanten Fortschritts vor unseren Augen die Konvergenz der zwei Megatrends Digitalisierung und Dekarbonisierung nahezu erzwingt. Der Energiehunger der KI ist immens. Im Beispiel der USA dürfte der Stromverbrauch von Datencentern allein im kurzen Zeitraum von 2023 bis 2027 um 150% steigen und mit rund 380 TWh bereits in zwei Jahren circa 8.5% des gesamten Verbrauchs ausmachen. Für die grössten Nutzer der Datencenter – die grossen US-Technologiekonzerne – scheint klar, dass der riesige Energiebedarf aus emissionsarmen Quellen stammen muss. Am ambitioniertesten zeigen sich in dieser Debatte bisher Google und Microsoft. Sie haben das Ziel definiert bis zum Jahr 2030 rund um die Uhr komplett CO2-frei zu operieren. Neben Wind und Solar sehen die Hyperscaler für die Zukunft auch im Bereich der Kernkraft wieder grosse Chancen, um die hochgesteckten Ziele zu erreichen. Bei der Produktion von Energie endet die Infrastruktur-Story aber noch nicht. Um die steigende Stromnachfrage in den USA, die in den nächsten 10 Jahren um rund 40% wachsen dürfte, sicherzustellen sind erhebliche Investitionen in das im Schnitt 40 Jahre alte Stromnetz unabdinglich. Um mit der steigenden Stromnachfrage mitzuhalten müssen seine Kapazitäten in den nächsten 12 Jahren schätzungsweise verdoppelt werden.

 

Künstliche Intelligenz ist hungrig | Grosses Potential bei Datencentern und Energieversorgung

Anteil von Datencentern am US-Stromverbrauch

Quellen: Ares, Kaiser Partner Privatbank

 

Lieber privat als börsennotiert

Der Investment-Case für Infrastruktur liegt klar auf der Hand. Doch wie sollte man am besten investieren? Um die Gunst der Anleger buhlen einerseits börsennotierte Vehikel mit meist täglicher Liquidität wie ETFs, Fonds oder Aktien aus traditionellen Infrastruktursektoren und andererseits der stark wachsende, aber illiquide Markt für private Infrastrukturinvestments. Zwar hat das liquide Segment in der Vergangenheit performancemässig nicht enttäuscht, es lieferte durchaus solide Renditen. Allerdings war die Korrelation von börsennotierten Infrastrukturinvestments zu den Aktienmärkten sehr hoch und die Kursentwicklung ähnlich volatil, insbesondere auch wenn die Kursrichtung nach unten zeigte. Zudem überwiegen im börsennotierten Segment klar die „alten“, weniger dynamischen Infrastruktursektoren. Der bevorzugte Weg, um Exposure zu Infrastruktur-Assets aufzubauen, führt aus unserer Sicht über die Privatmärkte. Nur dort können Anleger direkt am grossen Wachstumspotential von Zukunftsthemen wie Digitalisierung und Dekarbonisierung partizipieren. In den vergangenen 20 Jahren haben private Infrastrukturinvestments klar outperformt – und dies bei deutlich geringerer Volatilität als die börsennotierten Alternativen. Sie repräsentieren somit im Gegensatz zu den liquiden Märkten nicht zuletzt auch besser die Stabilität der unterliegenden Infrastruktur-Assets. Die Ergänzung eines gemischten Portfolios aus Aktien und Anleihen mit privater Infrastruktur hat die Effizienz eines Anlegerportfolios in der Vergangenheit spürbar verbessert. In einem makroökonomischen Umfeld, geprägt von tendenziell höherer, volatilerer Inflation und gestiegener (geo)politischer sowie wirtschaftlicher Unsicherheit dürften (private) Infrastrukturinvestments auch zukünftig wertvolle Diversifikation bieten. Ganz umsonst ist der Fallschirm fürs Portfolio letztlich allerdings nicht zu haben. Anleger müssen sich bewusst sein, dass sie die Illiquiditätsprämie der Privatmärkte nur dann abschöpfen können, wenn sie Liquidität aufgeben. Zwar müssen sie sich dank semi-liquider Anlagemöglichkeiten heutzutage nicht mehr für 10 Jahre und länger an Privatmarktinvestitionen binden. Dennoch sollte ihr Anlagehorizont mindestens bei 3-5 Jahren liegen.

 

Gelungene Mischung | Infrastruktur sorgt für ein effizienteres Portfolio

Renditen vs. Volatilität (2004-2023)

Quellen: KKR, Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

Oliver Hackel, CFA Head of Private Markets & Liquid Alternatives

Investment News

 

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