Anlegen für alle? – Nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen

Der Handel an den Finanzmärkten beziehungsweise Finanzmarktinfos sind heutzutage für jedermann und jederfrau zugänglich. Sehr günstige Konditionen und Innovationen wie «fractional shares» sowie das Internet und die sozialen Medien machen es möglich. Im Corona-Jahr ist das Interesse für das Thema Anlegen nochmals sprunghaft gestiegen. Doch die «Demokratisierung des Anlegens» ist nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen. Und eine professionelle und persönliche Anlageberatung wird auch in Zukunft einen (Mehr-)Wert haben.

 

Aktienspekulation mit dem «Corona-Scheck»

Es gab einmal eine Zeit, da war der Handel mit Wertpapieren einer finanzkräftigen und/oder besonders finanzmarktaffinen Klientel vorbehalten. Man musste einen gewissen Betrag auf dem Anlagekonto haben, die Provisionen und Gebühren waren hoch und wer nicht gerade beruflich mit den Finanzmärkten zu tun hatte, musste sich sein Finanzwissen mitunter hart erarbeiten. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Die früher vorhandenen Barrieren sind heutzutage viel niedriger oder gänzlich gefallen.

Wer heutzutage Aktien handeln möchte, kann dies online, mit wenigen Klicks auf dem Smartphone und mit kleinstem Budget – Robinhood sei Dank. Dieser im Jahr 2013 gegründete US-Online-Broker beziehungsweise dessen App hat die Branche in kurzer Zeit auf den Kopf gestellt. Die Idee: Jeder sollte an den Finanzmärkten aktiv sein können – egal wie gross das Portemonnaie; die Lösung: der Handel mit Aktien wird kostenlos. Der grosse Erfolg des Start-Ups in Form rasant wachsender Kundenzahlen liess den etablierten Konkurrenten keine andere Wahl als früher oder später nachzuziehen. Seit 2019 können Anleger in den USA nun auch bei TD Ameritrade, E*Trade, Charles Schwab oder Interactive Brokers kostenlos handeln. Selbst der hohe Preis einer Aktie ist inzwischen kein Hindernis mehr. Dank der Einführung von «fractional shares» kann man sich nun beispielsweise auch ein Zwanzigstel oder weniger der mehr als 3’000 US-Dollar «teuren» Amazon-Aktie kaufen. Selbst wer nur 10 Dollar zum Investieren verfügbar hat, kann dabei sein.

Nicht selten war zuletzt immer wieder einmal von der «Demokratisierung des Anlegens» die Rede. Diese hat – mehr oder weniger als Nebeneffekt der Corona-Pandemie – im vergangenen Jahr ein neues Niveau erreicht. Denn «Corona» brachte neben persönlichen Tragödien für viele auch mehr Zeit zu Hause beziehungsweise vor dem Computer (oder am Handy), Langeweile und zudem einen «Corona-Scheck» von der Regierung. Bei so manchem landete dieser als «Spielgeld» auf einem Anlagedepot – manchmal auch nur, weil Alternativen wie beispielsweise Sportwetten in Corona-Zeiten Mangelware waren. Allein in den USA haben Privatanleger 2020 mehr als 10 Millionen Anlagedepots eröffnet. Und der Zustrom an Neu-Anlegern hält bis zuletzt an. So wurde die Robinhood-App allein im Dezember weitere 500’000 Male heruntergeladen. Das gestiegene Interesse am Thema Anlegen ist dabei ein globales Phänomen und auch in Europa und Asien zu beobachten. Angefeuert wird es nicht zuletzt von der Richtung am Aktienmarkt – seit dem «Corona-Crash» im Februar und März letzten Jahres zeigt diese fast ununterbrochen nach oben.

 

 

Bullische Wetten überwiegen

Absicherung ist derzeit nicht gefragt

Volumen von Call- und Put-Optionen an den US-Börsen, in Millionen Kontrakten

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

Der Robinhood-Effekt

Dass sich immer mehr (Klein-)Anleger am Aktienmarkt engagieren, ist in harten Zahlen messbar. Gemäss Angaben von Citadel Securities stammten im letzten Jahr in den USA 20% (an Spitzentagen gar 25%) aller Transaktionen von Privatanlegern, doppelt so viel wie im Jahr zuvor. Immer mehr Anlegern ist der Handel mit ordinären Aktien dabei längst nicht mehr genug. Vermehrt setzen sie auch auf (Call-)Optionen, um mit weniger Kapitaleinsatz (gehebelt) noch grössere Gewinne zu erzielen. Am Optionsmarkt sind die US-Privatanleger inzwischen für mehr als 55% des Volumens verantwortlich (gegenüber 40% vor der Pandemie).

All dies bleibt nicht ohne Folgen. Während die Aktivität der neuen Anleger-Generation auf die grossen Wall-Street-Titel wie Apple, Microsoft und Co. (bisher) keinen messbaren Einfluss hat, sieht es im Segment der klein- und kleinstkapitalisierten Unternehmen anders aus. Dort kam es in den letzten Wochen und Monaten nämlich regelmässig zu erratischen Kursbewegungen. Den passenden Begriff dazu – Robinhood-Effekt – gibt es genauso wie zahlreiche Beispiele. So stieg die Aktie des Autovermieters Hertz im Mai letzten Jahres innerhalb weniger Tage um mehrere 100%, obwohl das Unternehmen zuvor Insolvenz (nach Chapter 11) angemeldet hatte. Für viele Anlegerneulinge schien der günstige Preis von unter einem US-Dollar wohl zu verlockend. Eine andere Anekdote beschreibt den Fall des «Penny Stocks» Signal Advance – einem Unternehmen, welches so klein ist, dass es der US-Börsenaufsicht SEC nicht einmal Finanzkennzahlen vorlegen muss: Nachdem Tesla-Chef Elon Musk tweetete «Use signal […instead of Whatsapp…]» schnellte die Aktie innerhalb weniger Tage von 60 Cent bis auf knapp 40 US-Dollar hoch, bevor es genauso schnell wieder abwärts ging. Was Musk meinte, war aber nicht das Einmann-Unternehmen aus Texas, sondern die Messenger App «Signal» der Signal Foundation.

 

Je günstiger, desto besser

Aktien mit kleinem Preisschild performen besser

Entwicklung der Aktien des Russell 3000-Index (in Abhängigkeit vom Aktienpreis)

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

Je enger der Handel für eine Aktie ist, desto grösser ist der Einfluss der Retail-Anleger. Die Grundlage für Kurssprünge und -abstürze wird dabei häufig in Nachrichtendiensten oder sozialen Netzwerken gelegt. Zu den bekanntesten Umschlagplätzen von heissen Tipps zählen neben Twitter auch Discord, TikTok, Reddit, Instagram sowie Facebook. Die dort kursierenden Aktientipps werden regelmässig zu selbsterfüllenden Prophezeiungen. Dann nämlich, wenn (stark) steigende Kurse zu weiteren Käufen animieren, welche den Preis der betreffenden Aktie dann noch weiter in die Höhe treiben.

Welches Momentum die Robinhood-Trader dabei entfalten können, zeigt sich in einem weiteren Beispiel der letzten Tage: Das Geschäft von Gamestop, der grössten US-Einzelhandelskette für Videospiele, ist schon seit Jahren im Niedergang – den Trend hin zu Online-Spielen hat das Unternehmen komplett verschlafen. Entsprechend tief war der Aktienkurs, welcher noch im Sommer letzten Jahres bei 4 US-Dollar herumdümpelte. Bis Weihnachten ging es mit der Aktie bereits auf 20 US-Dollar hoch. Doch der wahre Finanzkrimi spielte sich seit Jahresanfang ab: Während Hedgefonds mit Blick auf die schwachen Fundamentaldaten von Gamestop gezielt auf fallende Kurse wetteten, diskutierten Privatanleger auf dem Reddit-Kanal WallStreetBets in den letzten Wochen wie man den Herren von der Wall Street ein Bein stellen könnte und initiierten einen gigantischen «Short Squeeze». Das Interesse an Gamestop nahm stetig zu. Am 25. Januar wurden schliesslich 2.5x so viele Gamestop-Aktien gehandelt wie sich auf dem Markt befinden. An diesem Tag stieg der Aktienpreis zwischenzeitlich auf 160 US-Dollar, ehe er innerhalb weniger Minuten um 50% einbrach. Doch selbst dies war noch nicht das Ende der Fahnenstange, es ging danach noch weiter aufwärts – der vorläufige Höhepunkt der Rally liegt bei knapp 400 US-Dollar.

Ein Opfer dieser jüngsten Robinhood-Episode ist bereits bekannt: Der Hedgefonds Melvin Capital, welcher zuletzt auf fallende Kurse von Gamestop und anderen Titeln setzte, erlitt in den ersten Januarwochen zweistellige Verluste. Dank einer Finanzspritze der Hedgefonds-Kollegen von Citadel und Point72 Asset Management in Höhe von 2.75 Milliarden US-Dollar, blieb ein noch grösserer Schaden aus.

 

What goes up…

…must (eventually) come down

Gamestop-Aktie

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

Die Risiken und Nebenwirkungen

Tatsächlich erinnert diese Geschichte etwas an «Robin Hood» – von den reichen Hedgefonds-Managern wurde genommen, den (vergleichsweise) armen Kleinanlegern wurde gegeben. Doch so märchenhaft ist es wiederum nicht. Wer zu spät auf den fahrenden Zug aufgesprungen war, konnte genauso gut auf der Verliererseite stehen und im Zeitraffer zusehen, wie sich seine Investition halbierte. Dabei kann dies nicht nur bei Aktien mit schwachen Finanzkennzahlen oder fragwürdigem Geschäftsmodell passieren. Es genügt, wenn Elon Musk – wie diese Woche geschehen – tweetet, dass er „Etsy“ mag. Die Aktie der Onlineplattform für Handgemachtes und Vintage-Sachen schoss daraufhin vorbörslich mehr als 10 US-Dollar in die Höhe – nur um danach 10% unter dem Tageshöchstkurs zu schliessen. Ein weiteres Beispiel, dass zeigt: Die schöne, neue Anlegerwelt hält auch Risiken bereit, denen sich so mancher Finanzmarktnovize nicht bewusst ist. Dies gerade auch weil Apps wie Robinhood das Anlegen wie ein Spiel erscheinen lassen. Wer ein Anlagekonto eröffnet oder Freunde dazu animiert, bekommt Gratisaktien. Und beim Abschluss einer Transaktion regnet es Konfetti… Wer für 5 Dollar im Monat eine Premium-Mitgliedschaft abschliesst wird Gold-Kunde und kann gar auf Kredit spekulieren.

Die schöne, neue Anlegerwelt hält auch Risiken bereit, denen sich so mancher Finanzmarktnovize nicht bewusst ist.

Wohin diese «Gamification» des Anlegens und die fehlende Aufklärung über die vorhandenen Risiken im schlimmsten Fall führen kann, macht ein Fall aus dem Sommer letzten Jahres deutlich, der in den Medien hohe Wellen schlug. Damals beging ein 20-jähriger Robinhood-Trader Selbstmord, nachdem ihm die App offenbar Verluste in Höhe von mehr als 730’000 US-Dollar angezeigt hatte. Wie sich im Nachhinein herausstellte, war sein Konto zu keinem Zeitpunkt im Minus – er hatte sein komplexes Optionsgeschäft lediglich nicht komplett durchschaut. Dieser Fall blieb nicht der einzige Fleck auf der weissen Robinhood-Weste: Im Dezember wurde das Unternehmen von der US-Börsenaufsicht SEC zu einer empfindlichen Strafe von 65 Millionen US-Dollar verurteilt. Der Broker hatte seinen Kunden nämlich nicht offengelegt, womit er eigentlich Geld verdient – indem er die Wertpapieraufträge an sogenannte Hochfrequenz-Händler weiterverkauft. Allein im ersten Halbjahr 2020 generierte dieses Geschäft Einnahmen von über 270 Millionen US-Dollar. Das Nachsehen dabei haben die Kunden. Wie die SEC feststellte, hätten diese nämlich deutliche bessere Ausführungspreise bekommen, wenn sie – anstatt vermeintlich kostenlos bei Robinhood – bei der Konkurrenz gehandelt und dort die üblichen Kommissionen bezahlt hätten.

 

Spekulation auf Pump

Tiefe Zinsen sind allzu verlockend

Volumen der Wertpapierkredite in den USA, in Milliarden US-Dollar

Quellen: FINRA, Kaiser Partner Privatbank

 

Der Mehrwert einer professionellen Anlageberatung

Doch auch wenn die Demokratisierungswelle beim Anlegen ihre Schattenseiten hat – grundsätzlich ist das gestiegene Interesse für die Finanzmärkte sehr positiv zu sehen. Denn nicht jeder Neuanleger möchte an der Börse zocken. Die Mehrheit macht sich ernsthaft Gedanken über die langfristige Geldanlage und die Altersvorsorge. Auch über die Auswirkungen der Investitionsentscheidungen auf Umwelt und Gesellschaft möchten immer mehr Vertreter der jungen Anlegergeneration Bescheid wissen. Dass allein eine spielerisch wirkende App und kostenloser Handel bei diesen Fragestellungen nicht viel weiterhelfen, ist vielen klar. Immer mehr Anleger werden sich bewusst, dass eine gute, umfassende und auf die Person zugeschnittene Anlageberatung einen Wert hat.

Gemäss einer Analyse von Cerulli Associates vom letzten Oktober sagen 40% der US-Anleger, dass sie mehr Beratung benötigen. 56% der Befragten sind bereit dafür etwas zu zahlen. Und 82% derjenigen, die dies bereits tun, sind damit zufrieden. Wie eine andere Untersuchung von Franklin Templeton und Gallup zeigt, sind Anleger mit Finanzberater mehr als doppelt so oft der Meinung die richtige Anlagestrategie gewählt zu haben wie ein «Do-It-Yourself»-Anleger.

Für die Kaiser Partner Privatbank stehen die persönliche Situation sowie die Ziele und Bedürfnisse jedes einzelnen Kunden seit jeher im Mittelpunkt des Anlageprozesses. Mit innovativen und nachhaltigen Anlagelösungen sowie in engem Austausch mit Kundinnen und Kunden werden wir auch in Zukunft das Ziel verfolgen überdurchschnittliche risikoadjustierte Renditen zu erzielen.

 

Oliver Hackel, CFA Head of Private Markets & Liquid Alternatives

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