[«Was hoch steigt, muss (irgendwann) fallen.»]
Die Finanzmärkte unterliegen neben dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage, vor allem der Psychologie der Marktteilnehmer. Naturgesetze spielen eher weniger eine Rolle. Entsprechend gilt auch die Schwerkraft nur bedingt. Doch wie so oft gibt es Ausnahmen von der Regel.
Gamestop
Das zu Ende gehende Anlagejahr bietet eine grosse Menge an (Kurs-)Material um der Frage nachzugehen, inwieweit das Newton’sche Gravitationsgesetz auch an den Finanzmärkten gilt. Im Falle von Aktien muss an der Börse in der Theorie eigentlich keine Schwerkraft geben – es kann und sollte mit den Preisen langfristig vielmehr nach oben gehen. Wenn ein Unternehmen seine Umsätze (und Gewinne) nachhaltig steigert, ist ein steigender Aktienkurs (und eine zunehmende Bewertung) gerechtfertigt und fast schon vorprogrammiert. Manchmal genügt dafür auch schon die Vorstellungskraft an das Gewinnpotential einer (Unternehmens-)Idee. Doch wenn es mit den Kursen von Aktien exponentiell nach oben geht, steigt nicht nur die Fallhöhe, sondern auch die Wahrscheinlichkeit für eine scharfe Korrektur. Ein Paradebeispiel dafür, dass wieder fallen muss, was zuvor zu hoch (und insbesondere zu schnell) gestiegen ist, gab es dieses Jahr gleich im Januar – mit den Medien- und Kurskapriolen rund um «Gamestop». Innerhalb von nur einer Woche stieg die Gamestock-Aktie um mehr als das Zehnfache. Ursache war ein klassischer «Short Squeeze». Zu einem solchen kommt es, wenn Marktteilnehmer, die auf fallende Kurse gewettet haben, auf dem falschen Fuss erwischt werden. Wenn der Aktienkurs wider Erwarten weiter steigt und sich zu hohe (Buch-)Verluste anhäufen beziehungsweise die Bank mit einem «Margin Call» droht, müssen die «Short Seller» ihre Leerverkaufsposition schliessen – der Preis ist in diesem Fall (fast) egal, was die Kurse temporär weiter in die Höhe treibt. Wenn die Leerverkäufer schliesslich aus dem Markt gedrängt wurden, fällt der Aktienkurs in der Regel wieder zusammen. Im Preischart bleibt dann oft eine Art «Tannenbaum» zurück. So auch bei Gamestop, wo auf die Vervielfachung innerhalb nur eines Monats ein Absturz um -90% zu beobachten war. Die weitere Entwicklung war dann allerdings weniger typisch. Im März gab es dann nämlich gleich nochmals einen Short Squeeze. Das Management des Videospiel-Einzelhändlers nutzte die Gunst der Stunde – also den hohen Aktienkurs – im April für die Ausgabe neuer Aktien und die Rückzahlung von Schulden. Zwar ist die Bilanz des Unternehmens nun solide. Das Geschäft ist aber weiterhin kaum profitabel und die Bewertung mehr als ambitioniert. Da inzwischen fast alle Leerverkäufer das Weite gesucht haben, ist für höhere Kurse ein Umbau des Geschäftsmodells (und/oder viel Fantasie) nötig.
US-Bauholz und Erdgas
Noch öfter als an den Aktienmärkten sind die klassischen «Tannenbaum-Muster» bei Rohstoffen zu beobachten. Insbesondere, wenn Angebot und Nachfrage in einem Missverhältnis stehen und es echte physische Knappheiten gibt, können die Preise von Rohstoffen innerhalb kurzer Zeit stark ansteigen. Ab einem gewissen Punkt geht die Nachfrage dann häufig zurück, da der Preis für die Käuferseite zu hoch wird und/oder nimmt das Angebot zu, da eine höhere Produktion für die Verkäuferseite attraktiv wird. In der Folge fallen die Preise dann oftmals wieder relativ schnell. Wie stark diese Schwerkraft tatsächlich ist, hängt vom jeweiligen Rohstoffmarkt, seiner Saisonalität und insbesondere der individuellen Elastizität von Angebot und Nachfrage ab. Wichtige Variablen sind dabei die Preissensibilität der Käufer und die Produktionskapazitäten der Verkäufer. Mehr «Tannenbäume» gibt es daher an den Agrargütermärkten (im weiteren Sinne) und Energiemärkten, weniger bei den (Edel-)Metallen. Ein sehr schönes Muster war in diesem Jahr im Chart für US-Bauholz zu beobachten. Einerseits wurde die Nachfrage nach Neubau und Renovierungen von Häusern dank rekordtiefer Hypothekenzinsen und Stimuli-Schecks der Regierung stark angeheizt, andererseits sorgten Produktions- und Lieferengpässe in der Holzindustrie für ein zu geringes Angebot. Das Resultat beim Preis: Auf eine Verdreifachung von November 2020 bis Mai 2021 folgte innerhalb von nur drei Monaten ein Rückgang um zwei Drittel. Ein weiteres Rohstoff-Beispiel könnte sich derzeit am Markt für europäisches Erdgas entwickeln. Seit Jahresbeginn hat sich dessen Preis in der Spitze mehr als versechsfacht. Auch hier ist ein Missverhältnis aus Angebot und Nachfrage die Ursache. Eine hohe Volatilität und scharfe Preisspitzen waren am Erdgasmarkt in der Vergangenheit immer wieder zu beobachten. Und so dürfte es auch diesmal nicht anders sein.
Nicht nur zur Weihnachtszeit
Tannenbäume in den Preischarts
Kursentwicklung verschiedener Anlagen
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
…und Bitcoin?
Apropos Volatilität und Preisspitzen – der Bitcoin darf hier natürlich nicht fehlen. Auch der Bitcoin-Preis vollführte dieses Jahr wieder eine Berg- und Talfahrt. Bei den Kryptowährungen sind es jedoch weniger Short Squeezes oder physische Knappheiten, welche die Preise und Gemüter in oft drastischem Ausmass bewegen. Vielmehr ist es die andauernde Auseinandersetzung zwischen zwei Lagern: Auf der einen Seite den Anhängern einer (vermeintlichen) Zukunftstechnologie und auf der anderen Seite den Kritikern, welche in Bitcoin & Co. nichts anderes als ein Praxisbeispiel der «Greater-Fool-Theorie» sehen. Wer dabei am Ende Recht bekommt, werden wir in den kommenden Jahren weiterhin eng verfolgen.