[«Begrenze deine Verluste und lass die Gewinne laufen.»]
Das menschliche Gehirn ist nicht für das Agieren und Taktieren auf den Finanzmärkten geschaffen. Die Psychologie spielt dem Anleger immer mal wieder einen Streich und auch die (Finanz-)Mathematik hat so ihre Tücken. Hält man sich an eine einfache Börsenweisheit, kann man den psychologischen und mathematischen Fallen aus dem Weg gehen.
Wer als Anleger selbständig an der Börse agiert, hat es wahrlich nicht einfach. Die Verfügbarkeit von Daten, Analysen und Nachrichten hat in den letzten Jahren massiv zugenommen, so dass man sich einer wahren Informationsflut gegenübersieht. Neben diesem relativ jungen Phänomen gibt es zudem ein weiteres Hindernis, das dem Anlageerfolg regelmässig im Weg steht: die menschliche Psyche. «Buy low, sell high», also tief kaufen und später zu höheren Kursen verkaufen, – das möchte jeder gern. Diese antizyklische Handlungsweise widerspricht aber meist unserem Instinkt. Lieber möchten wir auf eine Bestätigung – in Form höherer Kurse – warten und dann zugreifen. Beim Verkaufen wiederum ist das Timing (insbesondere bei weniger erfahrenen Anlegern) oft ebenfalls schlecht und geschieht im schlimmsten Fall in Panik und nahe dem Tiefpunkt. Aus dem guten Vorsatz wird daher leider viel zu häufig ein «buy high, sell low».
Die Tücken der Anlegerpsychologie sind also nicht zu unterschätzen. Die alte Börsenwahrheit «Cut your losses and let your winners run.» gehört in diesem Zusammenhang zwar zu den klügsten ihrer Art, ist aber auch viel einfacher gesagt als getan. Denn Verluste zu begrenzen und Gewinne laufen zu lassen ist – einmal mehr – nicht das, was unser Instinkt uns sagt. Vielmehr unterliegen wir dem sogenannten Dispositionseffekt und realisieren unsere Gewinne (zu) früh, während wir die Verluste laufen lassen. Das Einbuchen von Gewinnen stärkt nämlich nicht nur unser Selbstbewusstsein und gibt uns das Recht auf Prahlerei, sondern ist auch final und beendet das Risiko des Investments. Das Festhalten an Verlustpositionen erhält andererseits die (oft vergebliche) Hoffnung auf eine Kurserholung und vermeidet es zudem sich einen möglichen (Anlage-)Fehler einzugestehen. Viel lieber legen sich (Privat-)Anleger daher einen regelrechten Friedhof mit «Depotleichen» an.
Warum es aber gerade wichtig ist sich den typischen menschlichen Tendenzen zu entziehen und Verluste diszipliniert zu begrenzen, sagt uns eine andere, weniger bekannte, Börsenweisheit, welche der 1999 verstorbene André Kostolany einst prägte: «Gewinnen kann man, verlieren kann man, aber zurückgewinnen: unmöglich». In dem etwas sperrigen Sprichwort steckt eine wichtige (und leider nicht ganz intuitive) mathematische Wahrheit: je höher der Verlust, umso (überproportional) grösser muss der anschliessende Gewinn sein um wieder zum Einstandsniveau zurückzukehren. Fällt eine Aktie beispielsweise von 100 USD auf 50 USD (-50%), dann führt ein anschliessender Anstieg um 50% nur auf 75 USD. Für eine Rückkehr auf 100 USD ist aber eine Verdopplung (+100%) nötig. Fällt eine Aktie um 80% so sind anschliessend bereits 400%(!) Kursgewinn, um wieder zur schwarzen Null zurückzukehren.
Wer seine Verluste konsequent limitiert, stellt damit eine wichtige Weiche für den langfristigen Anlageerfolg. (In unseren Vermögensverwaltungsmandaten betreiben wir daher ein aktives Risiko- und Positionsmanagement.) Zwar benötigt jedes Investment genügend «Luft zum Atmen». Dennoch macht es Sinn einen maximalen erlaubten Verlust für jede Portfolioposition zu definieren und diesen mit einem Stopp-Loss konsequent abzusichern. Katastrophale Verluste, die sich aufgrund der verflixten Finanzmathematik auch mit viel Sitzfleisch kaum jemals wieder aufholen lassen, sollten damit weitgehend vermieden werden können. Für Anleger, die ihr Depot selbst verwalten, eignet sich die Weihnachtszeit nicht nur um sich eine Verlustbegrenzungsstrategie für 2022 zurechtzulegen, sondern auch um die Spreu vom Weizen zu trennen. Falls bei dieser «Inventur» Titel zum Vorschein kommen, bei denen das sprichwörtliche Kind bereits in den Brunnen gefallen ist (das heisst der Buchverlust mehr als 25-30% beträgt), so sollte indes nicht automatisch die Reissleine gezogen werden. Vielmehr sollten sich Anleger in diesem Fall die Frage stellen, ob sie in das jeweilige Unternehmen mit den heute verfügbaren Informationen und zum heutigen Kurs wieder investieren würden.
Verflixte Mathematik
Anleger mit Taschenrechner sind klar im Vorteil
Szenarioanalyse: Verluste und nötige Gewinne zum Einstandspreis
Quelle: Kaiser Partner Privatbank