Die Kunst der Verteidigung

Kaum ein Sektor hat in den letzten Jahren eine derart radikale Umdeutung erlebt wie die Rüstungsindustrie. Was einst als moralisches Minenfeld galt, gilt heute als Rückgrat der westlichen Sicherheit. Aus der Sorge um die geopolitische Sicherheitslage ist eine Investmentstory geworden: Die Semantik hat sich verschoben, aus Krieg wurde Verteidigung, aus Waffen Sicherheit, aus Staatspolitik ein Börsenthema. Und mit jedem neuen Rüstungsauftrag wächst das Dilemma zwischen ökonomischer Vernunft und ethischer Verantwortung.

 

Von der Nische zum Narrativ

Noch vor wenigen Jahren galt die Verteidigungsindustrie in Europa wirtschaftlich und an den Börsen weitgehend als Randsektor. Budgets stagnierten, die Auftragsbücher alterten, und institutionelle Investoren hielten Abstand. Dann kam der Krieg in der Ukraine und mit ihm ein Paradigmenwechsel. Was einst Nische war, ist zu einer globalen Investmentthese geworden – getrieben von geopolitischen Realitäten, industrieller Notwendigkeit und einer wachsenden öffentlichen Akzeptanz. Laut dem Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) erreichten die weltweiten Militärausgaben 2024 den historischen Höchststand von 2.7 Billionen US-Dollar. Das entspricht 2.5% der globalen Wirtschaftsleistung und damit dem höchsten Anteil seit Ende des Kalten Krieges. Besonders Europa erlebte einen Schub: 18 von 32 NATO-Staaten erreichen inzwischen die 2%-Marke des Bruttoinlandprodukts (BIP), und neue Projekte füllen die Auftragsbücher von europäischen Rüstungsfirmen wie Airbus, Rheinmetall und BAE Systems bis weit in die 2030er-Jahre. Für 2025 gehen Prognosen sogar davon aus, dass alle NATO-Mitgliedsstaaten das 2%-Ziel erreichen werden. Darüber hinaus hat die NATO ein ambitioniertes Langfristziel definiert: Bis 2035 sollen die Militärausgaben auf durchschnittlich 3.5% des BIP steigen. Dieses gesteigerte Engagement unterstreicht die strategische Bedeutung der Verteidigungsindustrie und eröffnet beträchtliche Chancen für Investoren, die den Wandel als langfristige Investmentstory begreifen.

 

Aufrüstung | Rasanter Anstieg an Verteidigungsausgaben

Anzahl der NATO-Mitglieder mit Verteidigungsausgaben von mindestens 2% des BIP

Quellen: NATO, Kaiser Partner Privatbank

 

Hinter diesen Zahlen steckt mehr als nur eine sicherheitspolitische Reaktion. Verteidigung wird wieder als industrieller Werttreiber verstanden, als Innovationsmotor, Beschäftigungsgarant und politisches Signal. Die Verteidigungswirtschaft erlebt eine strukturelle Renaissance, getrieben von geopolitischer Unsicherheit, technologischer Innovation und institutionellem Kapital, das zunehmend bereit ist, sich in diesem Spannungsfeld zu positionieren.

 

Sicherheit hat ihren Preis | Und diese Länder bezahlen ihn

Anteil an den weltweiten Militärausgaben

Quellen: SIPRI Military Expenditure Database, Kaiser Partner Privatbank

 

Europas sicherer Boom…

Auf europäischer Ebene verschmelzen Industriepolitik und Verteidigung zunehmend. Staaten, die jahrzehntelang von der Friedensdividende lebten, entwerfen nun neue Förderprogramme, beschleunigen Beschaffungsprozesse und stärken ihre industrielle Souveränität. Der EU-Defence Fund kanalisiert Kapital, gemeinsame Initiativen harmonisieren Standards, nationale Programme schaffen Produktionskapazitäten. So soll eine neue industrielle Basis entstehen, die nicht kurzfristig auf Krisen reagiert, sondern langfristig angelegt ist. Verteidigung wird nicht mehr als Ausnahme, sondern als struktureller Bestandteil europäischer Wirtschaftsstrategie verstanden. Sicherheit wird so zu einem investierbaren Konzept. Für die Kapitalmärkte bedeutet das: Berechenbarkeit. Für Unternehmen: Margenstabilität. Und für Anleger: ein neues Narrativ.

 

… und seine Bruchlinien

Doch genau darin liegt die Gefahr. Wenn Sicherheit zum Investmentthema wird, verschwimmt die Grenze zwischen Schutz und Profit. Und nicht alle Mitgliedstaaten folgen dem neuen Kurs. In Italien etwa blockieren pazifistische Gruppen und juristische Bedenken den Plan der EU, Munitionsproduktion direkt mit europäischen Mitteln zu fördern. Für die einen wäre dies ein Bruch mit der europäischen Friedensidee, für die anderen ein gefährliches Festhalten an einer Vergangenheit, die sich nicht wiederherstellen lässt. Europas Sicherheitsarchitektur wächst industriell zusammen – politisch bleibt sie fragmentiert. Und doch ist das nur die sichtbare Ebene. Hinter den strategischen Debatten verläuft eine zweite, stillere Auseinandersetzung: jene um die materiellen Grundlagen der Verteidigung, um Lieferketten, Produktionskapazitäten und technologisches Know-how.

 

Rüstungsrally | Die Branche, die den Markt übertrifft

MSCI Europe vs. Rüstungsaktien (USD, 100 = Beginn des Ukrainekriegs am 24.02.2022)

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

Ökonomie der Verteidigung

Während die Ereignisse an der Front die Schlagzeilen bestimmen, läuft im Hintergrund eine Lieferkette auf Hochtouren. Pulver, Halbleiter, Software, Satelliten, Logistik. Die moderne Verteidigungsindustrie ist global verzahnt, selbst dort, wo die Politik Autarkie verspricht. Das erklärt auch den Kursanstieg der letzten Jahre: Rheinmetall, Leonardo und Thales sind keine Nischentitel mehr, sondern Wachstumsstories. Doch der wirtschaftliche Effekt höherer Verteidigungsausgaben ist weniger eindeutig, als es die Auftragsbücher vermuten lassen. Forschung zeigt, dass militärische Ausgaben kurzfristig zwar Nachfrage erzeugen, aber nicht automatisch produktive Kapazitäten stärken. Sie stimulieren, aber sie transformieren nicht zwingend. Entscheidend ist deshalb nicht, wie viel Geld investiert wird, sondern wohin es fliesst. Wenn Mittel in veralteten Plattformen gebunden werden, entsteht kaum Zukunft. Wenn sie dagegen in Technologien fliessen, die auch ausserhalb des Militärs Wirkung (Sensorik, Robotik, Cyberabwehr, Kommunikation) entfalten können, entstehen Innovationskreisläufe und Verteidigung wird zur Triebfeder technologischer Modernisierung.

 

Bergpreis | Die Gipfelstürmer der Rüstungsrally

Performance seit Jahresbeginn (Stand 19.11.2025)

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

Die Start-up-Front

In Zuge des allgemeinen Aufschwungs der Verteidigungsindustrie wandelt sich auch die Nachfrage grundlegend. Weg von traditionellen Schwergewichten wie Panzern und Artillerie, hin zu hochpräzisen, autonomen und technologiebasierten Lösungen. Der Konflikt in der Ukraine wirkt dabei wie ein Innovationskatalysator, der den Fokus verstärkt auf KI-gestützte Zielsysteme, Drohnenschwärme und elektronische Kriegführung lenkt. Immer häufiger stammen entscheidende Impulse nicht von staatlichen Rüstungsbetrieben, sondern aus dem privaten Sektor, insbesondere von agilen Start-ups, die sich geschickt an der Schnittstelle von Softwareentwicklung, Sensorik und Sicherheitslösungen positionieren. Beeindruckend ist der Kapitalzufluss: Zwischen 2021 und 2024 hat sich laut einer Studie von McKinsey & Company das Risikokapital für Defence-Tech in Europa um 500% erhöht. Diese Dynamik sorgt nicht nur für technologische Vielfalt, sondern auch für eine neue Wettbewerbslandschaft. Kaum ein Feld macht diesen Wandel so sichtbar wie die Drohnentechnologie. In Deutschland etwa arbeitet ein Netzwerk junger Unternehmen mit Rheinmetall an einer neuen Generation sogenannter Loitering Munitions: Drohnen, die Ziele autonom aufspüren und angreifen können. Die Start-ups liefern Sensorik, Software und Künstliche Intelligenz, Rheinmetall die Plattform. Was hier entsteht, ist nicht einfach ein neues Waffensystem, sondern ein neues industrielles Ökosystem. Denn die Zukunft der Verteidigung wird nicht mehr allein in Stahl gegossen, sondern programmiert. Sie wird in Daten definiert, in Algorithmen trainiert, in vernetzten Schwärmen ausgeführt. Die Frontlinie der Macht verläuft nicht mehr an befestigten Grenzen, sondern in der Steuerlogik autonomer Systeme. Und sie ist nah an jenen Technologien, die im zivilen Leben unsere Städte, Fabriken und Netzwerke prägen. Hier wird Verteidigung zum Innovationsmotor.

 

Innovation in Sicherheitstechnologien| Startups in den USA ziehen das meiste Risikokapital an

Venture-Capital-Finanzierung von Defence-Startups in NATO-Ländern (2018-2024)

Quellen: Dealroom.co, Kaiser Partner Privatbank

 

 Der moralische Kompass der Märkte

Lange galt ein einfacher Grundsatz: Rüstung ist nicht nachhaltig. Punkt. Doch diese moralische Klarheit beginnt zu bröckeln. Sicherheit, so das neue Argument, sei selbst ein öffentliches Gut und damit Teil der Nachhaltigkeit. Auch die Fondslandschaft verschiebt sich: Während ESG-Fonds die Branche noch immer untergewichten, öffnet sich eine wachsende Minderheit. Manche wenden ein Best-in-Class-Prinzip an, andere differenzieren zwischen Produkten – also zwischen Verteidigungstechnologien und Offensivwaffen. Ein dritter Ansatz kombiniert beides, indem er kontroverse Waffen ausschliesst, aber Dual-Use-Technologien zulässt. Diese Entwicklung ist mehr als semantisch. Sie zeigt, dass der Begriff Nachhaltigkeit selbst umkämpft ist. Was heisst Verantwortung, wenn Sicherheit zur Voraussetzung aller anderen Ziele wird?

 

Sicherheit als Wachstumsmotor

Die Verteidigungsindustrie ist heute mehr als ein Sektor staatlicher Aufträge. Sie treibt technologische Entwicklung, schafft Chancen für Start-ups und verbindet Industriepolitik, Kapitalmärkte und Sicherheitspolitik. Investitionen in Cyber, Sensorik, Robotik oder Künstliche Intelligenz schaffen nicht nur militärische Lösungen, sondern beschleunigen auch Innovationen, die in der zivilen Wirtschaft wirksam werden. Selbst symbolische Schritte wie die Umbenennung des Verteidigungsministeriums in den USA unter Trump zeigen, wie eng Sprache, Politik und Industrie miteinander verwoben sind. So entsteht eine stille, aber kraftvolle Infrastruktur der Zukunft, die technologische und wirtschaftliche Resilienz stärkt. Für Anleger bleibt das Thema anspruchsvoll, weil Chancen und Risiken eng miteinander verbunden sind. Die strukturelle Bedeutung des Sektors nimmt zu, doch der richtige Umgang damit hängt stark von der individuellen Ausgangslage und der persönlichen Einstellung zum Thema Verteidigung ab. Anlagehorizont, Risikotoleranz, Nachhaltigkeitsverständnis und Portfolioaufbau bestimmen, ob und in welchem Umfang eine Position sinnvoll sein kann. Eine pauschale Empfehlung gibt es nicht. Entscheidend ist eine sorgfältige Einordnung im persönlichen Kontext und eine klare Vorstellung davon, welche Rolle das Thema im eigenen Portfolio übernehmen soll.

 

Nicola Kollmann Investment Advisor & Sustainability Strategist

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