Prognosen – beliebt, aber wenig hilfreich

An den Finanzmärkten werden tagein, tagaus die Erwartungen der Marktteilnehmer über die Zukunft gehandelt. So verwundert es kaum, dass sich ein ganzer Berufszweig mit Schätzungen zu Aktienpreisen und Konjunkturvariablen beschäftigt und diese Prognosen wiederum täglich Brot für die Finanzmedien sind. Auch Privatanleger schauen gern auf die (Punkt-)Prognosen von vermeintlichen Experten. Jedoch sind jegliche Prognosen mit Vorsicht zu geniessen und sollten nicht von einer langfristigen Anlagestrategie ablenken.

 

Lasst uns Münzen werfen

Wer wüsste nicht gerne, was morgen passiert? Insbesondere an den Finanzmärkten würde sich diese Fähigkeit lukrativ nutzen lassen. Der Blick in die Glaskugel wird im Börsen-TV jeden Tag aufs Neue gewagt, wenn sogenannte „Gurus“ mit ihren Markteinschätzungen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Den Mehrwert dieser Vorhersagen darf man getrost hinterfragen. Genau dies wurde in verschiedenen Studien bereits gemacht.

In einer Untersuchung der CXO Advisory Group wurde geprüft inwieweit selbsternannte (oder von anderen empfohlene) „Experten“ beim Timing des Aktienmarkts ein nützlicher Ratgeber sind. Dazu wurden im Zeitraum von 2005 bis 2012 insgesamt 6‘584 Prognosen von 68 Experten zum US-Aktienmarkt gesammelt und ausgewertet. Deren Prognosemethodik deckte dabei alle denkbaren Spielarten ab – von technischen Indikatoren, über fundamentale Analyse bis hin zur Beobachtung des Marktsentiments. Das Ergebnis: Die Genauigkeit der Vorhersagen war schlechter als ein Münzwurf – im Schnitt lag sie bei unter 47%. Die Verteilung der Prognosegenauigkeit entsprach dabei nahezu exakt einer typischen Glockenkurve, so wie man es von einem reinen Zufallsergebnis erwarten würde. Die höchste Genauigkeit lag bei 68%, die tiefste bei 22%. Zu einem ähnlichen Resultat kamen David Bailey et al. in der Studie „Do Financial Gurus Produce Reliable Forecasts?“, welche sich explizit auf den S&P 500 Index bezieht. Hier waren nur 48% aller Prognosen korrekt und zwei Drittel der Gurus lagen in der Mehrheit der Fälle daneben. Unter den „Teilnehmern“ in beiden Untersuchungen waren so bekannte Namen wie Jeremy Grantham (Gründer des Value-Investors GMO), Marc Faber (Verfasser des „Gloom, Boom & Doom Reports“) und Jim Cramer (CNBC-Superstar). Letzterer gehörte mit einem Prognose-Score von 47% bzw. 37% zu den schlechteren Wettbewerbern. Dem Erfolg seiner Börsensendung „Mad Money“, die er nun seit bald 2 Jahrzehnten bespielt, hat seine tiefe Trefferquote bisher nicht geschadet. Der verlässliche Misserfolg seiner Marktprognosen kulminierte letztes Jahr gar in der Auflegung eines „Inverse Cramer Tracker ETF“. Der gleichzeitig aufgelegte „Long Cramer Tracker ETF“ wurde derweil mangels Interesses schon nach wenigen Monaten wieder eingestellt.

Fazit: Börsentipps von Gurus sind kostenlos, haben aber keinen Mehrwert – tatsächlich können sie gar einen negativen Wert haben. Dann nämlich, wenn sie Anleger von wohldurchdachten Strategien ablenken. Diese Gefahr besteht insbesondere dann, wenn die Guru-Prognosen allein die eigene Meinung bestätigen (Confirmation Bias) und die Objektivität leidet. Die Aussagen der vermeintlichen Experten sollten als nicht mehr und nicht weniger gesehen werden als das, was sie sind: reines Entertainment.

 

Nicht besser als ein Münzwurf | Auch „Gurus“ haben keine Glaskugel

„Guru“-Genauigkeits-Histogramm

Quellen: CXO Advisory Group, Kaiser Partner Privatbank

 

Auch Schwarmintelligenz hilft nicht weiter

Wenn das Handeln auf Anweisung einzelner Gurus nicht profitabel ist, hilft vielleicht die Weisheit der Massen – also die „Prognosen“ bzw. Erwartungen, welche sich aus Umfragen ableiten lassen. Auch hierzu wurden bereits Untersuchungen gemacht. So zum Beispiel von Songrun He et al. (Washington University) in der Studie „How Accurate Are Survey Forecasts on the Market?” im März 2023. Ausgewertet wurden drei etablierte Umfragen, in denen die Teilnehmer u.a. zu ihrem Ausblick auf den US-Aktienmarkt über die nächsten 12 Monate befragt werden:

  • Die Livingston Survey, eine halbjährlich (Juni und Dezember) von der Federal Reserve Bank of Philadelphia durchgeführte Umfrage über die US-Wirtschaft (u.a. auch den S&P-Index). Die Befragten sind Experten und Ökonomen aus der Finanzindustrie und von akademischen Institutionen. Etwa 90 Teilnehmer stehen auf der Mailingliste, von denen jedes Mal 55 bis 65 eine Antwort geben.
  • Die CFO Survey, eine vierteljährliche Befragung von Finanzvorständen in den USA zu den finanziellen Aussichten ihrer Unternehmen mit einer Stichprobe von etwa 4.500 Teilnehmern (von denen jeweils etwa 400 antworten).
  • Die Auswertung von Stefan Nagel (University of Chicago) und Thengyang Xu (City University of Hong Kong), welche verschiedene Datenquellen, darunter die UBS/Gallup Survey, die Conference Board Survey und die Verbraucherumfragen der University of Michigan, zu einer repräsentativen Umfrage über einen typischen US-Haushalt zusammenfasst.

Drei Umfragen und drei Teilnehmergruppen mit unterschiedlichem Fachwissen in Finanzfragen. Was kann da schon schief gehen? Eine ganze Menge, wie eine einfache Statistik zeigt: Keine der Umfragen prognostizierte auch nur annähernd die tatsächliche (historische) Rendite des Aktienmarkts. Diese beträgt langfristig (seit 1945) im Schnitt 7.5% pro Jahr. Die durchschnittlich prognostizierte Rendite aller drei Umfragen war mit 3.8% jedoch nur halb so hoch. Doch nicht nur bei den absoluten Renditeschätzungen war der Abstand zur Marktrealität hoch, sondern auch bei der Prognose der Richtung (hoch/runter). Weder die Finanzmarktprofis noch die Verbraucher waren besser als eine naive Prognose, in der einfach einer Wiederholung der Vorjahresrendite erwartet wurde. Allein die CFOs konnten bezüglich der Markttendenz einen kleinen, aber statistisch insignifikanten, Mehrwert liefern.

Fazit: Die Masse kann es auch nicht. Zumindest mit Blick auf die Prognose von (Aktien-)Märkten gibt es keine Schwarmintelligenz. Wer unbedingt eine Schätzung abgeben muss, unterstellt am besten ganz simpel einen „Random Walk“ des Marktes. 

 

Jahresendprognosen

Auch wenn die Evidenz für den mangelnden Nutzen von Prognosen inzwischen mehr als reichlich ist, haben sie in der Finanzwelt nach wie vor einen festen Platz. Zum täglichen Brot, sowohl für Einzeltitel-Analysten als auch für Marktstrategen, gehören beispielsweise die besonders spezifischen Punktprognosen. Regelmässig zum Jahreswechsel erreicht die Glaskugelschau dann seinen Höhepunkt – in Form von neuen Jahresendzielen für die Blue-Chip-Aktienindizes. Analysiert man die Jahresendprognosen der letzten 20 Jahre für den amerikanischen S&P 500 Index, lassen sich gewisse Muster erkennen: Marktstrategen, die unter Berücksichtigung des makroökonomischen Ausblicks (Top-Down), den Jahresendstand für den US-Leitindex prognostizieren, sind notorisch pessimistisch und haben seit 2005 im Schnitt eine jährliche Rendite von 3.4% prognostiziert – deutlich unter der tatsächlich realisierten Rendite von 9.0%. Einzeltitel-Analysten, deren Punktprognosen für einzelne Aktien zu einem implizit erwarteten Indexstand aggregiert werden (Bottom-Up), sind hingegen systematisch überoptimistisch und prognostizierten eine Rendite von durchschnittlich 11.8% – deutlich über der realisierten Performance.

 

Zu optimistisch/pessimistisch | Die historische Rendite ist die bessere Prognose

Prognostizierte und tatsächliche Renditen für den S&P 500 Index

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

Das gleiche Bild von Pessimismus und Optimismus zeigt sich auch mit Blick auf die Indexprognosen für 2024. Marktstrategen sehen eine Stagnation, während Analysten zweistellige Kursgewinne erwarten. Was sollen Anleger daraus machen? Die Zahlen nicht für bare Münze nehmen, snst ist Verwirrung garantiert. Hätte man in den letzten 20 Jahren jeweils einfach den durchschnittlichen Jahresertrag des S&P 500 seit 1945 (7.5%) als Prognose-Tipp abgegeben, so wäre man zwar etwas zu negativ gewesen, hätte in puncto Prognosegenauigkeit die Expertengemeinde aber in den Schatten gestellt.

 

Verwirrung hoch 2 | Marktstrategen und Aktienanalysten sind sich nicht einig

Indexprognosen für 2024

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

Fazit: Aktienkurs- oder Indexziele sollten Anleger nicht kümmern. Denn auch Experten, welche sich jeden Tag mit der Materie beschäftigen, wissen nicht, wo die Preise am Jahresende stehen werden. Deren Arbeit ist dennoch nicht ganz umsonst. Denn Aktien- oder Marktanalysen identifizieren zumindest die relevanten Preistreiber und können Anlegern dabei helfen, Risiken und Chancen zu erkennen und zu nutzen.

 

Auch Notenbanker haben keine Glaskugel

Wenn überhaupt jemand gute Prognosen machen kann, dann doch die Notenbanken. Dies könnte man zumindest für deren Zinsprognosen annehmen. Schliesslich handelt es sich bei Notenbankern nicht nur um „echte“ Experten mit Zugang zu Unmengen an ökonomischen Daten. Zudem legen sie die Leitzinsen auch noch selbst fest. Doch selbst diese gute Ausgangslage schützt nicht vor Fehleinschätzungen – wie die Prognose-Performance der letzten drei Jahre eindrücklich zeigt. Noch Ende 2021 erwartete die Fed, dass sie den Leitzins bis Ende 2024 auf maximal 2.1% anheben würde. Tatsächlich musste sie die Zinsen schon im Sommer 2023 auf über 5% anheben. Ursache für die falsche Zinsprognose war eine weitere Fehleinschätzung: die Inflationsprognose. So erwartete die Fed Ende 2021 auch, dass die Inflation von 5.2% innert Jahresfrist wieder auf 2.6% fällt. Tatsächlich stand sie dann Ende 2022 aber immer noch bei 4.9%. Zugebenerweise waren die vergangenen Pandemie- und Nach-Pandemie-Jahre wohl für alle äusserst schwierig einzuschätzen, geschweige denn zu prognostizieren. Doch auch in weniger volatilen Zeiten haben die Schätzungen der Notenbanken in der Vergangenheit eine eher kurze Halbwertszeit gezeigt.

 

Ernüchternd | Auch die Notenbanken habe Prognose-Schwierigkeiten

Leitzinsen und Inflation in den USA (und Prognosen der Fed)

Quellen: Bloomberg, Fed, Kaiser Partner Privatbank

 

Fazit: Die Zukunft ist unsicher. Daher lassen sich Märkte und Makrovariablen nicht punktgenau vorhersagen. Auch ausgeklügelte Modelle helfen da nicht weiter. Die Experten der Kaiser Partner Privatbank verzichten bewusst darauf entsprechende Punktprognosen anzustellen. Im Monthly Market Monitor beschränken wir uns darauf die Konsensschätzungen zu Wachstum, Inflation sowie Zinsen zu beobachten und machen lediglich eine Einschätzung zu den Zins-Tendenzen. Wem diese Vorgehensweise zu wenig ambitioniert erscheint, dem seien die Worte von Warren Buffet ans Herz gelegt, die er im Brief an seine Aktionäre im Jahr 2013 formulierte: „Das Verfolgen von Makro- oder Marktprognosen anderer ist reine Zeitverschwendung. Es ist sogar gefährlich, denn es kann den Blick für die wirklich wichtigen Fakten trüben.“

 

Oliver Hackel, CFA Head of Private Markets & Liquid Alternatives

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