What To Watch in 2023: Das nächste US-Schuldenspektakel
(Fast) alle Jahre wieder muss in den USA über die Anhebung der Staatsschuldenobergrenze verhandelt werden. Meist gelingt dies – nicht ohne Umwege und oft erst in der letzten Minute – ohne grössere Friktionen. In diesem Jahr sind die potentiellen Risiken und Nebenwirkungen der Schuldendebatte indes so hoch wie lange nicht mehr. Aufgrund erhöhter Konfrontationsbereitschaft droht im Kapitol ein wahres Schuldenspektakel, das auch die Finanzmärkte nicht kalt lassen dürfte.
Countdown bis zum Showdown
In diesen Tagen wird in den Vereinigten Staaten wieder einmal die vom Kongress regelmässig neu zu verhandelnde bzw. zu erhöhende Schuldenobergrenze erreicht. Mit den inzwischen zur Routine gewordenen finanziellen Kniffen („ausserordentlichen Massnahmen“) kann das Treasury seinen Zahlungsverpflichtungen zwar noch einige Zeit nachkommen. Im Sommer, möglicherweise auch erst im Oktober, dürften jedoch alle Tipps & Tricks verbraucht und die Staatskasse leer sein – dann droht ein Zahlungsausfall. Die Protagonisten in Washington, D.C. sind sich dieses Risikos wohl bewusst. Der rechte Flügel der Republikaner, welcher bei der katastrophalen Wahl-Seifenoper von Kevin McCarthy zum Sprecher des Repräsentantenhauses Anfang Januar bereits seine destruktiven Absichten offenbart hat, ist gar gewillt ordentlich Chaos zu stiften und das Schuldengrenzen-Anhebungsprozedere dazu zu nutzen, den Demokraten erhebliche Budgetkürzungen abzuringen. Insbesondere bei den Sozialausgaben soll der Rotstift angesetzt werden. Während die letzten Episoden der Schuldendebatte in den Jahren 2013, 2015 und 2021 meist erst „5 vor 12“, letztlich aber ein versöhnliches Ende fanden, drohen diesmal ähnlich grosse oder noch schlimmere Verwerfungen wie beim Schuldengrenzen-Showdown von 2011. Damals war ein Rating-Downgrade von Standard & Poor‘s (von AAA auf AA) sowie ein Einbruch des Aktienmarktes von mehr als 10% nötig, um die Politik(er) zur Besinnung zu bringen. Für 2023 ist ein vergleichbar negatives Szenario nicht auszuschliessen. Dieses Jahr scheint es durchaus möglich, dass ein „Deal“ in der letzten Minute nicht gelingt und das Treasury für Tage oder gar Wochen nur noch eingeschränkt agieren beziehungsweise (be)zahlen kann – mit entsprechenden Risiken und Nebenwirkungen.
Wieder einmal am Limit | Dem US-Finanzministerium geht bald das Geld aus
US-Staatsschulden und Schuldenobergrenze (in Billionen US-Dollar)
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Kein „Default“ – aber dennoch Risiken
Falls dem Finanzministerium spätestens im Herbst das Geld ausgeht, droht nicht sofort der Super-GAU im Sinne eines „Defaults“ von US-Staatsanleihen. Schon in den Jahren 2011 und 2013 machten das Treasury und die US-Notenbank Notfallpläne um die termingerechte Bedienung der Staatsschulden sicherzustellen, andere Zahlungen wurden dafür zurückgestellt. Auch für den nun drohenden finanziellen Engpass gibt es einen entsprechenden Priorisierungsplan. Sobald das schwarze Loch in der Kasse näher rückt, dürften die Staatsausgaben temporär um 30% bis 40% reduziert werden, die Zinszahlungen aber sichergestellt sein. Auch wenn den USA somit höchstwahrscheinlich kein Bankrott droht, stellt die Schuldenobergrenze ein nicht zu ignorierendes Risiko dar. Denn selbst in den weniger knappen Schuldendebatten der letzten Jahre war regelmässig ein merklicher Anstieg der Preise für amerikanische Kreditausfallversicherungen (CDS) festzustellen. Dies könnte sich 2023 wiederholen. Und auch am Markt für US-Staatsanleihen, der zuletzt ohnehin von tiefer Liquidität geplagt war, könnte es zu Verwerfungen kommen. Der Aktienmarkt dürfte ebenfalls nicht ganz unbehelligt davonkommen. Speziell die Aktien von Unternehmen, welche von temporären Ausgabenstopps oder – zur Beendigung des Schuldenspektakels möglicherweise nötigen – dauerhaften Budgetkürzungen der Regierung betroffen wären (z.B. der Verteidigungssektor), könnten unter Druck geraten. Länger anhaltende Zahlungsstaus könnten schliesslich auch das Verbrauchervertrauen eintrüben. 2011 führte die Unsicherheit bezüglich der Schuldenobergrenze zum tiefsten Einbruch der Konsumentenstimmung neben der Finanzkrise. Neben volatilen Finanzmärkten droht somit auch ein Dämpfer für das Wirtschaftswachstum. Insgesamt stellt die absehbare Schuldendiskussion das wohl grösste Risiko in der amerikanischen Innenpolitik im Jahr 2023 dar. Die europäischen Märkte dürften sich dem möglichen Chaos nicht gänzlich entziehen können.
Fazit: „Rettung“ in letzter Minute – dieses Drehbuch kennen die Politiker in Washington, D.C. nur allzu gut. Gerade deshalb und aufgrund des konfrontativen Kurses einiger Republikaner könnte es in der diesjährigen Episode einmal nicht nach dem klassischen Skript laufen. Im Risikoszenario drohen grössere Verwerfungen an den Finanzmärkten und ein kleiner Wachstumsschock. Letztlich dürfte aber auch das diesjährige Schuldenspektakel ein Ende finden und sich etwaige Kursrückgänge als temporär erweisen.