Ask the experts – Was unsere Kunden (und die Finanzmärkte) im November 2022 bewegt
Unseren Kundinnen und Kunden stehen wir jederzeit für Anliegen und Fragen zu ihren Portfolios zur Verfügung. Stellvertretend dafür fassen wir einmal pro Quartal die häufigsten Kundenfragen sowie die Antworten unserer Experten zusammen und geben Ihnen damit direkte Einblicke in unsere Vermögensverwaltung und Anlageberatung.
Geopolitik
Die US-Zwischenwahlen gingen knapper aus als erwartet – die «rote Welle» blieb aus. Was sind die Implikationen für Politik, Wirtschaft und Finanzmärkte?
Kaiser Partner Privatbank:
Die politische Unsicherheit dürfte nun kurzfristig erst einmal sinken. Andererseits: nach den Zwischenwahlen 2022 ist vor den Präsidentschaftswahlen 2024 – mit Blick auf die kommende Wahlschlacht ist auch ein geteilter Kongress nicht ohne Risiko. Erfolge bei der Inflationsbekämpfung oder die Vermeidung einer Rezession würden Bidens Chancen einer Wiederwahl erhöhen. Den Republikanern dürfte an echten Lösungen daher nicht viel gelegen sein, eher droht Obstruktionspolitik und ein wiederholtes Spiel mit dem Feuer beim Thema Schuldengrenze. Ihre eigene Agenda – beispielsweise Deregulierung von Wirtschaft und Energiesektor, mehr Geld für Militär, Polizei und Grenzsicherheit, gleichzeitig aber auch Ausgabenkürzungen – werden die Republikaner hingegen kaum vorantreiben können. Nur eines scheint sicher: Mit ihnen wird es keine (weiteren) Steuererhöhungen geben. Die effektiven Unternehmenssteuern dürften tief bleiben, was für die Gewinnmargen und Investoren marginal positiv ist. Die Demokraten wiederum werden weder beim sozialen Sicherheitsnetz einsparen noch Bidens bereits verabschiedete Gesetzesinitiativen beschneiden wollen. Das Defizit im US-Staatshaushalt dürfte vor diesem Hintergrund konstant hoch bleiben oder gar noch ansteigen. Eine Haushaltskonsolidierung ist im bevorstehenden «Gridlock»-Szenario jedenfalls nicht in Sicht.
Was bedeutet das Wahlresultat für die Finanzmärkte? Bei der Antwort auf diese Frage ist Vorsicht angebracht. Nicht nur weil die Wichtigkeit von Wahlen und Politik im Allgemeinen überbewertet wird, sondern auch weil die historische Analyse des Zusammenhangs verschiedener Machtkonstellationen im Kongress und damit verbundener Performance an den Märkten wenig über die Zukunft verrät. Mehr als die Farben rot, blau und lila in Washington, D.C. sind es nämlich Makro- (Wachstum, Inflation, Zinsen) und Mikrovariablen (Gewinne, Bewertungen), welche die Kurse bestimmen. Die unter vielen Anlegern herrschende Annahme, «Gridlock» sei positiv für den Aktienmarkt, gilt zwar seit der Ära von Ronald Reagan Anfang der 1980er Jahre, nicht aber für die von hoher Inflation geprägte Phase 1966 bis 1982. Wer zwingend eine Orientierung an historischen Schablonen benötigt, der sei an den Präsidentschaftszyklus verwiesen. Dieser sieht für das Aktienjahr nach den Zwischenwahlen beziehungsweise vor den Präsidentschaftswahlen – unabhängig von den Mehrheitsverhältnissen im Kongress – eine überdurchschnittliche Performance vor.
Tatsächlich ist es vor allem der Verlauf der Inflation in den nächsten Monaten und Quartalen, welcher den Aktienmarkt als Ganzes demnächst am stärksten beeinflussen dürfte. Die Pattsituation im US-Kongress ist diesbezüglich kurzfristig leicht disinflationär (kein neues Konjunkturprogramm), mittelfristig aber eher inflationstreibend (anhaltende Tendenz zu Ausgabensteigerungen). Der Job der Inflationsbekämpfung wie auch der Konjunkturankurbelung im Falle einer Rezession liegt damit bei der US-Notenbank. Mit Blick auf einzelne Branchen könnte die geteilte Regierung aber durchaus Gewinnern und Verlierer produzieren. Sektoren wie «schmutzige Energie» (v.a. Öl und Kohle) oder Pharma, die unter demokratischer Mehrheit mit grösseren regulatorischen oder legislativen Hindernissen konfrontiert gewesen wären, werden wahrscheinlich eine Gnadenfrist erhalten. Andererseits könnten Sektoren wie erneuerbare Energien oder Infrastruktur etwas an Momentum verlieren. Mehr aber auch nicht – denn bereits verabschiedete Gesetze wie der «Inflation Reduction Act» können von den Republikanern nicht rückgängig gemacht werden. Dafür fehlt ihnen die erforderliche Zweidrittelmehrheit.
Hoffnungsschimmer | Präsidentschaftszyklus spricht für positive Performance
Durchschnittliche Performance des S&P500-Index seit 1950
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Energie
Die Energiespeicher in Europa sind gut gefüllt und der kommende Winter scheint kein Problem mehr – droht dafür ein Gasengpass im Winter 2023/2024?
Kaiser Partner Privatbank: Dank des milden Herbstwetters und der erheblichen (und teuren) Bemühungen um Gasimporte in den letzten Monaten sind die Erdgasspeicher in Europa aktuell sehr gut und weit über der Norm gefüllt. EU-weit betrug der Füllstand Mitte November mehr als 95% der Kapazität, in Deutschland waren die Speicher fast zu 100% gefüllt. Für die komfortable Situation sorgte nicht zuletzt auch eine reduzierte Nachfrage. In Reaktion auf die hohen Preise haben Unternehmen und Haushalte Gas gespart, auf alternative Energiequellen gewechselt und/oder die Produktion reduziert. So hat die deutsche Industrie im Oktober beispielsweise 27% weniger Gas verbraucht als gewöhnlich. Da sich das Risiko von Gasknappheit im bevorstehenden Winter merklich verringert hat, sind auch die Erdgaspreise deutlich gefallen. Seit der Preisspitze von knapp 350 EUR/MWh Ende August sind sie um rund zwei Drittel zurückgegangen und haben sich oberhalb von 100 EUR/MWh stabilisiert. Für den Konjunkturausblick im Euroraum hat dies positive Konsequenzen: Die unvermeidliche Winterrezession wird weniger tief ausfallen (wir rechnen mit einem kumulativen Wachstumsrückgang zwischen -1% und -2% von Q4 2022 bis Q2 2023) und die Haushalte beziehungsweise Unternehmen benötigen etwas weniger Unterstützung (was die Staatshaushalte etwas entlastet).
So weit, so gut. Doch nach dem Winter 2022/2023 ist vor dem Winter 2023/2024. Unsere Szenarioanalyse für die übernächste Kältesaison zeigt, dass ein gewisses Risiko für Gasknappheit bestehen bleibt – allerdings nur im nachteiligsten und unwahrscheinlichsten Szenario. Im Basisszenario eines (1) «normal» kalten Winters, (2) Gaseinsparungen bei Haushalten und Industrie von 10% bis 15% gegenüber dem Durchschnitt der letzten Jahre und (3) weiterhin erhöhten beziehungsweise leicht steigenden (nicht-russischen) Gasimporten dürften die Erdgasvorräte in der EU im Frühling 2024 noch zu mehr als 60% gefüllt sein. Selbst wenn Russland den Gashahn in Richtung Westen komplett abstellen würde, dürfte die Vorratssituation unter diesen Voraussetzungen mit gut 40% immer noch beruhigend deutlich über den Minimum-Füllständen seit 2015 (rund 20%) sein. Die Risikoszenarien sehen hingegen einen überdurchschnittlichen kalten Winter und/oder stagnierende nicht-russische Importe (limitiertes Flüssiggasangebot) vor. Unserer Einschätzung nach dürfte es nur dann zu Engpässen und zur Notwendigkeit von Rationierungen kommen, wenn beide dieser nachteiligen Effekte zusammenkommen. Doch auch wenn der «worst case» wahrscheinlich ausbleibt – eines erscheint sicher: Die Zeiten des billigen Gases in Europa sind vorbei. Die Industrie wird sich in den kommenden Quartalen an die neue Realität anpassen müssen und der aus den hohen Energiepreisen resultierende inflationäre Druck dürfte noch eine Weile erhalten bleiben.
Komfortabel | Der kommende Winter ist (noch) kein Problem
Füllstand der Erdgasspeicher in der Europäischen Union
Quellen: AGSI, Kaiser Partner Privatbank
Geldpolitik
Wie weit werden die Notenbanken die Leitzinsen noch anheben?
Kaiser Partner Privatbank: Zwischen den aktuell noch sehr hohen Inflationsraten und den zunehmenden Konjunkturrisiken müssen die Notenbanken weiterhin einen schwierigen Balanceakt vollführen. Mit Leitzinsen von zuletzt 2% im Euroraum und 4% in den USA hat die Geldpolitik von EZB und Fed unserer Meinung nach bereits eine klar restriktive Wirkung. Die bisherigen Zinserhöhungen von 200 beziehungsweise fast 400 Basispunkten sind für viele Teilmärkte (Immobilien, Unternehmensfinanzierung, etc.) ein Schock, der seine Wirkung naturgemäss nur mit Verzögerung entfaltet. In den letzten Wochen scheinen mehr und mehr Notenbanker diese Einschätzung zu teilen; es überwogen die Stimmen, die demnächst eine langsamere Gangart beim Drehen an der Zinsschraube befürworteten. Auch die Protokolle der letzten Notenbanksitzungen weisen in diese Richtung.
Rückgängige Inflationsraten würden es den Notenbanken erleichtern den von den Finanzmärkten erhofften «Pivot» einzuleiten. In den USA dürfte der Prozess der «Disinflation» längst im Gange sein. Die Teuerungsdaten für Oktober überraschten mit 7.7% (Erwartung: 8.0%) klar auf der Unterseite. Klammert man die volatilen Komponenten Energie und Nahrungsmittel sowie die träge Mietkomponente aus, dann gingen die Preise im Monatsvergleich sogar zurück. Es würde uns nicht überraschen, wenn die US-Teuerung auch in den kommenden Monaten überrascht und viel schneller zurückgeht als erwartet. Dafür sprechen neben dem berühmten «Basiseffekt» auch die fortgesetzte Entspannung in den Lieferketten, steigende Lagerbestände, eine sich abschwächende Nachfrage und die deutlich nachlassende Dynamik bei den Mietpreisen, welche sich ab dem Frühling auch in den Inflationszahlen zeigen dürfte. In der Eurozone wird der Inflationshöhepunkt indes zwar später erreicht, wahrscheinlich in den nächsten 2-3 Monaten – allerdings ist eine Rezession hier bereits eine ausgemachte Sache und das wirtschaftliche Umfeld fragiler. Entsprechend ist auch für die EZB der Raum für noch höhere Zinsen begrenzt. Unter dem Strich sehen wir bei den zwei wichtigsten Notenbanken noch Potential für weitere Zinserhöhungen von 50 bis 100 Basispunkten. Damit sehen wir die finalen Leitzinsen im Frühling 2023 bei 2.5% bis 3% (EZB) beziehungsweise 4.5% bis 5% (Fed). Mit 1.5% bis 2% dürfte der Leitzins in der Schweiz auf einem etwas tieferen Niveau enden. Allerdings hat die SNB mit dem Schweizer Franken ein weiteres Werkzeug um dem Inflationsdruck zu begegnen und dürfte dieses aktiv einsetzen.
Die langsam, aber sicher vorsichtiger werdende Rhetorik der Notenbanken widerspiegelt sich auch an den Zinsmärkten. Dort sind die Erwartungen an den Zins-Höhepunkt seit dem sehr falkenhaften Auftritt von Fed-Chef Powell bei der letzten Notenbanksitzung am 2. November bereits deutlich gesunken. Schwieriger als die Frage nach dem Hochpunkt der Leitzinsen ist indes die Frage nach dem dann folgenden Zinspfad zu beantworten. Die Zinsmärkte erwarten für die zweite Hälfte 2023 bereits wieder Zinssenkungen und preisen damit einen geldpolitischen Fehler der Notenbanken ein, also eine zu forsche Gangart, welche bald wieder korrigiert muss. Die Wahrscheinlichkeit, dass es dazu kommt, ist aus heutiger Sicht tatsächlich hoch. Wenn eine Rezession in den USA ausbleibt, könnten die Leitzinsen dort allerdings auch für längere Zeit auf deinem sehr restriktiven Niveau zwischen 4% und 5% verharren. Denn eine zu schnelle und konjunkturell nicht erforderliche Lockerung der Geldpolitik dürfte die Fed vermeiden wollen. Sie würde das Risiko einer Inflations-Schaukel wie in den 1970er Jahren nämlich deutlich erhöhen.
Warten auf den «Pivot» | Höhepunkt bei 5%?
Markterwartungen für den US-Leitzins im Juni 2023
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Fixed Income
Die Zinsen sind deutlich angestiegen – sind festverzinsliche Anlagen nun wieder attraktiv?
Kaiser Partner Privatbank: Der schnellste global synchrone Zinserhöhungszyklus seit mehr als 40 Jahren hatte an den Anleihemärkten 2022 dramatische Auswirkungen – drastische Kursverluste, oft im zweistelligen Bereich. Die Kehrseite der Medaille: Dank deutlich gestiegener Renditen werden Anleger inzwischen wieder für Risiken entschädigt, demnächst dürften sie gar regelrecht belohnt werden. Der noch im letzten Jahr riesige Berg negativ rentierender Anleihen ist arg zusammengeschrumpft. Anstatt «there is no alternative (TINA)» heisst es nun «there are reasonable alternatives (TARA)». Ein Beispiel dafür sind inflationsgeschützte US-Staatsanleihen: Kauft man heute 10-jährige TIPS, dann kann man einen echten Kaufkraftgewinn von 1.5% einloggen. (Nominale) Staatsanleihen in den USA und Europa sind es denn auch, die momentan das beste Verhältnis von Chance zu Risiko bieten. So werfen 2-jährige US-Treasuries beispielsweise aktuell mehr als 4% Rendite ab. Aber auch länger laufende Papiere werden nun interessant. Denn in USA ist nicht nur der Inflations-Höhepunkt durchschritten, auch die Leitzinserwartungen dürften ihren «Pivot» gesehen haben. Die bisherigen Renditehochs von 4.3% bei amerikanischen und 2.5% bei deutschen 10-jährigen Staatsanleihen könnten daher für den laufenden Zyklus bereits das ultimative Top darstellen oder sollten zumindest nur noch marginal überschritten werden. Insbesondere mit Blick auf das schwache erwartete Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr und das gestiegene Rezessionsrisiko sind fallende Anleiherenditen (und steigende Anleihepreise) der Weg des geringeren Widerstands.
Unternehmensanleihen mit hoher Bonität werden ebenfalls zunehmend interessant. In puncto Risiko preisen die erhöhten Kreditaufschläge bereits einige schlechte (Makro-)Nachrichten ein und bieten einen gewissen Puffer gegen allfällige weitere Renditeanstiege. Auf der Chancenseite dürften (im Basisszenario) indes sowohl die «Credit Spreads» als auch die Zinsen für mittlere und lange Laufzeiten im Verlauf der nächsten 12 Monate zurückgehen. Investment-Grade-Unternehmensanleihen würden dadurch gleich einen doppelten Schub bekommen und könnten kommendes Jahr zweistellige Renditen erzielen. Derselbe Mechanismus spielt prinzipiell auch bei Hochzinsanleihen. In diesem Segment sind wir derzeit jedoch noch etwas vorsichtiger. Mit Blick auf die vorhandenen Wachstumsrisiken in den nächsten zwei, drei Quartalen besteht hier bei den Kreditaufschlägen noch ein grösseres Risiko. 2023 dürften sich aber auch im High-Yield-Bereich Opportunitäten bieten. Wer sich hier engagieren möchte, für den macht ein gestaffelter Einstieg durchaus Sinn. Fazit: Die Chancen für ein «Fixed-Income»-Comeback 2023 stehen gut. Auch das – mancherorts schon für tot erklärte – klassische ausgewogene Portfolio aus Aktien und Anleihen dürfte wieder reüssieren. Unserer Meinung nach ist die risikoadjustierte (erwartete) Rendite für Anleihen besser als für Aktien. Daher dürften auch Risk-Parity-Strategien mit gehebeltem Anleihe-Exposure gut performen.
Attraktive Renditen… | …und zunehmend begrenztes Risiko
Verfallsrenditen
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Aktien
Substanzaktien («Value») haben Wachstumsaktien («Growth») in diesem Jahr deutlich outperformt – wird sich dies 2023 fortsetzen?
Kaiser Partner Privatbank: Die Performancedifferenz zwischen Value und Growth seit Jahresbeginn ist beträchtlich. Während Substanzaktien gemessen am MSCI World Value Index zuletzt «nur» noch rund -10% im Minus liegen, beträgt der Abschlag bei Wachstumstiteln circa -25%. Grösster Treiber für die massive Growth-Underperformance in diesem Jahr sind die Zinsen. Noch vor einem Jahr wurden für 2022 von der US-Notenbank nur zwei kleine Zinserhöhungen von lediglich 25bp erwartet. Für den Euroraum wurde keine einzige Zinserhöhung eingepreist. Tatsächlich hat die Fed seitdem sechs Zinsschritte vorgenommen, darunter vier übergrosse von 75bp. Auch am langen Ende war die Zinsverschiebung massiv: Noch vor einem Jahr hatten ein Viertel aller Staatsanleihen eine negative Rendite, heute erhalten Anleger bei 10-jährigen Treasuries wieder rund 3.8% Zins und lediglich japanische Staatsanleihen weisen teils noch negative Renditen auf. Für die Bewertungen von Wachstumsaktien waren diese Bewegungen fatal. Denn die Umsätze und Gewinne, die bei Wachstumsunternehmen naturgemäss erst weit in der Zukunft realisiert werden (hohe Duration), müssen nun mit einem viel höheren Zinssatz abdiskontiert werden.
Doch auch darüber hinaus hat sich das Makroumfeld auf den Kopf gestellt. In den Jahren seit der Finanzkrise war «Growth» angesichts geringen nominalen Wirtschaftswachstums (und tiefer Inflation) sowie niedrigen Gewinnwachstums in anderen Sektoren überdurchschnittlich attraktiv. Hier waren die Gewinnzuwächse ausserordentlich hoch, insbesondere in den USA. Auch die tiefen Kapitalkosten waren ein positiver Treiber und haben die Bewertungen von Aktien mit langer Duration überproportional nach oben getrieben. Traditionelle «Value»-Sektoren verspürten derweil Gegenwind (beispielsweise strengere Regulierung bei Banken oder fallende Rohstoffpreise bei Rohstoffunternehmen). Attraktiv aussehende Dividenden wurden so zu «Value Traps». Heute stellt sich das Makrobild gänzlich anders dar. Das nominale Wirtschaftswachstum ist (aufgrund hoher Inflation) hoch und die Gewinne von klassischen Substanzaktien sind stark, während sie bei grossen Tech-Unternehmen enttäuschen. Die Kapitalkosten sind merklich angestiegen. Aus «Value Traps» werden nun «Value-Opportunitäten», da höhere Zinsen und Rohstoffpreise in hohen Gewinnen, hohem Free Cashflow und letztlich attraktiven, zuverlässigen Dividenden resultieren. Sektoren mit direktem Bezug zu Inflation (Rohstoffe) oder Profiteure höherer Zinsen (Banken) haben zuletzt entsprechend gut performt.
Wie geht es nun weiter? Eine Rückkehr zum Nach-Finanzkrisenumfeld wird es auf absehbare Zeit nicht geben. Die ultralockere Geldpolitik dürfte nicht schnell wiederkehren und die Inflation selbst im positiven Szenario oberhalb der von den Notenbanken anvisierten 2%-Marke verharren. Auch ein dauerhaftes Comeback der Einzigartigkeit von «Growth» ist daher nicht realistisch. Allerdings heisst dies nicht, dass Wachstumsaktien künftig dauerhaft underperformen werden. Für die taktische Perspektive sind es einmal mehr die (Langfrist-)Zinsen, welche mit Blick auf 2023 entscheidenden Einfluss haben werden. Mit Blick auf unsere weiter oben gegebenen Einschätzungen zu den Anleiherenditen (Hochpunkt möglicherweise bereits erreicht) und den Leitzinserwartungen («Pivot» der Notenbanken in Sicht), dürfte der Druck auf die Bewertungen im Wachstumssegment deutlich nachlassen. Sollte die Fed im Falle eines sich rapide eintrübenden Wirtschaftsumfelds schon im zweiten Halbjahr 2023 zurückrudern und die Leitzinsen senken, wäre zumindest ein kurzzeitiges Revival des Growth-Stils denkbar.
Langfristig orientierte Anleger sollten künftig dennoch nicht mehr allein durch die Wachstums-Brille schauen beziehungsweise binär zwischen «Growth» und «Value» unterscheiden. In Zeiten höherer Zinsen wird Umsatzwachstum nicht nur weniger wertvoll, höheres Wirtschaftswachstum macht es zugleich weniger selten. Gleichzeitig drücken höhere Inputkosten (Energie und Arbeitskraft) auf die Margen. Gefragt sind daher Unternehmen, die nachhaltig jahrein, jahraus Umsätze und Gewinne steigern können. Im Vordergrund stehen künftig Qualitäten wie hohe, stabile Margen, solide Unternehmensbilanzen und konstantes Dividendenwachstum. Auch der Diversifikation kommt künftig wieder grössere Bedeutung zu. Nachdem Investitionen ausserhalb von US-Tech im letzten Jahrzehnt tendenziell eher Rendite gekostet haben, dürfte sich regionale und sektorale Diversifikation im neuen makroökonomischen Umfeld der Zukunft wieder auszahlen.
Ein ungewohntes Bild | «Growth» liegt 2022 deutlich hinten
MSCI World Value vs. MSCI World Growth
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Asset Allocation
Mein Portfolio ist dieses Jahr im tiefroten Bereich. Mein oberstes Ziel ist Kapitalschutz – wie schütze ich mich gegen (weitere) Verluste im kommenden Jahr?
Kaiser Partner Privatbank: Konservativ eingestellte Anleger beziehungsweise Portfolios mussten 2022 Jahr herbe Verluste hinnehmen. In einem Jahr massiv anziehender Anleiherenditen (und entsprechend fallenden Anleihepreisen) und zeitgleicher Kursverluste in nahezu allen anderen liquiden Anlageklassen konnte der Wunsch nach Kapitalschutz selbst von sehr guten Vermögensverwaltern nicht bedient werden. Dass die hohe Inflation die Kaufkraft des Vermögens zusätzlich auffrass, macht die Sache nicht besser. Kursgewinne in einzelnen Branchen (zum Beispiel Energieaktien), illiquiden Anlageklassen (zum Beispiel Private Real Estate) oder die wieder attraktiv gewordene Verzinsung auf dem US-Dollar-Konto dürften die wenigsten Anleger vertrösten – denn kaum jemand dürfte ausschliesslich in Nischen investiert sein oder sein Kapital anfangs des Jahres gänzlich aufs Konto umgeschichtet haben.
Vielmehr dürften viele Anleger ein mehr oder weniger gut diversifiziertes Portfolio ihr Eigen nennen. Daran sollten sie festhalten. Tatsächlich ist Diversifikation insbesondere mit Blick auf das Anlagejahr 2023 wohl mit der beste – und zugleich relativ günstige – Kapitalschutz. Dies nicht zuletzt, weil Anleihen ihre Rolle als Versicherung im Portfolio demnächst wieder ausfüllen sollten. Vor allem im Falle eines adversen Makroszenarios dürften Staatsanleihen deutlich zulegen und wären ein Puffer gegen etwaige weitere Kursverluste bei Aktien. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, für den stehen daneben natürlich auch «klassische» Absicherungsmöglichkeiten wie einfache Put-Optionen oder komplexere Optionsstrategien zur Debatte. Allerdings gibt es diese nicht kostenlos, angesichts relativ hoher Volatilitäten sind sie derzeit eher teuer. Für strukturierte Produkte ist diese erhöhte Volatilität wiederum positiv. Sie ermöglicht attraktive Opportunitäten mit (bedingtem) Kapitalschutz, welche als zusätzliche Diversifikatoren ins Auge gefasst werden können. Um die Diversifikation zu vervollständigen, sollten schliesslich auch Privatmarktanlagen bedacht werden. Sie verfügen zwar nicht über einen eingebauten Kapitalschutz, haben in der Vergangenheit in schwierigen Marktphasen aber regelmässig outperformt. Über defensive Qualitäten verfügt insbesondere Private Credit. Dieses Segment profitiert sogar von den gestiegenen Zinsen, welche bei den meisten Anlageklassen in diesem Jahr grösseren Schaden angerichtet haben.
Sie haben weitere Fragen?
Dann melden Sie sich gerne bei uns.
