Eine erneute Klima-Warnung

Der im August veröffentlichte erste Teil des neuen Weltklimarat-Berichts warnt lautstark vor nie dagewesenen, zum Teil unumkehrbaren Veränderungen des Klimas. Um einen Kollaps zu vermeiden sind intensive klimapolitische Anstrengungen notwendig. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Preis, den Treibhausgasemittenten für ihren ökologischen Fussabdruck zahlen müssen – dieser ist noch (viel) zu günstig.

 

Klare Fakten…

Am 9. August hat der Weltklimarat (Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC)) den ersten Teil des lang erwarteten sechsten Klimaberichts veröffentlicht. Auf knapp 4000 Seiten beschreiben Experten darin die physikalischen Grundlagen des Klimawandels. Folgende Kernbotschaften können wir dem neuen Weltklimarat-Bericht entnehmen:

  • Die Rolle des Menschen ist unbestreitbar: Der seit 1750 beobachtete Anstieg des Kohlendioxids in der Atmosphäre ist direkt auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen, vor allem auf die Verbrennung von Kohle, Öl und anderen fossilen Brennstoffen. Die Emissionen haben im Laufe der Zeit stark zugenommen – ein Trend, der bis heute anhält und zur immer weiteren Erwärmung der Welt führt.
  • Überall und immer mehr: Keine Erdregion kann sich der Klimakrise entziehen und extreme Wetterereignisse werden immer häufiger und wahrscheinlicher.
  • Nachwirkungen für mindestens 30 Jahre: Gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter hat sich die Welt bis heute um 1.1 Grad Celsius erwärmt. Die Menschheit hat bereits so viel Kohlendioxid und andere Treibhausgase in die Atmosphäre gegeben, dass sich die Erderwärmung selbst im Falle sofortiger radikaler Schritte mindestens bis Mitte dieses Jahrhunderts fortsetzen wird. Wetterphänomene wie extreme Dürren, schwere Hitzewellen sowie katastrophale Regenfälle und Überschwemmungen werden sich in den nächsten 30 Jahren fortsetzen und verschlimmern. Einige andere Auswirkungen, wie das Abschmelzen der Eisschilde und der Anstieg des Meeresspiegels, werden noch viel länger anhalten und sind für Hunderte von Jahren oder gar für immer irreversibel.
  • 1.5-Grad-Ziel gerät ausser Reichweite: Im Pariser Klimaabkommen wurde das Ziel definiert die Klimaerwärmung gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter auf 2 Grad Celsius, idealerweise aber 1.5 Grad, zu begrenzen. Selbst im günstigsten aller Szenarien ist das ambitioniertere der beiden Ziele nicht mehr erreichbar. Spätestens im Jahr 2040 wird die 1.5-Grad-Marke gerissen.
  • Drohende Kipp-Punkte: Kipppunkte im Erdklima – Schwellenwerte, an denen eine kleine Veränderung zu dramatischen Umbrüchen führt – können nicht ausgeschlossen werden. Zu solchen „Tipping Points“ könnten etwa schmelzende Eiskappen oder abrupte Veränderungen der Zirkulationsmuster in den Ozeanen gehören.
  • Jede Aktion zählt: Sofortige aggressive, rasche und global umfassende Emissionssenkungen könnten eine Erderwärmung über das Jahr 2050 hinaus aufhalten. Im optimistischsten Szenario würde das Erreichen von „Netto-Null“ bei den Treibhausgasemissionen die Erwärmung in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts gar wieder auf knapp unter 1.5 Grad Celsius zurückführen.

 

Es wird immer wärmer
Der Fussabdruck des Menschen ist unübersehbar

Globale Erwärmung der Erdoberfläche (Abweichung vom Zeitraum 1901-2000)

Quellen: NOAA National Centers for Environmental information, Climate at a Glance: Global Time Series, Kaiser Partner Privatbank

 

 

…und Implikationen

Der neue Bericht des Weltklimarats dürfte eine wesentliche Grundlage für die schon in drei Monaten stattfindende 26. UN-Klimakonferenz in Glasgow bilden. Vor seiner Veröffentlichung haben alle Mitglieder der Vereinten Nationen einstimmig zugestimmt, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse korrekt zusammengefasst wurden – entsprechend darf die Hoffnung bestehen, dass der Bericht ein mächtiges Instrument sein kann, um die Regierungen bei der Aushandlung von neuen Zielen für den Klimaschutz in die Verantwortung zu ziehen. Mehr Druck auf die Staats- und Regierungschefs der Welt wäre auch dringend notwendig, denn bisher reichen die freiwilligen Zusagen der Länder bei Weitem nicht aus um die Erderwärmung unter 2 Grad Celsius (geschweige denn 1.5 Grad) zu halten.

Auch für die Finanzwelt sind die neuesten Einschätzungen des Weltklimarats ein Aufruf. Zwar kann die Finanzwirtschaft die Klimakrise nicht allein lösen. Dennoch muss die Industrie weitere Anstrengungen unternehmen, um zu verstehen, wie Anlagekapital zu nachhaltigeren Ergebnissen in der Realwelt führen kann. Auf Ebene des einzelnen Anlegers ist es in diesem Zusammenhang zunächst wichtig den ökologischen Fussabdruck des eigenen Anlageportfolios zu kennen. Genau für diesen Zweck hat die Kaiser Partner Privatbank ein umfassende Nachhaltigkeits-Reporting entwickelt. Dieses erlaubt es Portfoliounternehmen mit einer schlechten Klimabilanz zu identifizieren und entsprechende Handlungsoptionen abzuleiten.

 

Luftverschmutzung ist noch viel zu «billig»
CO2-Preise müssen weiter steigen

CO2-Preise in verschiedenen Ländern (in US-Dollar pro Tonne)

Quellen: Weltbank, Kaiser Partner Privatbank

 

Parallel zur fortlaufenden „Vergrünung“ der Investmentbranche sind jedoch insbesondere auch weitere klimapolitische Schritte notwendig. Denn auch wenn der Weltklimarat-Bericht in den Medien grosse Beachtung fand und das Bewusstsein für den Klimawandel (kurzfristig) schärft, hinken die Massnahmen zur Verringerung der Treibhausgasemissionen der Realität mit zu grossem Abstand hinterher. Eines der wichtigsten und stärksten klimapolitischen Instrumente ist in diesem Zusammenhang die Bepreisung von CO2-Emissionen im Rahmen vom Emissionshandelssystemen (ETS) oder Kohlendioxid-Steuern. Gemäss der Weltbank gab es per August 2021 weltweit verteilt auf 45 Länder insgesamt 64 Initiativen zur Bepreisung von Kohlendioxid. In Summe decken diese 11.7 Gigatonnen an CO2 beziehungsweise 21.5% der globalen Treibhausgasausstösse ab. Die Dynamik bezüglich neuer Bepreisungs-Initiativen war in den letzten zwei Jahren eindeutig positiv. Das jüngst lancierte chinesische Emissionshandelssystem – mit einem Umfang 4000 Megatonnen an CO2 das grösste der Welt – steht dafür exemplarisch. Ein (grosser) Wermutstropfen relativiert aber diesen scheinbaren Erfolg: In der Mehrheit sind die derzeitigen CO2-Preise noch extrem tief. Nur knapp 4% der Emissionen unterliegen einem Preismechanismus mit CO2-Preisen von mehr als 40 US-Dollar pro Tonne CO2 – dem Minimum, welches Weltbank-Experten veranschlagen, um die 2015 in Paris vereinbarten Klimaziele zu erreichen.

Doch nicht nur dieser Blick aus der Vogelperspektive („top-down“) ist insgesamt etwas ernüchternd. Auch die „Gegenprobe“ – nämlich die Frage, wie viel Unternehmen für ihre Emissionen zahlen müssen – kommt zu einem kaum befriedigenden Ergebnis. Die dafür nötigen Daten liefert das Carbon Disclosure Project – einer Non-Profit Organisation, die im Rahmen einer jährlichen Umfrage die Emissionsdaten für einen Grossteil der weltweit börsennotierten Unternehmen (circa 85% der globalen Marktkapitalisierung) ermittelt. Gemäss den entsprechenden Daten – und einer darauf basierenden Studie von JP Morgan – waren im Berichtsjahr 2019 nur 32% der rapportierenden Unternehmen einem Preismechanismus unterworfen. Im Gegensatz dazu gaben 42% der Unternehmen an derzeit keinen Preis für ihre Emissionen zu zahlen und (noch überraschender), dass sie dies auch in den kommenden drei Jahren nicht erwarten. Die weitergehende Analyse zeigt, dass selbst Unternehmen, die heute bereits einem Preisschema unterliegen, letztlich nur in den seltensten Fällen materielle Kosten für ihren ökologischen Fussabdruck tragen müssen. Im Falle von Emissionshandelssystemen liegt dies vor allem daran, dass den Unternehmen in der Regel eine grosse Menge an Emissions-Zertifikaten kostenlos zugeteilt wird und nur wenige Firmen zusätzliche Zertifikate kaufen müssen. Allein in den Branchen Energieerzeugung und Infrastruktur erreichen die Kosten für Unternehmen mit 4%-6% des EBITDA effektiv eine spürbare Grösse. Im Falle einer Kohlendioxidsteuer, wie es sie beispielsweise in Japan, Singapur, Norwegen und Finnland gibt, ist die effektive Belastung für die Unternehmen in der Regel mit weniger als 3% des EBITDA ebenfalls kaum materiell. Eine Ausnahme stellt Finnland dar (knapp 7% des EBITDA).

 

Zumindest in der EU ein klarer Aufwärtstrend
Der europäische Emissionshandel nimmt eine Vorreiterrolle ein

CO2-Preis in Euro pro Tonne

Quellen: Intercontinental Exchange (ICE), Kaiser Partner Privatbank

 

Trotz einiger ermutigender Signale seitens der Politik steht unserer Gesellschaft sowie den Entscheidungsträgern also noch viel klimapolitische Arbeit bevor. Zumindest dann, wenn wir die Ergebnisse des neuen Weltklimarat-Berichts ernst nehmen wollen. Angesichts der Tatsache, dass die Bepreisung von Kohlendioxid (im Zusammenspiel mit weiteren Massnahmen) als einer der effizientesten politischen Mechanismen zur Reduktion von Treibhausgasen gilt, müssen die bestehenden Ansätze weiter verbessert und insbesondere stringenter durchgesetzt werden.

 

Oliver Hackel, CFA Head of Private Markets & Liquid Alternatives

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