Nachhaltigkeit in Zeiten von «Corona»

Die «Corona»-Rezession kennt viele Verlierer, aber zumindest einen (temporären) Gewinner: die Umwelt. Die Vollbremsung der Weltwirtschaft dürfte erstmals seit der Finanzkrise zu einem Rückgang der weltweiten CO2-Emissionen führen. Die «grüne Welle» der letzten Jahre könnte infolge der Gesundheitskrise allerdings an Schwung verlieren. Was hingegen bleiben dürfte ist der Trend hin zum nachhaltigen Investieren. Der Fokus auf Umweltbewusstsein, soziale Aspekte und gute Unternehmensführung (ESG) wird für Anleger immer wichtiger. Nachhaltigkeit und eine gute risikoadjustierte Performance stehen dabei nicht im Widerspruch. Im jüngsten Abschwung an den Aktienmärkten haben nachhaltige Anlagen einmal mehr ihre defensiven Qualitäten bewiesen.

 

Die Umwelt atmet auf

Der globalen Gesundheitskrise und der unumgänglichen «Corona»-Rezession lassen sich nur wenige positive Seiten abgewinnen. Eine aber doch: Die Umwelt kann vorerst aufatmen. Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit von inzwischen weltweit rund 2.5 Milliarden Menschen wirkt sich nicht nur auf die Verbreitung des Coronavirus aus, sondern auch auf den Planeten. Ob klares Wasser in den Lagunen von Venedig, zwitschernde Vögel in London oder der (fast) smogfreie Himmel über Mailand – die Zwangspause für den Tourismus sowie der deutlich reduzierte Verkehr und die geringere Energieerzeugung sind hör- und sichtbar.

Diese mit Blick auf die Umwelt positive Entwicklung lässt sich auch in Zahlen fassen. In den USA sind die Benzinverkäufe gegenüber dem Vorjahr zuletzt um 48% eingebrochen und auf den tiefsten Stand seit drei Jahrzehnten gefallen. In Europa sind die täglichen Abgasemissionen im Vergleich zum Vorkrisenniveau um 58% gesunken. Erstmals seit der Finanzkrise 2008 dürfte der weltweite Ausstoss von Kohlenstoffdioxid (CO2) in diesem Jahr zurückgehen.

Die derzeitigen Entwicklungen zeigen auf, wie eng die Verzahnung zwischen Wirtschaftswachstum und menschlichem Fussabdruck noch ist.

 

Klimawandel droht aus dem Blick zu geraten

So positiv der kurzfristige Rückgang der Umweltbelastung aufgrund der Corona-Pandemie auch ist. Es besteht das Risiko, dass die Krise vorhandene Umweltbedenken für längere Zeit überschatten wird. UN-Gespräche zur Verständigung über neue Klimaziele wurden vorerst abgesagt. Die Einigung der Europäischen Union auf ein ambitionierteres Emissionsziel für das Jahr 2030 – vor Kurzem noch eine einfache bürokratische Rechenaufgabe – könnte sich nun als schwierigeres Unterfangen erweisen. Zumindest in den kommenden sechs bis zwölf Monaten dürfte sich die politische Agenda zuallererst um «Corona» und die wirtschaftliche Erholung drehen. Denn so schön der positive Nebeneffekt für die Umwelt aktuell auch ist. Die derzeitigen Entwicklungen zeigen gleichzeitig auf, wie «teuer» ein nachhaltiger Wandel des Umweltbewusstseins ist und wie eng die Verzahnung zwischen Wirtschaftswachstum und menschlichem Fussabdruck derzeit noch ist.

Die «Corona»-Krise erreicht uns just in einem Moment, in dem die Klimabewegung deutlich an Dynamik gewann. Greta Thunberg sorgte letztes Jahr in immer grösseren Bevölkerungskreisen für neue oder verstärkte Umweltaufmerksamkeit. Die Europäische Kommission nannte einen «Green Deal» als eine ihrer Top-Prioritäten und selbst in Notenbankkreisen sprach man von Klimastresstests und «grüner quantitativer Lockerung». Doch angesichts der Pandemie dürfte der Klimawandel vielen nur noch als ferne Bedrohung erscheinen. Wie eine Studie der Universität von Connecticut aus dem Jahr 2012 zeigt, besteht eine negative Korrelation zwischen den Bedenken der Öffentlichkeit bezüglich der Umwelt einerseits und der Wirtschaft andererseits. Vor diesem Hintergrund und angesichts der bevorstehenden scharfen Rezession, welche den wirtschaftlichen Abschwung während der Finanzkrise in ihrem Ausmass in den Schatten stellen dürfte, wird das Thema Klimawandel so schnell wohl nicht mehr zu den grössten Sorgen breiterer Bevölkerungsschichten gehören.

 

Nachhaltigkeit wird für Anleger (noch) wichtiger

Was im Zuge der «Corona»-Krise hingegen weiter an Momentum gewinnen wird, ist die Tendenz hin zum nachhaltigen Investieren. Die Buchstaben E, S und G (für Environmental, Social und Governance) haben für Anleger schon in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung zugenommen. Die Pandemie führt nun aber in Echtzeit vor Augen (und macht für viele auch persönlich spürbar) wie wichtig Aspekte guter Unternehmensführung wie beispielsweise Katastrophenbereitschaft und Kontinuitätsplanung oder soziale Faktoren wie bezahlter Krankenstand und die Möglichkeit des mobilen Arbeitens in der Praxis sind.

 

Stetiger Aufwärtstrend
Wachsende Investorengemeinde und wachsende Vermögen

Verwaltete Vermögen und Anzahl der PRI-«Signatories»


Quelle: unpri.org

 

Die zunehmende Bedeutung von ESG-Faktoren für institutionelle Anleger widerspiegelt sich eindrucksvoll in den Vermögen, die von den Unterzeichnern der «Principles for Responsible Investment (PRI)» – zu denen auch die Kaiser Partner Privatbank gehört – verwaltet werden. Diese sind von sechs Billionen US-Dollar im Jahr 2006 auf 86 Billionen US-Dollar Ende letzten Jahres gewachsen. Selbst während des «Corona»-Crashs im Februar und März erfuhr der nachhaltige Anlagestil weiterhin Zuspruch. Während Investoren zwischen dem 21. Februar und 31. März aus europäischen Standard-ETFs 30 Milliarden Euro abzogen, verzeichneten ESG-fokussierte ETFs Zuflüsse von zwei Milliarden Euro.

 

ESG bewährt sich

Anleger, die ihr Portfolio nachhaltig ausrichten wollen, müssen dies nicht zwingend zu Lasten guter Performance tun. In einer Studie von Morgan Stanley für die Jahre 2004 bis 2018 erzielten Aktienfonds mit ESG-Fokus ähnliche Renditen wie herkömmliche Fonds. In negativen Marktphasen schnitten sie relativ betrachtet sogar etwas besser ab. Die defensiven Qualitäten von Aktien nachhaltig agierender Unternehmen wird auch durch die Entwicklung von «nachhaltigen» Aktienindizes bestätigt. So hat beispielsweise der ACWI ESG-Leaders-Index des Indexanbieters MSCI, in denen Unternehmen mit überdurchschnittlich hohen ESG-Ratings aus der ganzen Welt zusammengefasst sind, in den Korrekturphasen der Jahre 2008/2009, 2011, 2015 und 2018 stets besser abgeschnitten als der herkömmliche MSCI All Country World Index.

 

Vergleichsweise krisenresistent
In Korrekturphasen beweisen «nachhaltige Aktien» Stärke

MSCI ACWI Leaders Index (relativ zum MSCI ACWI Index)


Quelle: MSCI

 

In den vergangenen Wochen hat der immer mehr an Popularität gewinnende Anlagestil eine weitere Bewährungsprobe mit Bravour bestanden. Denn auch während des Crashs im ersten Quartal – notabene der schnellste «Bärenmarkt» aller Zeiten – zeigten nachhaltige Anlagen relative Stärke. Aktien, die gemessen an ESG-Kriterien zu den besten ihrer Klasse gehören («ESG Leaders») entwickelten sich im ersten Quartal merklich besser als Aktien mit schlechtem ESG-Rating («ESG Laggards»). Dies sowohl in den USA (S&P500-Index) als auch in Europa (Stoxx600-Index).

 

Nachhaltiges Alpha
Ein gutes ESG-Rating zahlt sich aus

«ESG Leaders» vs. «ESG Laggards» im ersten Quartal 2020


Quelle: Kaiser Partner Privatbank Analyse

 

Aber warum schneiden nachhaltige Aktienanlagen häufig besser ab als der Gesamtmarkt? Ein Teil der Erklärung ist auf Aktien-Faktoren und die Branchenzugehörigkeit zurückzuführen. So gehören Aktien mit hohem ESG-Rating überdurchschnittlich häufig in die Kategorie der Momentum-, Low Volatility oder Quality-Titel und zugleich seltener in die Kategorie «Value». Unter den Branchen ist Technologie besonders oft vertreten, Energie hingegen unterrepräsentiert. Damit sind genaue jene Stile und Sektoren häufiger anzutreffen, die im Bullenmarkt seit 2009 (und auch in der jüngsten Korrektur) überdurchschnittlich gut performt haben. Ein anderer Teil der Performancediskrepanz zwischen nachhaltigen und nicht nachhaltigen Anlagen dürfte in einer Prämie beziehungsweise einem Discount begründet sein, den Investoren für mehr oder weniger nachhaltige Unternehmen zu zahlen bereit sind beziehungsweise einfordern. Da der Trend hin zu nachhaltigen Investments ungebrochen ist und immer mehr Kapital in dieses Anlagesegment fliesst, dürfte die Bewertungsprämie für sogenannte «ESG Leaders» zukünftig weiter zunehmen.

Im jüngst erlebten «Corona»-Crash hat der nachhaltige Anlagestil einmal mehr seine Qualitäten unter Beweis gestellt.

 

Fazit: Die «Corona»-Krise zeigt auf, dass wir zumindest eine Verlangsamung des Klimawandels selbst in der Hand haben – wenn auch zu gewissen Kosten. Auch wenn die Wirtschaftskrise nun andere Themen in den Vordergrund rückt, sollten wir die Umwelt (Environmental) nicht aus den Augen verlieren. Jeder kann einen Teil dazu beitragen. Die Gesundheitskrise macht auch spürbar, was soziale Aspekte (Social) und gute Unternehmensführung (Governance) in der Praxis bedeuten. Unternehmen, die den ESG-Faktoren unzureichend Aufmerksamkeit zuwenden, dürften nicht nur Nachteile im Konkurrenzwettbewerb haben, sondern auch für Investoren weiter an Attraktivität verlieren.

Mit der Wahl einer nachhaltigen Anlagestrategie können Anleger den Wandel hin zu einer nachhaltigeren Gesellschaft im Idealfall beschleunigen. Auf eine gute risikoadjustierte Rendite müssen sie dabei nicht verzichten. Im jüngst erlebten «Corona»-Crash hat der nachhaltige Anlagestil einmal mehr seine Qualitäten unter Beweis gestellt. Die Kaiser Partner Privatbank bewirtschaftet ihre Kundenvermögen bereits seit über einem Jahrzehnt gemäss dieser Investmentphilosophie. Um unser Angebot für Kunden auszubauen haben wir in diesem Jahr ein neues, dezidiertes Nachhaltigkeitsmandat aufgesetzt. In diesen Mandaten werden Nachhaltigkeitsaspekte nicht nur integrierend berücksichtigt, sondern das ESG-Rating optimiert und der CO2-Fussabdruck minimiert.

 

Oliver Hackel, CFA Head of Private Markets & Liquid Alternatives

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