US-Renditen am Tiefpunkt

Die Coronavirus-induzierte Rally bei Staatsanleihen hat die Renditen von US-Treasuries auf historische Rekordtiefs fallen lassen. Aus technischer Sicht ist der Abwärtstrend nun mehr als ausgereizt. Ein (temporärer) Tiefpunkt dürfte bereits markiert worden sein. Einmal mehr haben sich die Schuldverschreibungen der Vereinigten in der jüngsten Krise als sicherer Hafen und guter Hedge im Anlegerportfolio erwiesen. In der nächsten Krise könnte diese Versicherung allerdings an Effektivität verlieren.

 

Allzeittiefs nahe der Null-Linie

Noch vor drei Wochen notierten 10-jährige US-Staatsanleihen bei 1.5% – einem Level, das bereits in den Sommern 2012 und 2016 sowie im vergangenen Herbst einen unteren Wendepunkt markierte. Doch einem vierten Test hielt diese wichtige charttechnische Unterstützung nicht stand. Denn der Einbruch der Aktienmärkte aufgrund der Coronavirus-Epidemie sorgte bei den Anlegern für die häufig zu beobachtende, reflexhafte Flucht in die sicheren Häfen. Und dazu gehören neben Gold (und Schweizer Immobilien) nach wie vor auch die Staatsanleihen der USA – dem liquidesten Anleihemarkt der Welt. Während bei Aktien Anfang der Woche echte Panikverkäufe zu beobachten waren, herrschte bei US-Treasuries regelrechte Kaufpanik. Angetrieben wurde der Kaufrausch nicht nur durch die Coronavirus-Ängste, sondern auch von einer Notfall-Zinssenkung der US-Notenbank und einer rapiden Neubeurteilung der Perspektiven für die US-Leitzinsen – der Finanzmarkt erwartet nun weitere Zinssenkung in Höhe von 100 Basispunkten innerhalb kürzester Zeit.

 

Überverkauft wie nur selten
Realistische Chance für einen Zins-Boden

Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen und Relative-Stärke-Index (RSI)


In den Preischarts hinterliess diese einen fast schon exponentiellen Anstieg der Anleihepreise – und spiegelbildlich nahezu ins Bodenlose fallende Renditen. So rentierten 10-jährige US-Staatspapiere am Montag zeitweise nur noch 34 Basispunkte, jene mit 30 Jahren Laufzeit gerade noch 71 Basispunkte. Aufgrund ihrer hohen Duration verzeichneten die 30 Jahre laufenden Anleihen innerhalb von nur zwei Handelstagen (6. und 9. März) mit 15.8% gar die höchsten Gewinne aller Zeiten. Eine eindrückliche Entwicklung – aber gleichzeitig eben auch Anzeichen eines spekulativen Exzesses.

 

Aufwärtstrend ausgereizt?
Jede Krise hat ihre «Fahnenstange»

Terminkontrakt auf 30-jährige US-Staatsanleihen

Nicht nur technisch ausgereizt

Denn betrachtet man den Langfristchart der 30-jährigen US-Staatsleihen, so fällt nicht nur die krisenbedingte «Fahnenstange» auf. Offensichtlich wird auch, dass die Preise mit der jüngsten Rally zu Wochenbeginn die obere Begrenzung des langfristigen Aufwärtstrends erreicht hatten. Die Renditen wiederum waren gemessen an Momentum-Indikatoren wie dem Relative-Stärke-Index (RSI) zuletzt so überverkauft wie nur selten zuvor. Aus «technischer» Sicht erscheint der Kursanstieg der Anleihen beziehungsweise der Ausverkauf bei den Renditen vor diesem Hintergrund extrem ausgereizt. Doch nicht nur dies spricht für eine (bereits erfolgte) Kehrtwende und eine Bodenbildung auf tiefem Niveau. Klar ist auch, dass sich die Renditen mit der jüngsten Bewegung auch nahe an den endgültigen «Boden» bewegt haben. Sollte die US-Notenbank die Leitzinsen nämlich nicht in den negativen Bereich senken, dann dürfte die Null-Linie in den USA nicht nur für kurze, sondern auch für mittlere und längere Laufzeiten das untere Zins-Limit darstellen.

 

In der aktuellen Krise haben US-Staatsanleihen ihren Status als Versicherung für ein Anlegerportfolio einmal mehr unter Beweis gestellt.

 

Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die US-Notenbanker ihren europäischen und japanischen Kollegen auf dem Weg in Richtung negativer Leitzinsen nicht folgen werden, ist aus unserer Sicht hoch. In der Vergangenheit haben sich diverse Fed-Vertreter wiederholt gegen ein solches ausgesprochen. Eine Senkung der Zinsen auf 0-0.25% innerhalb der kommenden Tage und Wochen ist – angesichts dessen, was die Finanzmärkte von der Fed aktuell einfordern – zwar fast ausgemachte Sache. Darüber hinaus dürfte man aber anderweitig geldpolitische Kreativität walten lassen und neben der bekannten «Forward Guidance» und weiteren Wertpapierkäufen beispielsweise, ähnlich wie in Japan, eine Form der Zinskurvensteuerung aus der Werkzeugkiste holen.

 

Null-Zinsen vorprogrammiert
Die Märkte erwarten weitere massive Zinssenkungen

Rendite 2-jähriger US-Staatsanleihen und US-Leitzins

Teure Versicherung (mit nur bedingtem Kapitalschutz)

In der aktuellen Krise haben US-Staatsanleihen ihren Status als Versicherung für ein Anlegerportfolio einmal mehr unter Beweis gestellt. Trotz erheblichen Verlusten an den Aktienmärkten liegen aktiv verwaltete, gemischte Mandate seit Jahresbeginn bisher erst leicht im negativen Bereich Ob US-Treasuries ihre Funktion als Portfoliohedge auch in einer nächsten Krise im gleichen Ausmass erfüllen können, ist allerdings fraglich. Schwaches Wachstum, tiefe Inflation und die expansive Geldpolitik der Notenbanken dürften dafür sorgen, dass die Anleiherenditen trotz der von uns erwarteten Bodenbildung auf relativ tiefem Niveau bleiben werden. Die Fallhöhe der Renditen bis zur vermeintlichen Untergrenze (Null-Linie) dürfte in der nächsten Rezession daher geringer sein – niedriger wird entsprechend auch das Potential für Kursgewinne bei den Anleihen sein. Besseren Schutz für das Portfolio gibt es dann nur noch bei extrem langlaufenden Anleihen. Die Kosten dafür wären allerdings noch grössere Zinsänderungsrisiken.

Vor diesem Hintergrund wird der Anlagenotstand in Bezug auf die stabileren Bestandteile eines diversifizierten Portfolios in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Zwei der wenigen verbleibenden Optionen unter den klassischen Anlagen bleiben Gold und Immobilienfonds. Beide profitieren von einem anhaltenden Umfeld sehr tiefer Zinsen, das gelbe Edelmetall erfährt zusätzliche Unterstützung von einem schwachen US-Dollar. Aktives Portfoliomanagement und Selektion werden ebenfalls an Bedeutung gewinnen. Um auch in Zukunft weiterhin eine gute risikoadjustierte Performance zu erwirtschaften, dürfte der Fokus dabei unter anderem vermehrt auf alternative Anlageprodukte gerichtet sein.

Für Aktien hat der derzeitige Coronavirus-Schock und der daraus resultierende Ausverkauf bei den Anleiherenditen zwei Seiten: Kurzfristig leidet die Anlageklasse unter der hohen Unsicherheit und des dämpfenden Effekts auf Wirtschaftswachstum und Unternehmensgewinne. Wenn sich der Viren-Nebel in einigen Wochen oder Monaten gelichtet hat, bleibt allerdings ein Umfeld sehr tiefer Zinsen, expansiver Geldpolitik und fiskalischer Stimuli zurück, welches Aktien einen kräftigen Rückenwind geben sollte. Da die relative Attraktivität von Dividendenpapieren im Vergleich zu festverzinslichen Anlagen weiter zunehmen wird, bleiben Aktien für Anleger mit mittel- bis langfristigem Investitionshorizont fast unverzichtbar.

 

Oliver Hackel, CFA Head of Private Markets & Liquid Alternatives

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