MARKET PULSE: Verschiedene Brexit-Szenarien und ihre potenziellen Auswirkungen auf die Märkte
Wir wollen zunächst vier mögliche Ausgänge der Brexit-Debatte beschreiben. In einem nächsten Schritt erörtern wir die Wahrscheinlichkeit der einzelnen Szenarien und ihre potenziellen Auswirkungen auf die Finanzmärkte.
1. Kein Deal – Harter Brexit
Schon seit rund zwei Jahren wird über die Modalitäten des Austritts Grossbritanniens aus der Europäischen Union (EU) verhandelt. Da mehrere Entwürfe eines «Scheidungsvertrags» im britischen Parlament auf heftigen Widerstand stiessen, fanden zwischen der EU und Grossbritannien bereits mehrere zusätzliche Verhandlungsrunden statt. Im Januar 2019 wurde Premierministerin Theresa May eine Frist von zwei Monaten zur Neuverhandlung des Abkommens gesetzt. Jeremy Corbyn, Chef der oppositionellen Labour Party, strebt als Kompromiss eine dauerhafte Zollunion mit der EU an. Allerdings würde eine Einigung auf den Vorschlag Corbyns voraussichtlich zu einer Spaltung der Conservative Party und in der Folge zum Verlust der Mehrheit für Premierministerin May führen. Damit wären vorgezogene Parlamentswahlen wahrscheinlicher, weil sich konservative Brexiteers in einer Vertrauensabstimmung wohl der Stimme enthalten würden. Theresa May wird einem Deal mit der Labour Party also eher nicht nähertreten. Die Position der EU ist verhärtet. Hier zeigt man sich angesichts der Versuche Mays, immer neue Ideen von Brexit-Befürwortern ihrer Partei vorzubringen, verstimmt. All das könnte zu einer Pattsituation und einem Brexit ohne Deal führen.
Doch welche Folgen hätte ein solcher harter Brexit? Bei einem Ausstieg ohne Vertrag kämen die Bestimmungen der Welthandelsorganisation zur Anwendung. Konkret würde das deutlich höhere Zölle als bisher bedeuten. Unserer Ansicht nach müssen sich höhere Zölle und die daraus resultierende Unsicherheit negativ auf die Weltwirtschaft auswirken. So offen viele Fragen noch sind, würde das Vereinigte Königreich wohl in eine längere Rezession abgleiten, und die Bank of England müsste zur Unterstützung der Wirtschaft die Zinssätze senken.
2. Kein Brexit – Verbleib in der EU
Das britische Parlament hat den zwischen Grossbritannien und der EU ausgehandelten Vertrag in einer noch nie da gewesenen Niederlage für eine amtierende Regierung abgelehnt. Bei der Abstimmung kamen 118 der 432 Gegenstimmen aus Theresa Mays eigener Partei, der Conservative Party. Wenn es der Premierministerin auch weiterhin nicht gelingt, einen mehrheitsfähigen Vorschlag einzubringen, wird sie das Vertrauen des Parlaments verlieren. Dies könnte vorgezogene Neuwahlen zur Folge haben. Im Fall einer Umkehr der Kräfteverhältnisse könnte die Labour Party die Brexit-Entscheidung in Frage stellen, und das Vereinigte Königreich würde die EU nicht verlassen. Nach Angaben des Europäischen Gerichtshofs kann Grossbritannien den Brexit auch ohne Zustimmung der anderen EU-Mitgliedstaaten absagen. Ein zweites Referendum mit anderem Ausgang könnte ebenfalls zum Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU führen.
Für diesen Fall rechnen wir mit einer Marktrally. Britische Unternehmen würden Investitionen tätigen, die sie jetzt aufgrund der Unsicherheit zurückhalten, und die Haushalte würden wieder mehr ausgeben. Dieses Szenario wäre für die wirtschaftliche Entwicklung wohl am günstigsten und würde im Vereinigten Königreich für Wachstum sorgen.
3. Verspäteter Deal – Fristverlängerung nach Artikel 50
Der Austrittstermin am 29. März 2019 rückt immer näher, und beiden Parteien läuft die Zeit davon. So betrachtet wird sich ein Deal eventuell gar nicht mehr ergeben. Eine Option, um einen ungeregelten Brexit trotzdem zu verhindern, besteht in der Verlängerung der Frist nach Artikel 50. Das Parlament scheint Premierministerin May derzeit möglichst viel Zeit für Neuverhandlungen mit der EU einzuräumen. Ausserdem liegt ein Antrag der Abgeordneten Yvette Cooper auf für die Regierung rechtsverbindliche Änderung der Austrittsbestimmungen und Verschiebung des Brexit vor. Auch Brüssel wäre eine Verschiebung sicher lieber als ein harter Brexit, weshalb man dort der Fristverlängerung zustimmen dürfte. Theresa May hätte bei einer solchen Verschiebung aber sowohl von ihren eigenen Parteimitgliedern als auch von der EU kaum Anreize zur Schliessung von Kompromissen.
Obwohl die Märkte eine Fristverlängerung sicher besser aufnehmen würden als einen harten Brexit, ist aufgrund der anhaltenden Unsicherheit mit einem Ausbleiben grösserer Investitionen der Unternehmen und Haushalte zu rechnen. In diesem Fall würde die Bank of England unserer Prognose zufolge weitere Zinserhöhungen aussetzen, und es käme zu einer zusätzlichen Abschwächung der Wirtschaft.
4. Weicher Brexit – Ausstieg auf Vertragsbasis
Die EU wird am bereits ausgehandelten Hauptvertragswerk festhalten, wäre jedoch zu Gesprächen bereit, sollte Premierministerin May neue ergänzende Ideen vorlegen. Damit sie die Unterstützung ihrer eigenen Partei beibehält und die Mehrheit erlangt, muss der Austrittsvertrag so angepasst oder ergänzt werden, dass der Backstop klarer und somit zeitlich begrenzt wird, Arbeits- und Umweltschutzgesetze abgesichert sind und die Rolle des Parlaments in den Verhandlungen der zukünftigen Beziehungen zwischen EU und Vereinigtem Königreich nach der (verlängerten) Übergangsperiode geklärt ist. Diesem Szenario zufolge müssten sich die Parteien über eine aktualisierte Version des vorliegenden Vertrags einigen.
Der aktuelle Austrittsvertrag sieht eine Übergangsperiode vor, die bis Dezember 2022 verlängert werden kann. Das würde die Chance auf einen Abschluss der Verhandlungen über die zukünftige Zusammenarbeit zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich erhöhen. Die Fristverlängerung könnte ausserdem die Märkte beruhigen und der Wirtschaft helfen, ihre Aktivitäten fortzusetzen wie bisher.